18.01.13

Suizidkultur

Japan kämpft gegen seinen selbstmörderischen Geist

Japans Behörden gehen gegen die Kultur des Suizids an. Sie haben es schwer, wie ein spektakulärer Fall zeigt: Ein 17-Jähriger wurde vom Trainer zur Leistungssteigerung geprügelt – und erhängte sich.

Von Sonja Blaschke
Foto: TV Japan

Vorgeführt vom Fernsehen entschuldigt sich die Leitung der Oberschule Sakuranomiya für die Brutalität eines Basketball-Trainers, die offenbar den 17-jährigen Kapitän seines Teams in den Tod trieb
Vorgeführt vom Fernsehen entschuldigt sich die Leitung der Oberschule Sakuranomiya für die Brutalität eines Basketball-Trainers, die offenbar den 17-jährigen Kapitän seines Teams in den Tod trieb

Einen Abschiedsbrief schrieb der 17-Jährige an seine Eltern, einen zweiten an seinen Basketball-Trainer. Dann erhängte sich der Oberschüler am 23. Dezember zu Hause mit der Krawatte seiner Schuluniform. Er war der Kapitän des landesweit erfolgreichen Basketballteams der Oberschule Sakuranomiya bei Osaka in Zentraljapan.

30 bis 40 Mal ins Gesicht geschlagen

Seiner Mutter hatte er zuvor anvertraut, dass ihn sein Coach bei einem Übungsspiel am Vortag "30 bis 40 Mal" ins Gesicht geschlagen habe. Die Assistenten, Ex-Schüler, standen tatenlos daneben.

"Bei einem nachweislich so erfolgreichen Trainer konnten wir uns nicht einmischen", sagte einer der Beteiligten später. Gut die Hälfte der Teamkollegen waren auch, wie sich schließlich herausstellte, von dem 47-Jährigen Erfolgscoach geschlagen worden. "Ich möchte die Jungs wie meine eigenen Kinder behandeln und aus ihnen Männer machen", soll der Trainer gesagt haben.

Demütigung zur Leistungssteigerung

Aaron L. Miller von der Universität Kyoto, der zur Prügelstrafe in Japan forscht, kennt solche Fälle. "Der Coach glaubt immer, dass sein Opfer keines ist, sondern ein 'ausgewählter Schüler', der streng trainiert werden muss, um sein Potenzial zu maximieren." Selbst nach dem Selbstmord des Kapitäns stehen manche Schüler und Eltern weiter zu ihm.

Dabei schlug der Trainer so fest zu, dass er den Jungen am Mund verletzte. Noch stärker als die Wunde muss den Jungen, ein laut Schuldirektor erfolgreicher und verantwortungsbewusster Schüler, der Gesichtsverlust geschmerzt haben. Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen Prügelstrafe und Selbstmord gebe, will die Schule nun sogar erst noch untersuchen.

Mitschüler zum Suizid-Proben gezwungen

Osakas Bürgermeister Toru Hashimoto verurteilte die Kultur an der Schule. "Was da passiert ist, ist noch unverzeihlicher als Selbstmord nach Schikane durch andere Schüler." Letzteres gilt als eine der häufigsten Ursachen für Selbstmorde unter Jugendlichen.

Im Juli 2012 machte der Fall eines 13-Jährigen in der Präfektur Shiga Schlagzeilen, der von Mitschülern monatelang gezwungen worden war, den Selbstmord zu "proben". Lehrer nahmen seine Klagen nicht ernst, lachten ihn aus. Er starb im Oktober 2011 durch einen Sprung aus dem 14. Stock. Erst als sein Vater die Schule und drei Schüler verklagte, brachte eine Untersuchung die Umstände ans Licht.

"Selbstmord immer im Hinterkopf"

"Selbstmord ist bei uns irgendwie immer im Hinterkopf", sagte ein japanischer Interviewpartner in dem 2012 veröffentlichten Dokumentarfilm "Saving 10.000" über Selbstmorde in Japan. Für über ein Drittel der Japaner in ihren Zwanzigern soll das 2011 zugetroffen haben, heißt es dort. Es war das Jahr von Fukushima, und ein Jahr, in dem besonders viele Universitätsabgänger ohne festen Job blieben.

Im Gegensatz zu christlich geprägten Gesellschaften gilt in Japan Selbstmord nicht als Sünde. Für manche ist es gar der Ausweg aus der Schuldenfalle. Lebensversicherungen zahlen auch bei Suizid an die Hinterbliebenen. Im traditionellen Theater "Kabuki" sind Doppelselbstmorde üblich. Die Wörter für rituellen Suizid – "Harakiri" oder "Seppuku" – sind zum sprachlichen Exportgut geworden.

Quote drei Mal so hoch wie in Deutschland

"Zehn bis 20 Prozent der Menschen, die in Japan in die Notaufnahme eingeliefert werden, haben versucht, sich umzubringen", schätzt ein Experte in dem Film. 14 Jahre lang verzeichnete Japan mit seinen 127 Millionen Einwohnern über 30.000 Selbstmorde pro Jahr, lange Zeit so viel wie in keinem anderen Industrieland.

Mittlerweile wird Japan bei der traurigen Statistik vom Nachbarn Südkorea überrundet. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl bei knapp über 10.000 – und laut OECD ist die Rate hier zwischen 1995 und 2009 um rund ein Drittel zurückgegangen. Dies wird auf verstärkte Aufklärung zurückgeführt.

Rückständige Psychatrie

"Selbstmord-Prävention muss 'cool' werden", sagt Rene Duignan, der den Film drehte. Den Anstoß gab ein Suizid im näheren Umfeld. Der irische Ökonom, der in Japan an einer Universität lehrt, erklärt, dass rund ein Drittel der späteren Selbstmörder in Behandlung war. Doch in Japan besteht die bei psychisch Kranken vor allem aus Medikamenten. Gesprächstherapie ist unüblich. Die Rückständigkeit dieses Systems gestehen selbst einschlägige Ärzte in Japan zu.

Immerhin erklärte die Regierung 2006 Suizide zum "sozialen Problem". Ihr Ziel: Bis 2016 sollen es 20 Prozent weniger sein. Die finanziellen Mittel halten sich aber in Grenzen. Laut Duignan werden für Prävention pro Jahr rund 150 Millionen Yen (1,26 Millionen Euro) ausgegeben. Immer wieder gab es seither Aktionsmonate, in denen zum Beispiel auf dem öffentlich-rechtlichen Sender NHK Fernsehspots laufen, die für mehr Zusammenhalt in der Familie werben. Doch zunächst änderte sich nichts.

2012 erstmals ein Rückgang

2011 überarbeitete die Regierung ihre Kampagne erstmals – wie es scheint, mit Erfolg: Zum ersten Mal seit 15 Jahren sank 2012 die Zahl der Selbstmorde um 9,4 Prozent deutlich unter die Marke von 30.000, vor allem in den Städten. "Das ist ein Wendepunkt und ein positiver Schritt vorwärts, aber es ist noch ein langer Weg", sagt Duignan. "Ich denke, dass die Präventionsmaßnahmen der Regierung anschlagen."

Zudem scheint die Dreifachkatastrophe im März 2011, die viele Menschen, nicht nur in den direkt betroffenen Gebieten, traumatisierte, einen Bewusstseinswandel ausgelöst zu haben. Spezielle Teams wurden abgestellt, um sich in den Katastrophengebieten der "Pflege des Herzens" anzunehmen.

Patienten heimlich überprüft

Um besonders suizidgefährdete ältere Menschen zu unterstützen, machten Freiwillige die Runde – offiziell, um Blutdruck zu messen. Gleichzeitig beobachteten sie die seelische Verfassung ihrer Patienten. Auch wenn Depressionen in Japan weiter Tabu sind, scheint es für Betroffene zumindest ein wenig leichter geworden zu sein, Hilfe zu bekommen.

Für Schüler wie den 17-jährigen Basketball-Teamkapitän kommt der Wandel zu spät. Seine Welt stürzte am 22. Dezember in sich zusammen. Im Leben eines japanischen Schülers sind Clubaktivitäten alles. Ein Ausstieg führt meist zum Verlassen der Schule.

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