08.01.13

Baby-Entführung

Angeblich Schwangere brauchte dringend ein Kind

Weil Melanie B. ihrem Freund eine Schwangerschaft vorgaukelte, musste ein Baby her: Sie stahl eins in Tschechien. Eine wilde Jagd durch Deutschland begann. Nun steht das Paar vor Gericht.

Von Hannelore Crolly
Foto: dpa

Die Angeklagten Uwe R. und Melanie-Christin B. auf der Anklagebank des Landgerichts in Koblenz
Die Angeklagten Uwe R. und Melanie-Christin B. auf der Anklagebank des Landgerichts in Koblenz

Sie ist korpulent und wirkt ein bisschen ungepflegt. Schwer und an den Spitzen leicht verfilzt hängt ihr das lange Haar in den Rücken. Tiefbraun ist die Mähne, fast schwarz, nur die Ansätze zeigen ein paar Spuren Grau. Sie sei ein dunkler Typ, und die Baby-Mutter sei das eben auch gewesen.

So hat Melanie-Christin B. angeblich bei der Polizei ihre Entscheidung für Michala begründet. Offenbar hat B. beim Anblick der jungen Frau mit dem Baby gedacht: Das passt.

Michala, 19 Tage alt und Tochter einer 20 Jahre alten Roma, wurde in einem trostlosen Kaff nahe der tschechisch-deutschen Grenze demnach nicht zuletzt wegen dichter, dunkler Haare entführt – die ihrer Mutter Bela J., die das Baby an jenem sonnigen 4. Juli 2012 ahnungslos Richtung Park schob. Die von Melanie-Christin B. aus Neuwied in Rheinland-Pfalz. Und dem dunklen Schopf von Michala selbst.

Schwangerschaft vorgegaukelt

Ziemlich genau sechs Monate später sitzt die 48-Jährige B. neben ihrem Anwalt vor dem Landgericht Koblenz und verfolgt reglos, was ihr die Staatsanwaltschaft vorwirft. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern muss sich verantworten, weil sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Uwe R. nahe der tschechischen Stadt Ústí nad Labem die kleine Michala entführt haben soll.

Nach bisheriger Sach- und Aussagelage will Melanie B. das Baby an sich gebracht haben, weil sie ihrem Freund weiter eine Schwangerschaft vorgaukelte, nachdem es zur Fehlgeburt kam. Also musste ein Baby her, das äußerlich zur angeblich werdenden Mutter passte.

Mit dem 51-Jährigen Uwe R., der angespannt ein paar Worte mit seinem Verteidiger wechselt und Melanie B. meist den Rücken zukehrt, ist die gelernte Fremdsprachensekretärin seit 2006 liiert. Ihre weite, helle Jacke, eine Art Sommerparka, legt sie erst gar nicht ab.

Direkt nach der Verlesung der Anklageschrift wird der Prozess unterbrochen, denn B.s Kölner Anwältin Julia von Dreden ist an diesem Morgen in einem anderen Koblenzer Gerichtssaal gefragt. An der Seite des Hamburger Star-Anwalts Johann Schwenn, dem Verteidiger von Jörg Kachelmann, verteidigt sie eine Frau, die ihre Schwiegereltern erstochen haben soll und das leugnet. Der Doppelmord hat Vorfahrt.

Ultraschallbilder und ein dicker Bauch

Zur Entführung können sich die Angeklagten daher noch nicht äußern. Melanie-Christin B. wird das womöglich auch nicht tun vor Gericht. Ihr Partner jedoch lässt seinen Anwalt bald eine Erklärung verlesen. Doch dass damit Licht in das Motiv hinter der skurrilen Tat gebracht wird, ist unwahrscheinlich.

Der Thüringer R. will nämlich von B. reingelegt worden sein. Er habe geglaubt, das Kind, das er der jungen Frau in Tschechien entriss, sei sein eigenes gewesen, er habe es also sozusagen nur zurück-entführt. Zuvor soll ihm seine Freundin B. vorgegaukelt haben, sogar mit Drillingen schwanger zu sein. Es habe Ultraschallbilder gegeben, einen dicken Bauch, er habe sogar Kindsbewegungen gefühlt.

"Mein Mandant hat seiner Partnerin vertraut", sagt der junge Verteidiger Ingmar Rosentreter. "Für Herrn R. gab es keinen Anlass, Frau B. nicht zu glauben. Er war sprichwörtlich blind vor Liebe."

Die Staatsanwaltschaft hat keinen Hinweis darauf, dass es je eine Schwangerschaft gab. Jedoch glaubte offenbar sogar die angehende Großmutter in Neuwied an das späte, dreifache Mutterglück, wie sie dem "Spiegel" berichtete. Sie habe Babykleidung gestrickt, alles in dreifacher Ausführung.

Leben nicht im Griff

Melanie B. hatte offenbar nach einer schweren persönlichen Krise ihr Leben nicht mehr im Griff. Auch eine Krankenversicherung bestand nicht mehr.

Als die Schwangerschaft im Frühjahr abrupt geendet habe, sei sie zur Ausschabung heimlich nach Tschechien gefahren, soll sie ausgesagt haben. Ihrem Freund habe sie die Fehlgeburt verschwiegen, weil dieser sich so sehr auf die Kinder gefreut habe. Für diesen medizinischen Eingriff gibt es offenbar ebenso wenig Belege wie für die Schwangerschaft selbst.

Mehrere Monate lang will sich Melanie B. danach aus Handtüchern einen Babybauch gebastelt haben. Zur Niederkunft reiste sie mit Uwe R. wieder nach Tschechien, wieder aus Kostengründen, weil dort Geburten billiger sind.

Ihren Freund habe sie vor dem Krankenhaus zurückgelassen mit der Begründung, sie sei als Alleinerziehende angemeldet, das spare Geld. Dann, als sie wenig später ohne Kinder wieder auftauchte, behauptete sie offenbar, ein Kind liege im Brutkasten, zwei seien dummerweise entführt worden. Die müsse man suchen. Und schließlich erspähte sie offenbar Bela J.

Polizei glaubte an Roma-Umfeld

Ihre Anwältin von Dreden sprach im Vorfeld des Prozesses von einem "Lügenlabyrinth", in das sich Melanie B. verrannt haben soll, im verzweifelten Versuch, ihren Freund nicht zu enttäuschen. Diese Version kommt Uwe R. entgegen. Doch kann jemand wirklich solche Räuberpistolen schlucken? Monatelang eine vorgetäuschte Schwangerschaft übersehen?

Tagelang mit einem Mietwagen und gestohlenen Kennzeichen durch Tschechien kreuzen auf der Suche nach angeblich entführten Neugeborenen, ohne die Polizei zu rufen? Einfach auf Zuruf aus einem Auto springen und einer schreienden Mutter, die zudem einen Zweijährigen an der Hand hat, das Baby aus dem Kinderwagen reißen?

Zunächst glaubte selbst die tschechische Polizei an eine Tat im Roma-Umfeld. Der Vater des Kindes war nach der Entführung unauffindbar, weil gegen ihn ein Strafbefehl vorlag.

Womöglich, mutmaßten die Ermittler, sei er der Täter. Doch die 20-Jährige Mutter Bela J. hatte den Kidnapper als hochgewachsen und blond beschrieben, bekleidet mit einem Hawaiihemd und des Tschechischen zwar mächtig, aber mit stark deutschem Akzent.

Fortsetzung am 17. Januar

Die entscheidende Spur brachte das Fluchtauto mit dem gestohlenen Kennzeichen 3U1 4474: Der VW Tiguan wurde geblitzt, als er über die Autobahn Prag-Dresden raste.

Neben Uwe R. saß eine zweite Person im Wagen, eine Frau. Auch das hatte die entsetzte Kindsmutter tatsächlich so geschildert. Als der Wagen bei einer Autovermietung identifiziert werden konnte, fanden die Ermittler schließlich das vermisste Kind in Neuwied.

Ein Gutachter muss nun die Schuldfähigkeit von Melanie B. beurteilen. Und beraten, ob Uwe R. tatsächlich so getäuscht werden konnte. Den Angeklagten drohen bis zu fünf Jahren Haft. Der Prozess wird am 17. Januar fortgesetzt.

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