09.01.13

Wetterkapriolen

Wann wird's mal wieder richtig Winter?

Blühende Haselsträucher und die ersten Störche in Dresden: Biologen und Botaniker befürchten erhebliche Schäden an der Natur, falls der Winter noch einmal mit aller Macht zurückkommen sollte.

Foto: pa

Im tiefen Winter eher ungewöhnlich: In Dresden werden die ersten Störche gesichtet, Jugendliche gehen am Heiligen Abend 2012 bei Temperaturen um 18 Grad im Chiemsee baden, Bauern arbeiten bereits auf den Feldern
Im tiefen Winter eher ungewöhnlich: In Dresden werden die ersten Störche gesichtet, Jugendliche gehen am Heiligen Abend 2012 bei Temperaturen um 18 Grad im Chiemsee baden, Bauern arbeiten bereits auf den Feldern

Der Winter spielt verrückt: Haselsträucher blühen, Holunder und Weiden treiben aus, und in Dresden wurde schon der erste Storch gesichtet. Botaniker amüsiert das allerdings nicht.

Sie befürchten erhebliche Schäden an Wild- und Nutzpflanzen, falls nach der langen Wärmeperiode nun der Winter noch einmal mit aller Macht zurückkommen sollte. Bei Tieren ist die Bilanz dagegen noch gemischt: Haarwild profitiert derzeit noch vom milden Klima, wechselwarme Insekten eher nicht.

Für den bei Groß und Klein beliebten Stachelritter, den Igel, kann Expertin Birgit Hansen aus Neumünster in Schleswig-Holstein allerdings Entwarnung geben. Sie nimmt Jungigel seit 30 Jahren in Pflege und weiß aus Erfahrung, dass milde Temperaturen Igel nicht aus dem Wintersschlaf treiben.

Die Tiere orientieren sich an der Jahreszeit und der Länge des Tageslichts, um in den Winterschlaf zu gehen, und wachen unabhängig von den Außentemperaturen erst wieder auf, wenn ihre im Herbst angefressenen Energiereserven verbraucht sind, sagt Hansen.

Explosion der Schwarzwildbestände befürchtet

Am anderen Ende der Republik im badischen Freiburg, ist die vorläufige Bilanz des Waldexperten Ulrich Kohnle von der Forstlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg (FVA) nicht ganz so eindeutig: Rehe und vor allem spät geborene junge Wildschweine freuen sich derzeit an den Plusgraden, weil sie genug Futter finden. "Geht das Wetter so weiter, bekommen wir eine Explosion der Schwarzwildbestände", sagt Kohnle.

Eine möglicher neuer Wintereinbruch mit starkem Frost könnte dies verhindern. Viele der jungen Schwarzkittel finden dann bei einem hart gefrorenen Boden nicht genug Nahrung und verhungern.

Jo-Jo-Temperaturen bedeuten für viele Insekten den Tod

Anhaltendes Schmuddelwetter mit Jo-Jo-Temperaturen deutlich unter und über den Gefrierpunkt wäre dagegen der Tod für viele Insektenarten. Auch für schädliche wie den Laubholzborkenkäfer: Er hat ein innere Uhr und liegt laut Kohnle immer bis Mitte Januar in Winterstarre. Erst danach reagiert das Insekt auf die Außentemperatur und wird bei Plusgraden aktiv. Ein häufiges Rauf und Runter mit Frost steigert dann aber den Energieverbrauch des wechselwarmen Tieres und lässt es sterben.

Einig sind sich Kohnle und der Botaniker Ulrich Pietzarka, dass der bislang viel zu milde Winter vor allem früh blühende Pflanzen schädigen wird. "Wenn ich aus dem Fenster schaue, habe ich ein Déjà-vu-Erlebnis", sagt Pietzarka, Wissenschaftlicher Leiter des Fortsbotanischen Gartens der Uni Dresden.

Blühende Hasel und austreibende Strauchpflanzen

Was er sieht, blühende Hasel und andere austreibende Strauchpflanzen, hat er im vergangen Winter schon einmal erblickt: Bis Mitte Januar war der Winter damals ebenfalls viel zu warm, kam dann aber mit Frost zurück.

Wird sich dies nun wiederholen, wofür nach vorsichtigen Prognosen der Metrorologen einiges spricht, werden die Triebe der frühblühenden Pflanzen wieder erfrieren und das zu teils erheblichen Schäden und Wachstumseinbußen führen.

Warnung vor Häufung extremer Kilimaereignisse

"Solche Wetterkapriolen bringen die Pflanzen nicht gleich um", sagt Pietzarka. Was ihm aber Sorgen mache, sei "die Häufung extremer Kilimaereignisse", wie etwa im vergangenen Jahr in Sachsen: Nach dem warmen Januar 2012 wurde der Februar zum zweitkältesten seit 1952, darauf folgte ein extrem trockener März, der nasseste Juli seit Beginn der Wetteraufzeichnungen und ein August mit Temperaturrekorden.

Doch mit Trockenheit im Frühjahr und im Hochsommer können heimische Baumarten wie Ahorn oder Fichten schlecht umgehen. Bundes- und europaweit werde deshalb für die Begrünung der Innenstädte für die nächsten hundert Jahre nach Baumarten gesucht, die Klimastress besser verkraften.

Für Allergiker beginnt bereits die Leidenszeit

Für Pollenallergiker hat die Leidenszeit bereits begonnen: Nach Angaben der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF) in Berlin fliegen seit einigen Tagen bereits Hasel- und Erlenpollen. Betroffene reagierten trotz der geringen Menge heftig darauf.

Das hänge damit zusammen, dass sie über mehrere Monate keinen Kontakt mehr mit den Allergenen hatten und sie daher nicht mehr gewohnt seien, erläutert ECARF-Experte Prof. Karl-Christian Bergmann. Außerdem könne die Nase durch vorausgegangene Infekte wie Grippe oder Erkältung empfindlicher sein als sonst.

Anzeichen für eine Allergie können Niesen, Nasenjucken, triefende Nase oder tränende Augen sein. Betroffene lassen das am besten vom Facharzt abklären.

Für die kommenden Tage wünschen sich Pietzarka und Kohnle dagegen die Rückkehr eines normalen Winters mit nicht zu starkem Frost und Schnee als schützender Decke für die Vegetation.

Ihnen kann geholfen werden: Dem Deutschen Wetterdienst zufolge kommt der Winter am Donnerstag zunächst im Nordosten zurück und wird sich bis zum Wochenende mit Frost in ganz Deutschland breitmachen.

Quelle: AFP/dpa/oc
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