15.01.13

Vogelgrippe

Das dumme Experiment mit dem tödlichen Supervirus

Als Forscher Anfang 2012 ein superpotentes Vogelgrippe-Virus erzeugten, griff die US-Regierung ein: Der Erreger könnte in die Hände von Terroristen gelangen. Seitdem liegen die Forschungen auf Eis.

Von Christina Horsten
Foto: pa

Die Sterblichkeitsrate bei der Vogelgrippe liegt bei 60 Prozent: Die Variante, die Wissenschaftler Anfang 2012 im Labor erzeugt haben, dürfte noch weit gefährlicher sein
Die Sterblichkeitsrate bei der Vogelgrippe liegt bei 60 Prozent: Die Variante, die Wissenschaftler Anfang 2012 im Labor erzeugt haben, dürfte noch weit gefährlicher sein

Große Hysterie, ausgelöst von kleinen Frettchen: Bei Forschungen zur Vogelgrippe infizierten niederländische Wissenschaftler Marder mehrfach hintereinander mit dem Virus H5N1.

Das Ergebnis: Ein gefährliches Supervirus, das sich rasend schnell unter den Tieren ausbreitete und die meisten von ihnen tötete. Forscher im US-Bundesstaat Wisconsin kamen zu ähnlichen Ergebnissen.

Ein "dummes Experiment" sei es gewesen, gestand Ron Fouchier von der Erasmus-Universität in Rotterdam später ein. Aber das Supervirus war in der Welt und mit ihm die Hysterie: Was würde passieren, sollte der Erreger in falsche Hände geraten?

Angst vor Bioterrorismus

Von möglichem Bioterrorismus war die Rede, und als dann sogar die US-Regierung darum bat, die Ergebnisse nicht zu veröffentlichen, entschieden sich die Wissenschaftler zu einem drastischen und seltenen Schritt: 60 Tage lang würden sie alle Forschungen mit der neuen Variante des H5N1-Erregers auf Eis legen.

Am kommenden Sonntag (20. Januar) ist die in den Fachjournalen "Science" und "Nature" veröffentlichte Erklärung, die Forschung mit dem Supervirus zu stoppen, genau ein Jahr her – doch die Arbeit der Wissenschaftler ruht noch immer. Aus den geplanten 60 Tagen sind rund sechsmal so viele geworden.

Aber das sei nicht schlimm, sondern gut so, sagt Anthony Fauci, einer der bekanntesten amerikanischen Immunbiologen. "Das wurde alles sehr stark überbewertet damals." Die Auszeit habe geholfen, alle zu beruhigen.

Forscher sind kooperativ

"Sie dauert jetzt schon so lange an, weil es so viele Diskussionen gibt. Und die beteiligten Wissenschaftler sind sehr kooperativ darin, ihre Forschungen weiter auszusetzen, bis wir eine wirklich breite Diskussion und dann letztendlich eine Entscheidung haben."

Das Problem sei nun einmal komplex, erklärt Fauci, der das Nationale Forschungsinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland leitet. "Zunächst einmal wissen wir bisher nur, dass das neue Virus bei Frettchen so einfach übertragbar ist. Wie das beim Menschen ist, ist ja noch gar nicht erforscht."

Beim natürlichen Erreger sei das Risiko der Übertragung von Mensch zu Mensch sehr gering, sagt Fauci. Aber wenn das neue Supervirus – und das vermuteten die Wissenschaftler – sich auch beim Menschen derart rasend schnell verbreiten würde, dann würde es eine enorme Gefahr darstellen.

Enorm hohe Sterblichkeitsrate

Während die Sterblichkeitsrate bei einer normalen Grippe bei ungefähr einem Prozent liegt, beträgt sie bei der Vogelgrippe dramatische 60 Prozent. "In den vergangenen zehn Jahren sind zwar weltweit nur 600 Fälle von Vogelgrippe beim Menschen bekanntgeworden – aber davon sind eben etwa 60 Prozent gestorben. Und das ist wirklich etwas noch nie dagewesenes."

Allen beteiligten Wissenschaftlern sei folglich klar: "Das Virus darf nicht in die falschen Hände geraten." Wenn es aus einem Labor gestohlen würde, oder jemand das in einem Fachmagazin beschriebene Experiment nachmache und das Virus selbst herstelle, sei die Gefahr von Bioterrorismus hoch.

Andererseits: Was passiert, wenn das Virus in freier Natur von selbst mutiert? Und dann niemand ein Mittel dagegen hat, weil das alles nicht erforscht worden ist? "Dann haben wir ein echtes Problem", meint Fauci.

Entscheidung soll bald fallen

Bei zahlreichen Treffen – zuletzt im Dezember in Washington – haben Forscher, Gesundheitspolitiker und Sicherheitsexperten das Thema hin- und hergewälzt. Und jetzt, so kündigt der stets an den Diskussionen beteiligte Fauci an, sei eine Entscheidung vielleicht wirklich endlich absehbar. "Wir kommen einem Ergebnis sehr nahe."

Was sich abzeichne, sei eine Zwischenlösung: "Vor jedem solchen Experiment müsste man dann künftig entscheiden: Ist das Labor sicher genug, und sind die Forscher gut genug ausgebildet? Wird das Experiment die Wissenschaft voranbringen, ist es unbedingt notwendig, und gibt es mehr Nutzen als Risiko?

Das große Moratorium, das wir jetzt haben, wird dann zu einem Moratorium nur für ganz bestimmte Experimente werden." Die Entscheidung könne wahrscheinlich schon auf einem Treffen der Weltgesundheitsorganisation WHO im Februar gefällt und verkündet werden.

Sorgfalt wichtiger als Schnelligkeit

Aber auch wenn nicht: Bei dieser komplizierten und potenziell hochgefährlichen Angelegenheit sei Sorgfalt wichtig, nicht Schnelligkeit, sagt Fauci. Die Forschung werde von dem Moratorium zudem nicht sonderlich behindert.

"Diese Arbeit macht nur etwa ein Prozent der gesamten Grippe-Forschung aus. Die Wissenschaftler machen dann eben etwas anderes. Es ist nicht so, als ob da jetzt eine ganze Kolonie von Grippe-Wissenschaftlern untätig herumsitzt."

Quelle: dpa/oc
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