08.01.13

Prohibition

Nach 132 Jahren gibt es wieder was zu trinken

Stolze 132 Jahre wurde in der US-Siedlung Damascus kein Alkohol ausgeschenkt. Dann eroberten reiche Hauptstadt-Pendler das Idyll und kippten die Prohibition. Gegnern bleibt aber Hoffnung.

Foto: picture alliance / akg-images

Fässer mit Alkohol auf einem Schmugglerschiff: Erst die Prohibition organisierte Amerikas Verbrechen (Foto von 1925)
Fässer mit Alkohol auf einem Schmugglerschiff zur Zeit der Prohibition – ein Foto von 1925

An irgendeinem Abend Mitte Februar wird das "Music Cafe" zu Damascus im US-Bundesstaat Maryland sein Damaskuserlebnis haben: Zum ersten Mal seit 132 Jahren darf in der von Methodisten geprägten Stadt, eine Autostunde nördlich von Washington gelegen, öffentlich Alkohol ausgeschenkt werden.

Nicht jeder wird darauf anstoßen. Denn auf Beschluss von 60 Prozent der überwiegend zugezogenen Einwohner bedeutet das Ende der Prohibition, dass ein eigenes Lebensgefühl auf der letzten Insel der Trockenheit in Maryland in Konformität versinkt.

Mit Wehmut, nicht mit moralischer Entrüstung, begleiten Widerständische den Verlust der Exklusivität. Das komme davon, sagen sie selbstkritisch, wenn ein Idyll mit 14 Methodistenkirchen und 70 Milchbauern sich von reichen Hauptstadt-Pendlern erobern lasse.

Änderung wird über Nacht kommen

Die Zugezogenen haben das Jahresdurchschnittseinkommen auf über 100.000 Dollar gehoben – gegenüber knapp 70.000 im übrigen Maryland. Sie sind jünger – und sie wollen sich amüsieren. Die lokale Pizzeria hat die Lizenz als erste beantragt, das "Music Cafe" folgte.

Einen Monat Bedenk- und Prüfzeit haben sich die Behörden ausbedungen, um die Bonität und Unbescholtenheit der Unternehmen zu prüfen. Damascus wird sich über Nacht verändern.

Noch ist mindestens die Jugend nicht verdorben. Es bleibt beim bundesweit geltenden Mindestalter von 21 Jahren für die Trinkreife. Die religiösen Wurzeln der Furcht vor alkoholisierter Enthemmung sind trotz der desaströsen Erfahrungen mit der Prohibition, die Amerikas Verbrechen erst organisierte, nicht zu kappen.

Es gibt trockene, nasse und feuchte Gebiete

In 26 Bundesstaaten steht es Gemeinden frei, Alkohol zu verbieten. In Kansas, Mississippi und Tennessee gilt die Prohibition, wenn sie nicht von Bürgern per Votum aufgehoben wird. Es gibt in Amerika trockene, nasse und feuchte Gebiete, in denen einzelne Orte, gewissermaßen von Wüste umgebene Nasszellen, den Verkauf von Drinks erlauben.

In Alaska, wo wegen des harten Klimas fast alles erlaubt ist, dürfen Lokale an Wahltagen erst nach Schließung der Wahllokale öffnen. Eine kluge Verfügung, die freilich die Wahl von Sarah Palin zur Gouverneurin nicht verhinderte.

Die Freiheit und die Reife, an Bäume zu fahren, während sie Kurznachrichten schreiben, und Gewehre abzufeuern erwerben Amerikaner mit Sechzehn. Und sie nutzen sie. Wenig ist in Colleges so beliebt wie "binge drinking", eine Form des Bierboarding mit dem Ziel der Alkoholvergiftung.

Ausschanklizenz wird auf Bewährung vergeben

All das gab es in Damascus, Maryland, seit 1881 nicht mehr. Die Stadt war Amerikas Prohibition um Jahrzehnte voraus und ignorierte deren Scheitern ebenso hartnäckig.

Nüchtern betrachtet gewinnen die Bürger von Damascus persönliche Freiheit zurück. Die Ausschanklizenz wird auf Bewährung vergeben. Sollte es Klagen geben, Randale, öffentliche Trunkenheit, können die Bürger die Stadt wieder trockenlegen. Cheers to that.

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