16.01.13

Unliebsame Motive

Was bei der Tattoo-Entfernung schief gehen kann

Wer sich ein Tattoo stechen lässt, macht sich oft keine Gedanken, dass ihm das Motiv - etwa der Name des Partners - irgendwann nicht mehr gefallen könnte. Doch die Entfernung von Tattoos ist riskant.

Foto: pa

Soll man nun das sogenannte Arschgeweih weglasern oder damit für immer und ewig leben? Die Tattoo-Entfernung birgt jedenfalls Risiken
Soll man nun das sogenannte Arschgeweih weglasern oder damit für immer und ewig leben? Die Tattoo-Entfernung birgt jedenfalls Risiken

Tätowierungen, einst Schmuck von Matrosen, Gangs und Häftlingen, sind mitten in der Gesellschaft angekommen. Doch nicht immer sind die Bilder auf der Haut lebenslang erwünscht. Sie entfernen zu lassen, ist allerdings mit Risiken verbunden.

"Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund zehn Millionen Tätowierte", sagt Prof. Wolfgang Bäumler, Physiker und Tattoo-Forscher an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie der Universität Regensburg. Die meisten ließen ihre erste Tätowierung im Alter zwischen 16 und 20 stechen.

"Damals entsprachen die Tattoos ihrer Persönlichkeit, und die Betroffenen waren auch überzeugt, ihr Leben lang zu den Motiven und zur Tätowierung an sich stehen zu können", ergänzt Erich Kasten, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Göttingen.

"Doch das ist häufig eine Fehleinschätzung: Persönlichkeiten verändern sich. Das gilt auch für Einstellungen und für Modetrends, welche die Motivwahl mit beeinflussen." So zählen einst trendige Steißbein-Tattoos heute als Modesünde. Auch der Name des Ex begeistert neue Partner selten.

Ebenso ist im Job eine Tätowierung oft hinderlich: "Bei der Polizei ist Auflage, dass künftige Anwärter Tattoos nur an nicht sichtbaren Stellen des Körpers haben dürfen", sagt Wolfgang Kimmig, Vorsitzender der Deutschen Dermatologischen Lasergesellschaft in Hamburg.

Viele Tätowierte wollen Tattoo loswerden

"Und auch in manch einer gastronomischen Einrichtung sind Körpergemälde zum Beispiel an den Händen nicht gerne gesehen." Die Folge: "Nach unserer Internet-basierten Umfrage mit rund 4000 Teilnehmern wollen etwa fünf Prozent der Tätowierten ihr Tattoo loswerden", sagt Bäumler. Hochgerechnet sind das rund 500.000 Menschen.

Wer eine unabhängige Beratung zur Tattoo-Entfernung sucht, hat allerdings ein Problem: Die Unabhängige Patientenberatung Deutschlands, die großen Verbraucherzentralen, das wissenschaftliche Institut der AOK, das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen – alle erklärten auf Anfrage, sie hätten sich noch nicht näher mit Methoden und Risiken der Tattoo-Entfernung befasst.

Diejenigen, die das tun, sind die Anbieter. "Rechtlich befinden wir uns in einer Grauzone. Heute wird die Entfernung von Tattoos nicht nur von Ärzten, sondern auch von Kosmetikerinnen oder auch von Tattoo-Studio-Betreibern angeboten", sagt Bäumler. "Als Patient sollte man jedoch immer zu einem Mediziner gehen. Schließlich kann bei der Behandlung einiges schief gehen."

Achtung vor Blitzlampen und Milchsäure

Die Farbpigmente sitzen in einer Tiefe von bis zu vier Millimetern unter der Hautoberfläche und müssen dort behandelt werden. "Früher wurden Tätowierungen abgetragen oder abgeschliffen. Kleine Stellen können auch chirurgisch entfernt werden", erklärt Kimmig. Dabei entstehen allerdings Narben. "Unbedingt abzuraten ist von der Behandlung mit Blitzlampen oder mit Milchsäure. Bei beiden Methoden wird die Haut schwer beschädigt und vernarbt."

Heute ist Lasern die gängigste Therapiemethode: Der Laserstrahl erwärmt und zersprengt die Pigmente in der Haut. Die Partikel werden über die Lymphe abtransportiert. Bei der Behandlung wird der Schmerz durch kalte Luft und eventuell Betäubungscreme gelindert.

"In den ersten Tagen nach einer Sitzung gleicht die behandelte Stelle einer Schürfwunde", sagt Kimmig. "Sie muss desinfizierend behandelt und durch Kleidung oder auch Abkleben vor Licht geschützt werden. Schwimmen oder intensiver Sport ist in diesen Tagen tabu."

Eine Behandlung kann bis zu 300 Euro kosten

Der Gesamtaufwand hängt von Hautdicke, Tattoo-Fläche und -Farbe ab. Sechs bis zehn Behandlungen im Abstand von jeweils vier bis sechs Wochen seien durchaus üblich. Eine Sitzung könne zwischen 75 und 300 Euro kosten.

Der volle Erfolg ist nicht garantiert: "Bunte Tattoos lassen sich in der Regel deutlich schwerer entfernen als schwarze", sagt Bäumler. "Im schlimmsten Fall können bei einem bunten Tattoo einzelne Farben entfernt werden, andere werden blasser und wieder andere reagieren gar nicht. Ein solches anbehandeltes Tattoo kann weit schlimmer aussehen als ein ganzes Tattoo."

Auch übertätowierte oder hautfarben nachgearbeitete Tattoos lassen sich laut Dermatologe Kimmig schwer behandeln. Und: "Wenn man bei der Therapie sehr oft über die Haut gehen muss, kann es auch zu bleibendem Pigmentverlust kommen. Die Haut ist dann heller und fühlt sich leicht narbig an."

Keine Auskunft über Nebenwirkungen

Aufwand, Chancen und Risiken muss der Patient vor der Therapie kennen. Sachkundige Dermatologen nennt die Deutsche Dermatologische Lasergesellschaft (DDL) oder die Deutsche Gesellschaft für Lasermedizin (DGLM).

Worüber niemand Auskunft geben kann, sind Langfristfolgen: "Erstens wissen wir nicht, was in den Farben enthalten ist", zählt Kasten auf. "Zweitens wissen wir nicht, was aus den Inhaltsstoffen der Farben wird, wenn sie mit dem Laser bestrahlt werden."

Und drittens wisse man nicht, wohin die pulverisierten Farbstoffe im Körper gelangen und was sie dort bewirken. "Das heißt also: Wir haben keine Ahnung über mögliche Nebenwirkungen oder Folgeerkrankungen."

Das ist ein Dilemma: "Wenn jemand sein Leben lang mit einer Tätowierung herumlaufen muss, die er eigentlich loswerden möchte, kann das sehr problematisch sein", erläutert Kasten. Minderwertigkeitsprobleme und gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers können die Folge sein.

Aber stattdessen die Risiken einer Tattoo-Entfernung auf sich nehmen? Das will wohl überlegt sein – am besten vor der Tätowierung.

Quelle: dpa/oc
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