06.01.13

"Dr. Frankenstein"

Deutsche Klinik wirft holländischen Skandalarzt raus

Holländische Medien nennen ihn "Dr. Frankenstein" – in Heilbronn konnte er seit Jahren unentdeckt praktizieren. Aufgeschreckt von TV-Berichten hat die Klinik den Skandal-Mediziner vor die Tür gesetzt.

Foto: dpa

Die SLK-Kliniken Heilbronn haben einen wegen Körperverletzung angeklagten Arzt entlassen
Die SLK-Kliniken Heilbronn haben einen wegen Körperverletzung angeklagten Arzt entlassen

Ein Krankenhaus in Heilbronn hat einen in den Niederlanden wegen Körperverletzung angeklagten Skandalarzt entlassen. Die Zusammenarbeit mit dem Mann sei mit Bekanntwerden der Vorwürfe am Freitag nach knapp zwei Jahren beendet worden, teilte der Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn, Thomas Jendges, am Samstag mit.

Er sei "überrascht und geschockt" gewesen, als von niederländischen Medien von den Vorwürfen gegen den Neurologen erfahren habe. Er soll in den größten medizinischen Strafprozess in der Geschichte der Niederlande verwickelt sein. In Heilbronn soll der 67-Jährige jedoch keinen Schaden angerichtet haben.

Allerdings hatte er vier Jahre zuvor bereits in Nordrhein-Westfalen Schlagzeilen gemacht: Die "Bild"-Zeitung hatte 2009 berichtet, dass der Mann von einer Klinik in Bad Laasphe (Kreis Siegen-Wittgenstein) entlassen wurde, nachdem man dort von Journalisten auf die Ermittlungen in den Niederlanden aufmerksam gemacht worden war.

Einzelheiten waren am Sonntag in Bad Laasphe zunächst nicht zu erfahren, weil der Klinikbetreiber 2011 Insolvenz angemeldet hatte. Wahrscheinlich hatte der Arzt nicht unter seinem richtigen Namen gearbeitet. "Bild" berichtete damals, der Mann sei in Bad Laasphe als Oberarzt und Neurologe tätig gewesen und nicht durch Fehler aufgefallen.

Schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen

Dem Mediziner wird in Holland schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen vorgeworfen. Er soll von 1998 bis 2003 im Krankenhaus in Enschede bei Dutzenden Patienten unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson fälschlicherweise diagnostiziert haben. Sie waren zum Teil jahrelang mit schweren Medikamenten behandelt worden.

Ein Patient habe Selbstmord begangen, nachdem ihm fälschlicherweise Alzheimer attestiert worden war. Bei mindestens 13 Patienten sollen aufgrund der falschen Diagnosen unnötig Gehirnoperationen ausgeführt worden sein. "Bei einem Mann wurde 12,5 Kubikzentimeter Hirngewebe entfernt", sagte Anwalt Yme Drost, der rund 200 mögliche Opfer vertritt.

2003 hatte das Krankenhaus in Enschede den Arzt entlassen, nachdem seine Abhängigkeit von Medikamenten bekannt worden war. Er soll auch Rezepte gefälscht und über 80.000 Euro veruntreut haben. Ein offizielles Disziplinarverfahren gab es nie.

Auf Druck des Krankenhauses hatte der Arzt sich freiwillig aus dem Ärzteregister streichen lassen und darf daher seit 2006 nicht mehr in den Niederlanden praktizieren. Das Strafverfahren gegen den Mann ist ausgesetzt, da noch Zeugen aus Deutschland vernommen werden sollen.

Immer unter der Aufsicht des Oberarztes

Das Wichtigste ist für Jendges zunächst, dass der Mann im Südwesten nichts angerichtet habe: "Das Klinikum schließt derzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus, dass Patienten in Heilbronn geschädigt wurden", sagte Jendges. Als Assistenzarzt habe er immer unter der Aufsicht des Oberarztes oder des Chefarztes gearbeitet. Auch als Stationsarzt habe er keine Eingriffe vorgenommen oder für Patienten kritische Therapien eingeleitet.

Doch wie kam der Mann 2011 nach Heilbronn? Er sei der Klinik von einer Ärztevermittlungsagentur als Honorararzt angeboten worden, berichtete Jendges. Alle notwendigen Urkunden – einschließlich einer deutschen Approbation und einer Facharztanerkennung – hätten vorgelegen und keinen Anlass zur Skepsis gegeben.

Der Mann habe zuvor schon an anderen deutschen Kliniken als Honorararzt gearbeitet. In einem Telefonat habe sich der Chefarzt bei einem Kollegen in Worms über den Mann informiert – jedoch nur über dessen Teamfähigkeit. Keines der drei deutschen Krankenhäuser habe vor der Beschäftigung des Mannes um Referenzen gebeten, sagte ein Sprecher des Medisch Spectrum Twente der niederländischen Nachrichtenagentur ANP.

Schwere Vorwürfe gegen Klinik

Politiker und Verbände von Ärzten und Patienten in den Niederlanden reagierten fassungslos: Es sei unvorstellbar, dass der Skandalarzt in Deutschland ungehindert praktizieren konnte.

Hollands Gesundheitsministerin Edith Schippers wirft der Klinik in Heilbronn Nachlässigkeit vor: "Das Krankenhaus hätte seinen Namen nur ein Mal googlen müssen und dann hätten sie das große Elend gesehen", sagte die rechtsliberale Ministerin. "Wenn ein renommierter Arzt als Assistent arbeiten will, dann würde ich denken, dass das stinkt."

Die sozialdemokratische Regierungspartei forderte eine europäische schwarze Liste, um solche Fälle zu verhindern. Es sei für die Niederlande unmöglich gewesen, die deutschen Behörden vorher zu informieren, versicherte Schippers. Grund seien die strengen Datenschutzbestimmungen in Deutschland und die Zuständigkeit der Bundesländer.

Quelle: dpa/fp
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