08.01.13

Luxus-Shopping

Tausende Russen im Kaufrausch in Dresden

"Russische Festtage" in Sachsen: Dresden gilt in Moskau und St. Petersburg als Einkaufsparadies. Zahlreiche Zusatzflüge bringen wohlhabende Russen in die Sachsen-Hauptstadt, und die shoppen mit 500-Euro-Bündeln, was das Zeug hält.

Foto: dapd

Russisch sprechende Hostessen warten am Flughafen Dresden mit Informationsmaterial auf Passagiere einer aus Moskau kommenden Maschine.

6 Bilder

Gar nicht so leicht, mit einer Russin ins Gespräch zu kommen. Deutsch? Nein! English? No! Po Russki? Man spürt es, am liebsten würde die Dame im weißen Pelzmäntelchen "Njet" sagen. Denn der Reiseführer ruft, und der Regen beginnt schon wieder. Der Regenschirm muss aufgespannt werden.

Die Gruppe der Landsleute gerät in Bewegung – und die Dame im weißen Pelzmäntelchen möchte den Anschluss nicht verpassen. Ein Besuch im Grünen Gewölbe steht auf dem Programm, der ist schon bezahlt. Im Grünen Gewölbe möchte sie gern zwei Stunden verbringen. Und nicht mitten auf der Straße, im fremden Land, Fragen beantworten. Doch sie gibt sich einen Ruck und sagt, schlendernd: "Fragen Sie!"

"Russische Festtage"

Montag war das russische Weihnachtsfest. In Russland gehen die Silvesterferien noch bis zum 12. Januar. Auch die Dresdener Einzelhändler schauen auf den russisch-orthodoxen Kalender: Mit "russischen Festtagen" versuchen sie, viele Touristen aus dem Osten zu locken. Die kommen begeistert – und kaufen, was das Zeug hält.

Am Morgen ist Inga Tschalkewitsch ins Flugzeug gestiegen, in Moskau. Da war es kalt, und die Pelzjacke wärmte sie sehr angenehm. Drei Stunden später stieg sie in Dresden wieder aus.

Das Flugzeug, eine Boeing 757, war ausgebucht. 16 Zusatzflüge, noch bis zum 12. Januar täglich einer, fliegen derzeit zwischen Moskau und Dresden. Die Stadt, der Flughafen, die Läden und Hotels – alle stehen unter russischem Stern. Tausende Russen sind in der Innenstadt unterwegs. Eine von ihnen ist Inga, im weißen Pelzmäntelchen.

Per Sonderangebot nach Sachsen

Das Grüne Gewölbe ist für sie der kulturelle Höhepunkt ihrer Dresdenreise, denn die Sixtinische Madonna, die hat sie schon bei ihrem letzten Besuch, vor genau einem Jahr, gesehen. Ihr Tag in Dresden ist noch lang – "also bitte, was möchten Sie noch wissen?"

Und dann lächelt Inga und spricht sehr langsam und deutlich, weil sie weiß, dass Russisch gar nicht so leicht ist, wenn man Russisch nicht als Muttersprache gelernt hat und weil sie eigentlich, wie die meisten Russen, freundlich und zuvorkommend ist, wenn auch erst im zweiten Anlauf.

Es war ein Sonderangebot. Von Surgut in Sibirien über Moskau zunächst mal nach Dresden. Und zum Schluss mit dem Bus nach Prag. Alles in zehn Tagen. "Ungefähr 1000 Euro pro Person", sagt Inga, hat sie bezahlt. Wenn nur einmal die Sonne herauskäme, jetzt, im Urlaub … "Ach, egal." Die Angestellte der Stadtverwaltung hat jetzt, in der Zeit um den julianischen Jahreswechsel, sowieso frei, und das Wetter sei in Dresden deutlich angenehmer als zu Hause.

"Nirgendwo war es so schön wie in Dresden"

Und dann gerät sie plötzlich ins Schwärmen. "Deutschland ist so schön. So sauber. Die Deutschen sind so freundlich." Zweimal war sie in Berlin, einmal in Hamburg, in Frankfurt und, tatsächlich, in Kassel. Aber nirgendwo, sagt Inga, war es so schön wie in Dresden.

"Die Kultur, diese Kultur!", sagt sie und weist mit der Hand auf das Eingangsportal des Zwingers, dessen Innenhof sie soeben angeschaut hat. Nun noch das Grüne Gewölbe, und dann, sagt Inga, will sie mit ihrer Freundin und den Ehemännern ein bisschen durch "die Geschäfte von Dresden bummeln gehen".

Die Geschäfte von Dresden liegen jetzt, um elf Uhr vormittags, noch recht verschlafen da. Die Altmarktgalerie ist hell und warm, aus offenen Ladentüren schallt gedämpfte Musik, dezente Shoppingmelodien, welche die Kunden nicht vom Einkaufen ablenken.

Ältere Russinnen sind fordernd

Noch aber sind sie nicht da, die Kunden. Und darum kann sich Holger Chabrowski Zeit nehmen, um ein paar Fragen zu beantworten. Chabrowski ist kein Dresdner, nicht einmal Sachse. Er kam aus Berlin nach Dresden, um in der Altmarktgalerie die Leitung der Görtz-Filiale zu übernehmen. Schuhe, Taschen, Rucksäcke, Leder, Kunstleder, Textil.

"Ja, die Russen", sagt Filialleiter Chabrowski, und ein zufriedenes Lächeln breitet sich in seinem Gesicht aus. "O ja, die Russen", pflichtet die Filialleitungsstellvertreterin bei. Ingold Prochnow weiß, was Russen suchen, nämlich Qualität. "Eine russische Dame würde niemals zum Lederimitat greifen", sagt sie.

Eine russische Dame würde auch nie einen Kunstpelz am Parkakragen spazieren tragen. Das tun nur die Deutschen. Die Russin ("Ich erkenne sie sofort!") sei modebewusst, markenaffin und vermeide es, Fremdsprachen zu sprechen. Ältere Russinnen neigten dazu, fordernd zu sein. Das Wort "Dawei" ("Los, los!"), würde schon mal fallen, bedauerlicherweise.

"Frau sucht aus, Mann bezahlt"

Rein geschäftlich hat Dresden seine Freude an den Russen, alten wie jungen. Große Geldbeträge geben sie aus. Durchschnittlich 2000 Euro, weiß die Statistik. Gern im Briefumschlag oder im gerollten Bündel. Besonders beliebt sei der 500-Euro-Schein. "Die Frau sucht die Ware aus, der Mann bezahlt sie", sagt Ingold Prochnow.

Was die Görtz-Filiale in der Altmarktgalerie anbelangt, verkaufen sich am allerbesten die Artikel, die ihren Herstellernamen sichtbar an der Außenseite trügen. "Wir haben sehr gute Verkaufserfahrungen mit Hugo Boss und Strenesse-Artikeln, aber auch das blau-weiß-rote Wappen von Tommy Hilfiger komme gut an.

Es gebe aber auch die anderen Russen. "Die kommen hier rein und rufen ,Prada? Gucci?' Und weil ein Traditionsgeschäft wie Görtz weder Prada noch Gucci im Sortiment führe, drehen sie sich auf dem Absatz um und verschwinden, erzählt Ingold Prochnow, und über ihr professionelles Verkäuferinnengesicht huscht ein ganz leichter Anflug von Säuerlichkeit.

Die Geschäfte freuen sich

In der Altmarktgalerie ist die russische Kundschaft über alle Maßen beliebt. So sehr, dass das Einkaufszentrum die gesamte vergangene Woche unter das Motto "russische Festtage" gestellt hat. Durch die Galerie marschierte ein Väterchen Frost, so heißt der russische Weihnachtsmann, der auch so ähnlich aussieht, nur dass sein Mantel blau und nicht rot ist.

Ein ziemlich mieser Dauerregen liegt noch immer über der Altstadt. Kein Wetter zum Spazierengehen. Und auch Inga und ihre Freundin sind der Meinung, dass es jetzt reicht mit der Dresdener Hochkultur. Sie freuen sich auf die Stunden in Dresdens Geschäften. Und die Geschäfte freuen sich auf sie. Die kauf- und kulturfreudigen Russen in Dresden.

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