06.01.13

Minus 40 Grad

"Eisernes Desaster", Frostwelle vernichtet Chinas Vieh

Ganze Rinderherden erfrieren auf den Weiden, an den Flughäfen sitzen Zehntausende Passagiere fest. Eine extreme Kältewelle hat China fest im Griff. Das Land fürchtet eine dramatische Winterkrise.

Foto: dapd

Kältester Winter seit 28 Jahren: Chinesische Fischer im Hafen von Jiaozhou (Schandong-Provinz) versuchen ihre Boote freizulegen
Kältester Winter seit 28 Jahren: Chinesische Fischer im Hafen von Jiaozhou (Shandong-Provinz) versuchen ihre Boote freizulegen

Hunderttausende chinesische Wanderarbeiter strandeten auf den Bahnhöfen in Südchina. Sie konnten nicht mehr nach Hause in ihre Dörfer zurück. Winterstürme, Fröste und Schneeverwehungen hatten die Bahngleise blockiert und Straßen unpassierbar gemacht. Strommasten brachen unter dem Gewicht vereister Leitungen zusammen. Regionen meldeten Blackouts.

Das war im Januar 2008 kurz vor dem Frühlingsfest. China erlebte seine gefährlichste Winterkrise seit Jahrzehnten. Peking befürchtete Unruhen unter seinen Wanderarbeitern. Die Armee wurde zu groß angelegten Rettungsaktionen mobilisiert, um eingeschneite Ortschaften zu versorgen, Stromleitungen zu reparieren und den Bahnverkehr in Gang zu bringen. Die wirtschaftlichen Schäden gingen in die Milliarden.

Wiederholt sich Chinas Eis-und-Schnee-Chaos von 2008 nun im Jahr der Schlange? Fünf Jahre später sind Millionen Wanderarbeiter im Süden auf dem Weg nach Hause, um das dieses Jahr nach dem traditionellen Kalender am 9. Februar beginnende Neujahr, Chinas größtes Familienfest, im Kreis ihrer Familie zu feiern.

Rekord-Frostwerte: Wetter spielt verrückt

Meteorologen, Klimaforscher und die Politik debattieren bereits, wie groß die Gefahr einer Wiederkehr der Katastrophe von 2008 ist. Die Meinungen gehen auseinander. Das Nationale Wetteramt warnte nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua am Sonntag vor weiteren Regen- und Schneefällen in Südwestchina, Guangdong bis nach Tibet und vor dem gefährlichen Eisregen für Guizhou.

Am Freitag hatte es vorhergesagt, dass das widrige Winterwetter zehn Tage anhalten würde. Es forderte von den Behörden in den besonders betroffenen Regionen, sich auf Verkehrsprobleme und Schäden für Landwirtschaft und Bevölkerung vorzubereiten.

Die Sonntagsnachrichten des Staatssenders CCTV meldeten, dass China derzeit den kältesten Winter seit 28 Jahren durchmacht. Nach Angaben der Wetterforscher lagen Chinas Durchschnittstemperaturen seit Ende November bei minus 3,7 Grad, und damit um 1,3 Grad niedriger als in allen Vorjahren.

Nordostchina meldete sogar seit 43 Jahren nicht mehr gemessene Rekord-Frostwerte von durchschnittlich minus 15,3 Grad, rund 3,7 Grad weniger als im Durchschnitt der vorhergehenden Winter. Während es in Europa ungewöhnlich mild ist, spielt Chinas Wetter in die Gegenrichtung verrückt. Selbst in Peking fielen an einigen der ersten Januar-Tage nachts die Temperaturen auf minus 16 Grad.

Hunderttausende Rinder erfroren

Die Folgen des Kälteeinbruchs zeigen sich im ganzen Land. Eisblöcke treiben im Gelben Fluss. Ostchinas meteorologisches Überwachungszentrum Yantai meldete, dass Seegebiete mit über 251 Quadratkilometer Fläche in der Meeresbucht Laizhou in Ost-Shandong einfroren und fast 1000 Boote vom Eis eingeschlossen wurden.

Dichter Nebel ließ zum Wochenende Passagiere auf Flughäfen von Südwestchinas Chengdu bis Zentralchinas Changsha und zuvor in Südchinas Flughafen Kunnming stranden, deren Flüge gestrichen wurden oder sich verspäteten. In Chengdu wurde am Sonntag bei einer Sicht von nur 50 Metern der international genutzte Flughafen Chengdu-Shuangliu geschlossen. 10.000 Fluggäste strandeten. Nebel und Frost zwangen auch zur teilweisen Schließung mehrerer Autobahnstrecken.

Am schwersten ist Chinas Innere Mongolei von der extremen Kälte und den Rekordniederschlägen an Schnee betroffen. 260.000 Bauern und Viehzüchter in den riesigen autonomen Minderheiten-Gebieten im Osten um das Xilin-Gol-Grasland benötigten Not-Soforthilfe, meldete Xinhua am Sonntag aus der Provinzhauptstadt Huehot, wo die Provinzregierung von den ersten zwei Toten spreche.

Sie hätte acht Bannerstädte und 44 Gemeinden mit 770.000 Bewohnern zum Katastrophengebiet erklärt. Über 180.000 Stück Vieh seien erfroren. Hunderttausende weitere Viehzüchter bangten um ihren Bestand.

Mehr als 90 Prozent der Weideflächen eingefroren

Seit Anfang November war die von eisigen Temperaturen mit bis zu minus 40 Grad Frost geplagte Provinz, in der mehr als acht Millionen Bauern und Viehzüchter leben, sechs Mal von extremen Schneestürmen heimgesucht worden. Sie verzeichnete Rekordschneemengen wie seit 1961 nicht mehr.

Mehr als 90 Prozent der Weideflächen im Xilin-Gol-Grasland seien von 30 Zentimeter hohem Schnee bedeckt. Lokale Viehhirten nennen es ein "eisernes Desaster", berichtet Xinhua. Sie sagen das, wenn die Schneedecke vereist, weiterer Schnee auf sie fällt und auch der dann wieder vereist. Das Vieh komme an das im Eis eingefrorene Gras nicht heran.

Seit dem Kälteeinbruch sei der Preis für Heu von 650 Yuan pro Tonne auf über 1000 Yuan gestiegen. Bereits Ende Dezember wurden nach Provinzangaben 1,5 Millionen Tonnen Heu und Futter benötigt, um die Tiere über den Winter bringen zu können.

Chinas Nachbarland, der unabhängige Staat Mongolei, wo nur knapp drei Millionen Menschen leben, kämpft ebenso verzweifelt gegen die Frostprobleme. Die in China "eisernes Desaster" genannte Schneekatastrophe, heißt dort auf Mongolisch "Zud".

Die Frostwelle hat seit Ende 2012 den gesamten Fernen Osten in ihren eisigen Griff genommen. Am 25. Dezember meldete Russland seine kältesten Temperaturen seit 1938 und 80 erfrorene Menschen. In der Hauptstadt Ulan-Bator in der Mongolei fielen die Temperaturen sogar auf bis zu minus 50 Grad.

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