17.01.13

Verurteilt

Der Jäger, der einen Wolf für einen Schäferhund hielt

Ein Jäger hatte den ersten Wolf im Westerwald seit 120 Jahren getötet. Jetzt endete der Prozess mit einer Geldstrafe. Die Aussagen der herumdrucksenden Waidmänner waren nicht zu widerlegen.

Von Eckhard Fuhr
Foto: dpa

Der Wolf wurde im April 2012 im Westerwald bei Gensingen erschossen. Der Jäger hatte das Tier angeblich für einen Hund gehalten, der Rehe gehetzt haben soll.
Der Wolf wurde im April 2012 im Westerwald bei Gensingen erschossen. Der Jäger hatte das Tier angeblich für einen Hund gehalten, der Rehe gehetzt haben soll.

Der Canis lupus italianicus wird ein Gespenst bleiben, das einen winterlichen Vormittag lang durch die deutsche Rechtsgeschichte gegeistert ist, am Amtsgericht des schönen alten Westerwaldstädtchens Montabaur. Dort stand am Donnerstag die Tötung eines Wolfes durch einen Jäger zur Verhandlung. Das "jagdliche Vorkommnis", wie Juristen die Sache nannten, hatte im vergangenen April auch überregional für Schlagzeilen gesorgt. Einen Strafbefehl über 2500 Euro wegen Verstoßes gegen das Naturschutz- und das Tierschutzgesetz hatte der Beschuldigte nicht akzeptiert.

Die Verteidigung zog in Zweifel, dass es sich bei dem getöteten Tier tatsächlich um einen Wolf handelte. Der Jäger und Jagdpächter habe in dem Glauben geschossen, einen wildernden Hund vor sich zu haben. Das Tier hatte zwei Rehe gehetzt.

So kam es zu einer Hauptverhandlung mit umfangreicher Beweisaufnahme, die auch besagtem Canis lupus italicus zu seiner flüchtigen Existenz verhalf. Der Verteidiger nämlich schloss aus der Aussage zweier Gutachter vom Senckenberg-Forschungsinstitut, dass es sich um einen Vertreter der italienischen Wolfspopulation gehandelt habe, dieses Tier sei ein Fremdling und deshalb durch das Bundesnaturschutzrecht gar nicht geschützt gewesen.

Der Wolf ist ein Wolf

Solchen in wildbiologischer wie auch in artenschutzrechtlicher Hinsicht mehr als kühnen Gedankengängen mochte sich der Richter nicht anschließen. Der Wolf sei nach DNA-Analyse ein Wolf und damit basta. Trotzdem verurteilte er den Angeklagten nicht wegen eines naturschutzrechtlichen Vergehens, sondern nur wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, also wegen Tötung eines Wirbeltieres ohne vernünftigen Grund. 70 Tagessätze à 50 Euro kostet das den Schützen, also 1000 Euro mehr, als wenn er den Strafbefehl akzeptiert hätte. Außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen.

Glimpflich ist er dabei trotzdem weggekommen. Denn es gehört viel Wohlwollen dazu, ihm zuzugestehen, dass er nicht damit rechnen konnte, in einem Westerwälder Jagdrevier auf einen Wolf zu treffen, und deshalb die Erwägung, der wilde Hund könne in Wirklichkeit ein Wolf sein, gar nicht anstellte.

Tatsächlich war der erste seit 120 Jahren in dieser Gegend aufgetauchte Wolf Anfang des vorigen Jahres ein großes Medienthema. Kann das alles an dem Jagdpächter vorbeigegangen sein, der zwar nicht im Westerwald, sondern in der Nähe von Bonn wohnt, aber doch seit vielen Jahren dort jagt, für ein Revier mit verantwortlich ist?

Herumdrucksende Waidmänner

Natürlich kann man seine als Zeugen geladenen Mitpächter verstehen. Die wollten ihren Jagdfreund nicht hängen lassen und sagten alle aus, die Sache mit dem durch den Westerwald streifenden Wolf hätten sie nicht Ernst genommen, für einen Scherz gehalten. Und tatsächlich erwies sich ein Wolf auf einem durch die Medien geisternden Foto als Schäferhund, der auf den Namen Söckchen hörte. Trotzdem: Es gab Informationsveranstaltungen über die mögliche Rückkehr des Wolfes in die Region.

Wenn die Jäger das alles wirklich nicht wahrgenommen haben, dann kratzt das doch ziemlich an ihrer Glaubwürdigkeit als kompetente "Fachleute in der Natur". Gerade wer ein Herz für Jäger hat, erlebte in Montabaur peinvolle Stunden angesichts herumdrucksender Waidmänner. Selbst der Kreisjagdmeister, ein Ehrenbeamter des Landkreises, versuchte den Unwissenden zu spielen.

Dem Richter wird sein nüchterner Juristenverstand gesagt haben, dass diese Aussagen zwar sehr wie Gefälligkeitsaussagen klingen, aber doch nicht zu widerlegen sind. Mit dieser Nüchternheit hat er auch ein ausuferndes Verfahren vermieden, indem er den Antrag der Verteidigung ablehnte, ein weiteres Gutachten über die biologische Identität des gefürchteten Tieres in Auftrag zu geben. Die Aussagen der Senckenberg-Wissenschaftler reichten ihm aus.

Tierschutzstraftat statt Artenschutz-Skandal

So also wurde im Amtsgericht Montabaur der Artenschutz-Skandal, der die Naturschutzverbände auf die Barrikaden trieb, zu einer Tierschutzstraftat verkleinert und etwas geahndet, was bis dahin überhaupt nicht im Fokus des medialen Interesses stand.Auch wenn der getötete Wolf ein Hund gewesen wäre, hätte der Jäger sich strafbar gemacht. Denn das Tier wilderte nicht, als es die Kugel traf.

Und was ein wildernder Hund sei, das ist im rheinland-pfälzischen Jagdgesetz mit hinreichender Klarheit beschrieben. Als der Wolf den Rehen hinterher rannte, schoss der Jäger nicht, sondern erst, als das Tier nach einigen Minuten wieder zurückkam, mit irgendetwas "Hellem" im Maul. Was immer er im Maul hatte, einen Frischling, eine Rehkeule oder ein Stück Holz – er wilderte nicht mehr, sondern er hatte gewildert, und es bestand deshalb kein vernünftiger Grund mehr ihn zu töten.

Plastik braucht noch eine Form

In einigen Monaten werden interessierte Naturfreunde den Wolf im Naturhistorischen Museum in Mainz in Augenschein nehmen können. Vor Gericht, wie ursprünglich geplant, konnte er leider nicht erscheinen, denn er liegt bei einem renommierten Präparator in Oberösterreich. Der Balg sei schon gegerbt, hört man. Doch die Plastik müsse noch in Form gebracht werden. Man darf gespannt sein, wie das Tier präsentiert wird, was ja immerhin über ein Jahr im Grenzgebiet von Hessen und Rheinland-Pfalz überlebt hatte. Bei dem Westerwälder Wolf, das ergaben die DNA-Analysen, handelt es sich nämlich um dasselbe Tier, das im Jahr zuvor in der Gegend um Gießen auffällig geworden und dort von einem Auto angefahren worden war.

Auch die vom Tierarzt bei der Sektion festgestellte Fraktur eines Hinterlaufs bestätigt das. Es wäre schön, wenn der Wolf als Präparat diese Geschichte erzählte, die für niemanden gut ausging. Der Landesjagdverband Rheinland-Pfalz begrüßt die Rückkehr des Wolfes. Bei seinen Mitgliedern ist aber offenbar noch eine Menge Aufklärungsarbeit zu leisten. So gesehen hat der Tod des Westerwälder Wolfes doch auch sein Gutes. Kein Jäger kann heute mehr behaupten, er wisse nichts davon, dass Wölfe nach Deutschland zurückkehren – überall und nicht nur in der Lausitz.

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