12.01.13

Missbrauchsdebatte

"Der katholischen Kirche geschieht Unrecht"

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann ist Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview sagt er, wie er das Forschungsprojekt jetzt noch retten will.

Foto: dapd

Stephan Ackermann wehrt sich gegen den Vorwurf der Zensur
Der Bischof von Trier: Stephan Ackermann wehrt sich gegen den Vorwurf der Zensur

Nach dem vorläufigen Stopp der Missbrauchsstudie am Mittwoch ist die katholische Kirche in die Defensive geraten. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, der die Studie hätte betreuen sollen, wirft den Bischöfen Zensur vor. Politiker und Opferverbände warnen die Kirche vor einem Erlahmen der Aufklärungsbemühungen.

Berliner Morgenpost: Herr Bischof, der Kriminologe Christian Pfeiffer erhält seinen Zensurvorwurf aufrecht. Politiker wie die rheinland-pfälzische Familienministerin Irene Alt sprechen ebenfalls von Zensur. Wie wollen Sie sich gegen diesen Vorwurf wehren?

Bischof Ackermann: Der Vorwurf stimmt nicht. Deshalb gehen wir rechtlich dagegen vor, dass Professor Pfeiffer den Vorwurf wiederholt. Das ist aber nur die juristische Seite. Wir haben immer klar gesagt: Wir wollen die kriminologische Aufarbeitung, deshalb suchen wir ja jetzt einen neuen Projektpartner. Wenn die Ergebnisse dann mal auf dem Tisch liegen, wird man endgültig sehen, dass der Vorwurf der Zensur wirklich nicht stichhaltig ist.

Berliner Morgenpost: Und bis dahin wollen Sie die Kritik im Raum stehen lassen, die Kirche verfalle in alte Vertuschungsmuster?

Ackermann: Nein. Ich werde immer wieder in Erinnerung rufen, dass wir ja drei Elemente der Aufarbeitung haben. Wir haben mit einer Forschergruppe um Professor Leygraf von der Uni Duisburg-Essen zusammengearbeitet, mit wahrhaftig nicht namenlosen Wissenschaftlern, die Tätergutachten ausgewertet haben. Die Ergebnisse sind längst veröffentlicht. In diesem Projekt gab es nie irgendeinen Dissens mit den Forschern und erst recht keine Zensur. Zweitens präsentieren wir in der nächsten Woche den Abschlussbericht der Telefonhotline, die wir für Missbrauchsopfer eingerichtet hatten. Opfer haben uns am Telefon gesagt, was sie für Hilfe gebraucht hätten, was in der Kirche schieflief. Was bei diesen Projekten herauskam, ist nicht schmeichelhaft für uns. Trotzdem gehen wir damit an die Öffentlichkeit. Die geplante Pfeiffer-Studie wäre dann ein drittes Element gewesen.

Berliner Morgenpost: Trotz dieser Aktivitäten werfen viele Menschen der Kirche immer noch Untätigkeit vor.

Ackermann: Das ist für mich schmerzlich. Wir haben mit einer unheimlichen Energie und Zeit gemeinsam mit Professor Pfeiffer versucht, dieses große Forschungsprojekt zustande zu bringen. Uns war klar: Wenn das scheitert, ist das ein Rückschlag. Es war klar, dass dann solche Signalwörter wie "Zensur", "Kontrollwut" oder "Aktenvernichtung" auftauchen. Dass Menschen das lesen und sich dann empören, kann ich nachvollziehen.

Berliner Morgenpost: Geschieht der Kirche Unrecht, wenn man solche Stichworte benutzt?

Ackermann: Diese Vorwürfe entsprechen nicht der Wahrheit. In diesem Sinne geschieht uns derzeit Unrecht. Unsere ehrlichen Aufklärungsbemühungen werden leider zu wenig gesehen.

Berliner Morgenpost: Schon vor dem Stopp des Forschungsprojekts gab es Spekulationen, einzelne Bistümer könnten längst ausgestiegen sein. Warum gelingt es Ihnen nicht, Ihre Amtsbrüder von der Wichtigkeit der Untersuchung zu überzeugen?

Ackermann: Bei dem Forschungsvorhaben müssen verschiedene Dinge miteinander abgewogen werden. Das eine ist die wissenschaftliche Aufarbeitung im umfassenden Stil. Das andere ist die Verantwortung, die ein Bischof als Dienstgeber gegenüber Personen hat. Hier geht es ja darum, dass ohne das Einverständnis der Betroffenen Personalakten geöffnet werden. Das wäre in anderen Institutionen genauso sensibel. Wenn ich als Bischof das akzeptiere, muss ich mir sicher sein, dass mit den Daten auch wirklich vertraulich umgegangen wird. Dieses Vertrauen braucht absolute Verlässlichkeit. Professor Pfeiffer hat durch sein sprunghaftes Verhalten kein Vertrauen aufgebaut, sondern zerrüttet.

Berliner Morgenpost: Sagen Sie voraus, dass sich alle 27 Bistümer an der geplanten Fortsetzung des Forschungsprojekts beteiligen werden?

Ackermann: Ich möchte mich an Voraussagen nicht beteiligen. Wir haben einen klaren Beschluss der Bischöfe. Aber selbst wenn ein Bistum nicht mitmachen sollte, stünde die Studie immer noch auf einer empirisch belastbaren Basis. Es gab vor Kurzem eine vergleichbare Studie über sexuellen Missbrauch durch Geistliche in den Vereinigten Staaten. Da haben sich auch nicht alle Bistümer beteiligt. Das hat aber der Repräsentativität keinen Abbruch getan.

Berliner Morgenpost: Sie suchen jetzt einen neuen Partner. Wie wollen Sie den Eindruck verhindern, dass einfach ein gefälligerer Forscher installiert werden soll?

Ackermann: Es wird derzeit so dargestellt, als sei Professor Pfeiffer der einzige Kriminologe in Deutschland, der eine unabhängige und sorgfältige Aufklärung sicherstellen kann. Das stimmt ja nicht. Das finde ich auch nicht besonders charmant gegenüber seinen Kollegen. Es gibt auch andere Personen, die das können und die eine hohe Glaubwürdigkeit und Seriosität besitzen. Es haben sich auch schon welche bei uns gemeldet, die das Projekt gerne übernehmen würden.

Berliner Morgenpost: Heißt das, es wird bald weitergeforscht?

Ackermann: Wir reden heute ja anders als 2010. Damals stand die Kirche unter einem unglaublichen öffentlichen Druck. Deshalb ist auch die Kooperation mit Herrn Pfeiffer vielleicht übereilt zustande gekommen, wichtige Details wurden nicht geklärt, die später Konfliktpotenzial boten. Diesmal wollen wir uns etwas mehr Ruhe nehmen. Das heißt nicht, dass wir etwas verschleppen, dafür stehe ich wirklich nicht. Wir werden baldmöglichst nach einem neuen Projektpartner Ausschau halten, aber wir wollen in ruhiger Sachlichkeit die Konditionen entsprechend verhandeln.

Berliner Morgenpost: Wann geht es spätestens weiter?

Ackermann: Es gibt keinen konkreten Zeitplan. Wir werden zeitnah weitermachen.

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