18.01.13

Russischer Pate

"Opa Hassan" galt schon einmal als tot

"Opa Hassan", Drahtzieher der organisierten Kriminalität in Russland, ist tot. Der 75-Jährige war auf dem Weg in sein Moskauer Lieblingsrestaurant, als Schüsse fielen. Ähnlich war es auch schon 2010.

Von Julia Smirnova
Foto: dapd
Aslan Ussojan alias „Opa Hassan“
Fast eine Rarität: Dieses seltene Foto von Aslan Ussojan alias "Opa Hassan" (l.) stammt vom russischen Staatsfernsehen

Schüsse im Zentrum Moskaus um zwei Uhr nachmittags. Das erinnerte viele Russen an die Zeiten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als alle paar Tage über Auftragsmorde mitten auf der Straße berichtet wurde. Am Mittwoch wurde Aslan Ussojan alias "Opa Hassan" in der russischen Hauptstadt erschossen.

Der Tatort: Die mit alten Stadtvillen bebaute Powarskaja-Straße im Herzen Moskaus, circa 200 Meter entfernt von der Residenz des deutschen Botschafters. Der 75-jährige Ussojan, ein überaus einflussreicher Krimineller, wollte das Restaurant "Alter Phaeton" betreten, als ein Scharfschütze aus einem Präzisionsgewehr Panzerpatronen auf ihn feuerte.

Nach dem ersten Schuss stieß ein Leibwächter "Opa Hassan" schnell in den Eingang und schloss die Tür. Danach erfolgten fünf weitere Schüsse, teilten die russischen Ermittler mit. Die Patronen gingen durch die geschlossene Tür, eine Mitarbeiterin des Restaurants, die neben Ussojan stand, wurde schwer verletzt.

Schwer verwundet überlebt

Im Haus gegenüber fanden die Ermittler im Treppenhaus zwischen der vierten und fünften Etage sechs Patronenhülsen sowie einen Klappstuhl und ein Stück Stoff. Ussojan starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

2010 galt "Opa Hassan" schon einmal als tot. Ein Auftragsmörder schoss auf ihn neben seinem Haus, er überlebte schwer verwundet. Die Ermittler verbreiteten jedoch eine falsche Meldung über seinen Tod, um auf die Spur der Auftraggeber zu kommen. Nach diesem Anschlag fuhr Ussojan immer in einem Korso von vier gepanzerten Wagen und wurde von bis zu 20 Leibwächtern begleitet, schreibt die russische Zeitung "Kommersant".

Das Restaurant "Alter Phaeton" galt als Lieblingsrestaurant der russischen Mafia, in dem sich Kriminelle zu Besprechungen trafen. Für "Opa Hassan" war es sein "öffentlicher Empfangsraum", schrieb die Zeitung "Iswestija", hier saß er oft den ganzen Tag.

Kriminelle Könige, besondere Tätowierungen

Aslan Ussojan war ein König der Mafia-Parallelwelt im postsowjetischen Raum. Er galt als einer der sogenannten Diebe im Gesetz. Dieser Titel entstand in der Sowjetunion in den 30er-Jahren, als das Stalin-Regime hart gegen Andersdenkende und Kriminelle vorging. Die Mafia-Gruppen akzeptierten die sowjetischen Gesetze nicht und lebten nach eigenen strengen Regeln.

Die organisierte Kriminalität überlebte die Sowjetunion und blühte in den 90er-Jahren richtig auf. Die "Diebe im Gesetz" waren die Fürsten dieser geschlossenen Welt. Auf den Mafia-Treffen wurden sie nach alten Traditionen "gekrönt". Wie genau diese Initiation ablief, blieb für die Außenwelt ein Geheimnis.

In der Sowjetunion konnte man die kriminellen Könige an besonderen Tätowierungen erkennen. In den letzten Jahren benutzte die Mafia aber auch moderne Kommunikationsmittel. Vor vier Jahren etwa teilte das russische Innenministerium mit, dass eine "Krönung" von Mafiosi über Telefonkonferenz stattfand. Dutzende Menschen nahmen daran teil, einige davon vom Gefängnis aus. Und im vergangenen Herbst wurde ein georgischer Krimineller gar per Skype zum "Dieb im Gesetz" gekrönt.

Erste Haftstrafe mit 19

Den Titel kann man auch verlieren, wenn die ungeschriebenen Gesetze der Mafia-Welt gebrochen werden. Angeblich darf man als Anführer der Kriminellen keinen Beruf ausüben, keine Familie haben, weder mit der Polizei zusammenarbeiten noch als Zeuge bei einem Gerichtsprozess auftreten. 2009 wusste das russische Innenministerium von circa 400 "Dieben im Gesetz", die in der Ex-Sowjetunion, aber auch weltweit lebten.

"Opa Hassan" war einer der bekanntesten Mafia-Könige. Er wurde 1937 in Georgien geboren. Seine erste Haftstrafe bekam er bereits mit 19. In der 60er-Jahren wurde er in einem sowjetischen Gefängnis "gekrönt". Seit Jahrzehnten soll er sein Imperium in Russland und den Nachbarländern geführt haben, sein Klan war der mächtigste unter den Mafia-Gruppen. In seinen Einflussgebieten bezog "Opa Hassan" Einnahmen von illegalen Kasinos sowie aus dem Waffen- und Drogenhandel.

Die Mafia soll aber auch legal existierende Firmen unter ihrer Kontrolle haben. Aslan Ussojan soll nach Berichten russischer Medien Geld vom Unternehmen bekommen haben, die Straßen und weitere Infrastrukturobjekte für die Olympischen Spielen in Sotschi bauen. Ausgerechnet das könnte der Grund des Mordes gewesen sein.

Gegnern offenen Krieg erklärt

Seit mehreren Jahren hatte "Opa Hassan" einen Streit um illegale Einnahmen im Süden Russlands, vor allem in Sotschi, mit anderen Kriminellen, schreibt die Zeitung "Kommersant". Im Sommer 2011 erklärte der Mafia-König seinen Gegnern einen offenen Krieg. Er rief den Kriminellen Dschemo Mikeladse in Paris an, bat ihn, sein Telefon auf laut zu stellen, beschimpfte ihn öffentlich und sagte, dass er nun als Dieb "entkrönt" sei.

Danach wurden Dutzende Kriminelle beider Seiten ermordet. Bereits 2009 wurde in Moskau Wjatscheslaw Iwankow, ein Verbündeter von "Opa Hassan", erschossen. Zu seiner Beerdigung reisten Hunderte Mafiosi an. Die Trauerkränze kamen aus der ganzen Ex-Sowjetunion, sie trugen Aufschriften wie "Von Brüdern aus Sotschi" oder "Von der Bruderschaft in Kasachstan". Aslan Ussojan dürfte ähnlich spektakulär beerdigt werden. In Russland wird befürchtet, dass mit dem Tod des "Opas" ein neuer Kampf um Einflussgebiete und Verteilung der illegalen Märkte entbrennt.

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