10.01.13

Trennungsagenturen

Das Ende einer Beziehung kostet nur 29,95 Euro

Matthias Schweighöfer spielt in seinem neuen Film einen "Schlussmacher". Diese Trennungsagenturen gibt es tatsächlich. Echte Experten finden dieses Konzept abscheulich – und sagen, wie es besser geht.

Von Nicola Erdmann
Foto: picture-alliance / beyond/beyond

Schlussmachen muss man nicht mehr selbst: Trennungsagenturen bieten für 29,95 Euro die Trennung per Telefonanruf an, für 64,95 Euro zuzüglich Fahrtkosten wird die Nachricht an der Haustür überbracht
Schlussmachen muss man nicht mehr selbst: Trennungsagenturen bieten für 29,95 Euro die Trennung per Telefonanruf an, für 64,95 Euro zuzüglich Fahrtkosten wird die Nachricht an der Haustür überbracht

"So. Und jetzt lassen Sie Ihren Gefühlen freien Lauf", sagt Paul und sieht die Dame, die ihm gegenübersitzt, erwartungsvoll an. Sein schwarzer Anzug sitzt, genauso sein Lächeln. Die Frau hört auf sein Kommando, schlägt schreiend auf ein Sofakissen ein.

Paul sieht ungerührt zu, dann lächelt er zufrieden – und geht. Jedoch nicht, ohne etwas zu hinterlassen: "Ihr persönliches Happy End" steht auf der Schachtel, die er dabeihatte, darin unter anderem eine Flasche Champagner.

Paul ist professioneller Schlussmacher, sein Geschäft sind die Trennungen anderer Leute. "Es gibt tausend Gründe, sich ineinander zu verlieben – und mindestens doppelt so viele, sich wieder zu entlieben", sagt Paul über seinen Job. "Dann komme ich ins Spiel."

Dann kommt er an die Haustür, mit seinem Paket in der Hand, und sagt: "Ich soll Ihnen ausrichten, dass Ihr Freund die Beziehung gern beenden möchte" – oder so ähnlich.

Matthias Schweighöfer spielt den Paul im Film "Schlussmacher. Liebe ist nichts für Feiglinge" (ab 10. Januar im Kino). Aber eigentlich ist es das Schlussmachen, das nichts für Feiglinge ist – und daher übernimmt Paul diese unangenehme Aufgabe für seine Kunden. Innerhalb von zwei Jahren hat er so rund tausend Trennungen vollzogen.

Es gibt eine "Trennungsagentur"

Gibt es solche "Schlussmacher" wirklich? In der Realität ist die Branche recht übersichtlich: Es gibt eine "Trennungsagentur", die nicht wirklich trennt, eine, die weder auf Kunden- noch auf Interviewanfragen reagiert, und nur einen, der arbeitet wie Paul im Film – und überzeugt ist, dass die Drehbuchautorin sich von seiner Karriere inspirieren ließ.

Bernd Dressler aus Berlin war früher Direktor einer Versicherungsfiliale und hat 2006 das Konzept einer Trennungsagentur samt Internetadresse bei Ebay ersteigert. Für 29,95 Euro bietet er die Trennung per Telefonanruf in zwei Varianten ("Lass uns Freunde bleiben" und "Lass mich in Ruhe") an, für 64,95 Euro zuzüglich Fahrtkosten überbringt er die Nachricht an der Haustür.

Anders als zur Anfangszeit seines Unternehmens will er heute öffentlich nicht mehr über seinen Job sprechen, weil er sich in der Presse falsch dargestellt fühlt.

Wie der fiktive Schlussmacher Paul verglich Dressler sich in einem Interview 2008 mit einem sprechenden Briefträger. Beratung, Trost oder seelischen Beistand gebe es von ihm nicht – dem Postboten sei es ja auch egal, wenn er eine Kündigung bringe. So geht Trennung knallhart – wie beendet man eine Beziehung stilvoller?

"Die Idee von einer solchen Trennungsagentur ist eine Katastrophe – der letzte Schritt, um Beziehungen endgültig zum Konsumgut zu machen", sagt Elena Sohn, Gründerin der "Liebeskümmerer", einer Agentur, die Menschen mit Liebeskummer helfen will.

Schlussmachen kann traumatisieren

Neben therapeutischer Unterstützung gibt es Anti-Liebeskummer-Reisen und akute Krisenintervention nach Trennungen. Ihr erster Gedanke zum Film: "Wenn sich jemand so von mir trennt, ist er den Liebeskummer nicht wert." Man müsse sich mit dem Respekt trennen, den man sich wünsche, wenn man selbst verlassen wird.

Denn die Art und Weise des Schlussmachens könne traumatisieren: "Eine meiner Kundinnen wurde nach zwei Jahren Beziehung ohne jegliche Erklärung verlassen", erzählt Sohn. "Nach einer SMS, dass er später zu einem Treffen komme, hat sie nie wieder etwas von ihm gehört."

Wenn der Verlassene mit so vielen Fragezeichen zurückbleibe, sei es "total schwer", eine Trennung zu verarbeiten. "Dann bleibt man noch lange darin hängen."

Wohl ähnlich wird es dem gehen, der die Nachricht von einem Boten erhält und mit der Champagnerflasche stehen gelassen wird. "Sinn macht eine Trennungsagentur doch nur, wenn eine Beratung für das Paar gemeinsam 'inklusive' ist, wenn die Trennung gecoacht wird", sagt Elena Sohn.

Es geht um Kommunikation

Diese Art der Trennungsbegleitung bietet Brunhilde Rinke. Das kleine Unternehmen der Kommunikationstrainerin aus Leipzig heißt "Trennungsagentur Phoenix" – denn eigentlich hatte auch sie mal einen Schlussmacher-Dienst im Sinn: "Der Name meiner Agentur ist aus der Situation heraus entstanden, als Ideen wie die von einem Schlussmacher aufkamen."

So wollte auch sie Nachrichten überbringen, wenn Paare nicht mehr miteinander reden. "In der Realität erwies sich das dann aber als schwierig: Wir haben gemerkt, dass es in Konfliktsituationen eben nicht ausreicht, Informationen hin- und herzugeben. Es geht um Kommunikation."

Die Idee von einem Schlussmacher greife im wahren Leben nicht, daher habe sie ihr Konzept verändert: "Ich begleite Trennungen, führe Gespräche mit einem oder beiden Partnern." Dabei hilft sie, Konflikte zu benennen und zu lösen, bevor es zum Äußersten kommt. So scheint tatsächlich nur Bernd Dressler Beziehungen für andere in "durchschnittlich drei Minuten" zu beenden.

Keine falschen Hoffnungen wecken

"Einen solchen Schlussmacher würde ich mit dem Überbringer einer Todesnachricht vergleichen", sagt die Autorin Sandra Lüpkes, die mit ihrem Buch "Ich verlasse dich" den ersten Ratgeber für die geschrieben hat, die wissen wollen, wie man sich "richtig" trennt.

Sie hält es für "gefährlich", wenn die Aufgabe des Schlussmachens ein Fremder ohne seelsorgerischen Hintergrund übernimmt.

Die Autorin rät Schlussmachenden, die Schuld im Trennungsgespräch nicht komplett auf sich zu nehmen. "Und auf keinen Fall sollte man ein Hintertürchen offen lassen." Mit falschen Hoffnungen tue man dem anderen am Ende noch viel mehr weh.

Doch auch der Verlassende durchläuft eine Leidensphase: "Man denkt häufig, der, der geht, braucht ja keine Hilfe. Aber jeder, der schon mal jemanden verlassen hat, weiß, wie schwer das ist."

Ein schlechtes Gewissen, Zweifel und die Missbilligung von Freunden drohen. Doch man müsse seine Ängste überwinden: "Sonst vermittelt man dem anderen Desinteresse, Verachtung und die Nachricht: Du bist es mir nicht mal wert, das selbst zu machen", sagt Lüpkes. Das verletze umso mehr. Für die, denen das egal oder deren Feigheit doch zu groß ist, gibt es ja Schlussmacher Bernd Dressler, den echten.

Verzeih-Mir-Service

Der sagte in "TV Total" 2007, dass er durchschnittlich 1,5 Trennungen pro Tag vollziehe. Eine überraschende Quote, die eigentlich mehr Nachahmer animieren müsste – wenn sie stimmt. Für alle Fälle hat Schlussmacher Dressler aber ein Hintertürchen: Er bietet im Internet zudem den "Verzeih-Mir-24"-Service an.

Foto: dapd

Schluss, aus, vorbei! So manche Promi-Trennung kam im Jahr 2012 schneller als gedacht. Beim deutschen Topmodel Heidi Klum hätte wohl keiner damit gerechnet. Sie trennte sich im Januar von ihrem Ehemann Seal.

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