10.01.13

Kino

Die zwei Holocausts des Quentin Tarantino

In Berlin hat US-Regisseur Tarantino die Leiden der Indianer und der Schwarzen in den USA als "Holocaust" bezeichnet. Aber ist der Begriff nicht für den deutschen Völkermord an den Juden reserviert?

Wir hätten da, nachdem sich der Sturm um Jakob Augstein ein wenig verweht hat, einen neuen Kandidaten für die Liste der "gefährlichsten Antisemiten der Welt", welche vom Wiesenthal Center in Los Angeles geführt wird.

Er heißt Quentin Tarantino, arbeitet ebenfalls in Los Angeles, hat sich für seine zu sanktionierende Äußerung aber eine Pressekonferenz in – ausgerechnet – Berlin ausgesucht, eine halbe U-Bahn-Stunde von der Villa der Wannseekonferenz entfernt.

Frage eines Journalisten zu Tarantinos neuem Film "Django Unchained" über die Sklaverei: "Wollten Sie zeigen, dass die weißen Amerikaner den Schwarzen ähnlich Böses angetan haben wie die Deutschen den Juden?" Tarantino nickt und sagt: "Die kurze Antwort auf diese Frage lautet Ja. Was mich angeht – ich bin zu einem Viertel Cherokee-Indianer –, ist Amerika für zwei Holocausts auf seinem Territorium verantwortlich: die Auslöschung der eingeborenen Indianer sowie die Sklaverei, der es Afrikaner, Jamaikaner und Westinder 245 Jahre lang unterwarf."

"Es gab zwei Holocausts auf US-Territorium"

Bemerkenswert an seiner Wortwahl ist zunächst der Plural: "Holocausts". In den vergangenen Jahrzehnten hat es sich eingebürgert, den Begriff nur noch im Singular zu gebrauchen: "der Holocaust", und dies meint eindeutig den deutschen Völkermord an den Juden.

Das Wort, das im Mittelalter Feuertode bei Brandkatastrophen bezeichnete und vor hundert Jahren auf die türkischen Massaker an den Armeniern angewandt wurde, ist nun so eng an die Judenvernichtung gebunden, dass seine Verwendung für andere Genozide (an den Roma, in Ruanda, Kambodscha, Alt-Jugoslawien) als Relativierung der Schoah gilt.

"Der" Holocaust hat das Alleinstellungsmerkmal der versuchten systematischen, industriellen Ausrottung eines ganzen Volkes. Die (deutschen) Teilnehmer der Pressekonferenz waren offenbar zu erschrocken, um diese Differenzierung weiter zu verfolgen, aber Tarantinos Formulierung dürfte auch weniger für deutsche Ohren bestimmt gewesen sein als für die in der Heimat.

Tarantino provoziert Amerikas Selbstverständnis

Es ist – neben dem Werbeeffekt für seinen Film – eine Provokation des US-Selbstverständnisses, in der Geschichte permanent auf der Seite der Guten gestanden zu haben, das eine Grundvoraussetzung für die Expansion des amerikanischen Imperiums war.

Eine amerikanische Debatte darüber, wie nahe die versuchten Völkermorde an Indianern und Schwarzen an "den" Holocaust heranreichen und wie sehr sie Grundlage amerikanischen Wohlstands und amerikanischer Weltmacht waren, hat nie ernsthaft stattgefunden. Es gibt auch kaum Filme darüber.

Tarantinos "Django Unchained" ist ein brutaler Film, und obwohl Brutalität integral zum System Tarantino gehört, könnte er ein paar Augen öffnen, die seit "Vom Winde verweht" mit rosigen Bildern des Schwarzen-Genozids verkleistert sind.

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