07.01.13

Doku-Soap

Mettbrötchen in Mittelerde und Bier bei "Hohlbeins"

"Die Hohlbeins" rund um Fantasy-Autor Wolfgang Hohlbein erweisen sich in der Auftaktfolge bei RTL II als geradezu besonnene Familie. Also wieder so ein paar Bekloppte wie die legendären Geissens?

Foto: dpa

Der Autor Wolfgang Hohlbein hat sein Zuhause für die Fernsehkameras von RTL II geöffnet
Der Autor Wolfgang Hohlbein hat sein Zuhause für die Fernsehkameras von RTL II geöffnet

Nichts fasziniert den Menschen anscheinend so stark wie das Leben der Anderen. Wie leicht lässt es sich hochträumen in die Welt der Reichen, Adeligen, Erfolgreichen, deren ganz alltägliche Wehwehchen und Liebeleien sie dann doch auf eine Ebene herunterziehen, auf der wir Normalsterblichen ihre Gefühle verstehen, wenn nicht gar teilen können. Dies ist die Aufgabe der zahllosen Klatschmagazine auf Papier oder im Fernsehen.

Und dann gibt es da noch die Aufgabe von RTL II. Nun mag es ein wenig unfair, faktisch sogar ganz sicher falsch sein, das ganze Genre der sogenannten Doku-Soaps bei einem einzigen Sender zu verorten. Aber so erfolgreich wie den Grünwaldern gelingt es kaum einem Mitbewerber, das wirkliche Leben zum Skurrilitätenkabinett zu machen, bei dem es nicht mehr ums verträumte Hochschmachten, sondern vor allem ums selbstgerechte Herabschauen auf die Protagonisten geht.

Ob arm, ob reich, ob die Wollnys oder die Geissens, ob "Frauentausch" oder "Extrem schön": Irgendwie ist man am Ende froh, dass man selbst nicht so ist wie die da auf dem Bildschirm. Zur Neujahrsoffensive des Senders gehört nun nicht nur die Kuppel-Show "Jungfrau sucht die große Liebe", von der man sich gegen die bisherigen Erfahrungen mit RTL II-Produktionen zumindest ein wenig Sensibilität erhoffen muss, sondern auch "Die Hohlbeins – Eine total fantastische Familie".

Reich und bodenständig

Fantastisch ist hier natürlich im Doppelsinne zu verstehen, denn das Familienoberhaupt Wolfgang ist der wohl erfolgreichste Fantasy-Autor Deutschlands – und das mit einer Weltauflage von 40 Millionen Büchern, so verrät es die Pilotfolge gleich zu Beginn, um Bedeutung und Reichtum der Hohlbeins gleich einmal kräftig hochzujazzen. Also wieder so ein paar Bekloppte wie die legendär geschmacklosen Geissens?

Nicht unbedingt, das Alleinstellungsmerkmal der Hohlbeins ist ihre geradezu plakativ ausgestellte Bodenständigkeit – bei der aber selbstverständlich ein paar gewaltige Schrullen auch nicht fehlen dürfen. So kommandiert der 59-jährige Wolfgang in seinem Refugium im Dachboden eine Armee von sage und schreibe 16.000 Zinnsoldaten, die ein durchaus eindrucksvolles Bild ergeben in ihrer Farbenpracht und militärischen Ordnung. Beinahe erwartet man, sie würden sich gleich in Bewegung setzen, um ein Schlachtengemälde aus "Der Herr der Ringe" nachzuspielen.

Im Wesentlichen aber geht es der Sendung darum, den betonten Nicht-Glamour der Familie gegen ihr – wenigstens finanzielles – Potenzial auszuspielen. Da steht ein bemerkenswert hässlicher, aber mit Sicherheit sauteurer knallgelber Lotus vor der unverputzten Backsteinfassade der Häuserreihe in Neuss, in der Wolfgang mit seiner Frau Heike und den sechs Kindern wohnt. Dann will der Lotus nicht anspringen, und man fährt – den Manager und Tochter Rebecca im Gepäck – eben mit dem Zweitwagen zum Baumarkt.

"Riesenparty" im Reihenhaus

Eingekauft wird dort für eine "Riesenparty", die Wolfgang schmeißen will anlässlich des Starts der Rockoper zu seiner aktuellen Vampir-Saga. Wow, ein weltberühmter Autor feiert eine Mega-Sause, wie mag das wohl aussehen? Nun ja, ungefähr so: 40 Leute drängeln sich in dem mit allerlei Nippes zugestellten Wohnesszimmer der Großeltern Hohlbein und futtern Mettbrötchen und Frikadellen, die Rebecca zusammen mit ihrem Sohn Marvin bereitet hat – und die ersten Gäste bringen noch den Nudelsalat mit.

Die Metal-Band, die den Feiernden einheizen soll, trommelt dann auch mangels großer Bühne auf ein paar bereit gestellten Eimern herum. Und auch wenn man das gewollt kontrastierende Prinzip längst durchschaut hat und auch wenn man weiß, wie viel Inszenierung häufig in solch scheinbar authentischen Szenarien steckt: Das wirkt dann doch irgendwie sympathisch.

Nun ist dies nicht das erste Wort, das einem üblicherweise zum RTL II-Programm einfallen würde. Wahrscheinlich ist Sympathie überhaupt zu langweilig, um Spektakel, also Quote zu machen. Deshalb darf Wolfgang ein paar Mal den Stoffel geben, der Dinge sagt wie: "Hoffentlich haben unsere Frauen in der Zwischenzeit gut funktioniert und alles vorbereitet."

Und in der Hoffnung auf noch mehr Meckerei hat Heike, in Wahrheit darf man vermuten: die Autoren des Senders, den bärtig-bebrillten Pferdeschwanzträger zum Umstyling gebeten. "Der trägt Klamotten sonst nur, damit er nicht nackt ist", vermutet der Verkäufer in der Herrenabteilung, und Wolfgang selbst gibt zu, er sei seit 20 Jahren nicht mehr beim Frisör gewesen.

Das Konzept von RTL II scheitert

Doch so richtig krachen will es nicht. Die Konflikte lassen sich nicht in einem Maße zuspitzen, das für sonderliche Unterhaltung oder gar Spannung sorgen kann. In einem Teaser vor der Werbepause heißt es angesichts der Party ernsthaft: "Sind auch genug Getränke vorhanden? Oder gibt es gar Ärger mit den Nachbarn wegen Lärmbelästigung?" Zu wenig Bier und ein nörgelnder Nachbar: Das sind so die Erregungsspitzen, die in diesem Format denkbar sind.

"Die Hohlbeins" sehen bedeutet zuzuschauen, wie RTL II bemerkt, dass das eigene Konzept nicht aufgeht und schließlich versucht zu retten, was zu retten ist – schließlich ist noch gar nicht sicher, ob die Doku-Soap nach dem Piloten auch in Serie gehen wird. In einer etwas wohlwollenderen Lesart wäre es ihr aber durchaus zu wünschen: als etwas leiseres, besonneneres Format. Das leise Leben allerdings, haben die meisten Zuschauer selbst schon.

Ausstrahlung: Montag, 22.15 Uhr, RTL II

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