16.01.13

USA

NRA lockt Waffennarren mit Baller-App ab 12 Jahren

Während die Gesetzgeber in den USA um schärfere Waffengesetze ringen, gibt die US-Waffenlobby NRA eine Zielübungs-App heraus. Das Shooter-Spiel ist umsonst – und auch für Kinder freigegeben.

Foto: AFP

Die App "NRA: Practice Range" ist kostenlos verfügbar - ursprünglich sollten sogar Vierjährige das Shooter-Spiel nutzen dürfen
Die App "NRA: Practice Range" ist kostenlos verfügbar - ursprünglich sollten sogar Vierjährige das Shooter-Spiel nutzen dürfen

Einen Monat nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Schule im Bundesstaat Connecticut mit 28 Toten platzt die amerikanische Waffenlobby National Rifle Association (NRA) mit einer fragwürdigen Shooter-App mitten in die Debatte um schärfere Waffengesetze in den USA.

Der Schützenbund veröffentlichte am Sonntag eine kostenlose App für iPad und iPhone, mit der User am virtuellen Schießstand trainieren können. Laut Hersteller Medl Mobile eignet sich "NRA: Practice Range" für Kinder ab vier Jahren und ist auch im deutschen iTunes-Store erhältlich. Erst jetzt wurde die Altersbeschränkung auf zwölf Jahre angehoben.

Doch nicht nur die fragwürdige Altersbeschränkung sorgt für Unmut. Wer das Miniprogramm runterlädt, kann binnen weniger Minuten losballern. Verschiedene Modi stehen zur Auswahl: Indoor, Outdoor und Tontaubenschießen. Auch die Waffe kann der User wählen. Standardmäßig schießt der Spieler mit der M9, wer eine andere Waffe will, kann für 99 Cent Upgrades kaufen, z.B. eine Beretta oder Browning.

NRA erhebt Bildungsanspruch

Doch auch halbautomatische Waffen wie das Sturmgewehr AK 47 sind im Spiel wählbar. Das Perfide: Waffen dieser Art wurden erst am Dienstagnachmittag im US-Bundesstaat New York als Reaktion auf das Schulmassaker in Newtown für den privaten Gebrauch verboten. Und auch Präsident Barack Obama wird am Mittwoch erwartungsgemäß Maßnahmen vorstellen, wonach Sturmgewehre in den USA verboten werden sollen.

Die NRA kritisiert diese Pläne heftig. Nach Auffassung der Waffenlobby müssen Waffenbesitzer besser geschult werden. Ihren Teil der Aufgabe sieht die Lobby erfüllt. Jedes Jahr trainiert die NRA nach eigenen Angaben mehr als 750.000 Waffenbesitzer.

Auch mit der App will die NRA den richtigen Umgang mit Waffen vermitteln. Vor jeder virtuellen Schießeinheit gibt es deswegen eine Bildungsphrase für den Schützen, zum Beispiel: "Trage immer einen Ohren- und Augenschutz" oder "Lass den Finger vom Abzug, bis zu bereit bist zu schießen". In dem vermeintlichen Bildungsanspruch liegt auch die Begründung für die Altersfreigabe von vier Jahren: Die App verbreite keine anstößigen Inhalte.

Selbst User finden App "ekelerregend"

Auch der Hersteller Medl Mobile beruft sich nach Angaben der Huffington Post auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Waffen: Das Spiel vermittle einen sicheren Umgang durch realistische Simulationen. Es halte "die Balance zwischen Gaming und sicherer Ausbildung".

Viele User sehen das anders. Die Empörung über die kostenlose App verbreitete sich Anfang der Woche in die ganzen Welt. Auf Twitter kommentierten User die zum Teil höhnisch: "Die US-Waffenlobby NRA meint ja, Gewalt läge an den ganzen Computerspielen – und tritt prompt den Beweis an."

Tatsächlich hatte NRA-Chef Wayne LaPierre nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule erklärt, Videospiele seien Ursache für derartige Massaker. Waffen dagegen seien ein nötiges Mittel der US-Bürger, sich und ihre Familie zu schützen.

Im App-Store selbst liegen die durchschnittlichen Bewertungen der App bei anderthalb Sternen von möglichen fünf. "Ekelerregend" sei die App, empört sich ein User. "Shooter-Apps für Vierjährige?", fragt ein anderer. Der Protest zeigt indes Wirkung.

Zweithöchste Freigabe-Stufe bei Apple

Mittlerweile wurde die Altersbegrenzung von Apple auf 12 Jahre festgelegt. Es ist die zweithöchste Freigabe-Stufe. Programme in dieser Kategorie enthalten nach Angaben von Apple möglichweise "leichte oder nur gelegentlich vorkommende Darstellung von Cartoon-, virtueller oder reeller Gewalt" sowie "leichte oder nur gelegentlich vorkommende Darstellungen von für Erwachsene konzipiertem oder anzüglichem Inhalt". Die NRA-App, heißt es in der Store-Bewertung, zeige häufig "realistisch dargestellte Gewalt".

Otto Vollmers, Geschäftsführer des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) in Deutschland, hält die neue Alterseinstufung für angemessen: "Bei Shooter-Spielen ist ein entscheidender Aspekt, ob auf Lebewesen oder leblose Zielscheiben geschossen wird."

Jedoch sei eine abschließende Bewertung nicht möglich, da das Spiel kein Prüfverfahren bei der FSM durchlaufen habe. Die Entscheidungen, ob ein Spiel eine bestimmte Altersfreigabe bekommt, würden in Deutschland allein nach rechtlichen und medienpädagogischen Gesichtspunkten getroffen. Die NRA wollte sich bisher nicht zu dem Spiel äußern.

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