05.01.13

Castingshow-Start

Jetzt hat auch "DSDS" einen Paul-Potts-Moment

Deutschland fehlt ein Superstar. Zum zehnten Mal macht sich Dieter Bohlen für RTL auf die Suche nach einem Gesangstalent. Zum Auftakt gab es viel Schatten, aber auch einen leuchtenden Stern.

Foto: dapd

Die neue DSDS-Jury: Dieter Bohlen (hinten, l.), Sänger Itchyban alias Mateo (hinten, r.) und die Brüder Bill (vorn, l.) und Tom Kaulitz
Die neue "DSDS"-Jury: Dieter Bohlen (hinten, l.), Sänger Itchyban alias Mateo (hinten, r.) und die Brüder Bill (vorn, l.) und Tom Kaulitz

Nico wäre gern ein Superstar. Er hat es mal als Drogendealer probiert und als Fahrraddieb, beides nur mittelmäßig erfolgreich, wie er der Jury unterhaltsam schildert. Singen kann Nico am besten mit Knopf im Ohr, wegen der Tonhöhen, die man dann gleich bei Xavier Naidoo kopieren kann. Wenn denn der MP3-Player nicht rumspinnt. Konzentriert lauscht Nico der Stimme in seinem Ohr, krächzt dann in schlechtem Englisch ein paar Zeilen hervor: Schon ist er ausgeträumt, der Traum vom Superstar.

Es ist eine Szene, wie man sie aus den Castingfolgen von "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") nur allzu gut kennt: Ein junger Mensch mit viel zu viel Selbstbewusstsein und viel zu wenig Talent blamiert sich vor ein paar Millionen Zuschauern und einem bekannt grimmigen Dieter Bohlen, der gnadenlos über ihn herfällt. Für dieses Vorführen ist RTL oft angegriffen worden. Doch tatsächlich gibt es Hoffnung: Zumindest zum Auftakt wurde diesmal nur über zu Coole, nicht aber über zu Hässliche oder zu Schwache gelacht – im Gegenteil.

Da ist Micha. Ein dicker Junge, unscheinbar und ziemlich tapsig, der sich gemeinsam mit seiner Freundin versucht, der RTL-Kamera vorzustellen, und dabei schrecklich scheitert. Mehr als seinen Namen und sein Alter schafft er nicht hervorzustottern – auch wenn seine ähnlich unscheinbare Freundin ihn noch so drängt. Aha, denkt der erfahrene "DSDS"-Zuschauer: Jetzt kommt wieder der ganz dunkle Kakao, durch den sie ihn ziehen werden.

Kraftvolle Stimme

Und dann beginnt dieser Junge zu singen. Mit einer ungeheuer kraftvollen Stimme, die die gesamte Jury aus den Sesseln reißt. Es ist ein kleiner Paul-Potts-Moment, ein Weckruf an all jene, die es sich auf dem Sofa mit ihren Stereotypen bequem gemacht haben. "Ich sag's ganz offen, ich hatte Vorurteile", muss da auch Dieter Bohlen einräumen, ehe er dem schüchternen Jungen einen Recall-Schein ausstellt.

Zu Recht, das steht nicht infrage: Dieser Junge hat eine großartige Stimme. Aber ist er auch ein Superstar? Waren das bislang nicht immer Teenies mit Vorstrafen oder prügelnden Eltern, Mädchenschwärme oder Unterhaltungskünstler? All das spielt zum Auftakt nur eine Nebenrolle. Ist etwa zu befürchten, dass "DSDS" zu seinem zehnten Geburtstag erwachsen geworden ist? Seriöser? Ernsthafter?

Als die Suche 2002 losging, waren die Superstarsucher von RTL noch ziemlich allein. Zwar versuchte Detlef D! Soost schon aus ein paar Frauen und Männern "Popstars" zu machen – mit dem Poptitan Dieter Bohlen an Bord hielt man sich aber schon damals für die einzig wahre Casting-Show.

Seit ein paar Jahren nun werden auf allen Kanälen Plattenverträge verteilt, und jede Show will ernsthafter, strenger, tiefgründiger sein. So verkam "DSDS" zum Trash, zeigte Schicksalsschläge statt Gesang, setzte auf Skandale statt auf Qualität. Ein Auslaufmodell?

Mit den Brüdern von Tokio Hotel

Neue Jury, neues Glück: Mit den Brüdern von Tokio Hotel und Mateo von Culcha Candela stellt sich die Castingshow wieder einmal neu auf. Keine weibliche Jurorin, die von Kandidaten bezirzt werden könnte, dafür scheinbar mehr Sachverstand und klare Kante. Das ist das deutliche Signal, das "DSDS" zum Auftakt aussendet – hoffentlich kein Täuschungsmanöver.

Hoffnung macht am Ende dabei nicht nur die neu gewonnene Seriosität der Jury, sondern auch eine junge Frau, die ganz am Ende der Sendung ihren Auftritt hat: Susan Albers, 28 Jahre alt – eine tolle Frau. Fröhlich, intelligent, hübsch – und so natürlich, dass sogar die Jury sich über sie wundert: "Du drückst dich so unglaublich gewählt aus", staunt Tom Kaulitz.

Susan überzeugt aber nicht nur mit Charme und Klasse, ihre Stimme ist es, die die Jury schließlich völlig von den Sitzen haut. Sie hat den Song "Empire State of Mind" von Alicia Keys mitgebracht – die Klavierbegleitung übernimmt sie gleich noch mit. Und vom ersten Ton an haut sie einen um. So warm und voll ist diese Stimme, dass man die Staffel einfach abbrechen und Dieter Bohlen zurufen möchte: Hier ist sie! Euer Superstar 2013! Macht was draus!

Doch auch Susan wird in den Recall müssen. Auch sie wird RTL ein paar Tränen und schwache Momente liefern müssen, bis sie auf der Bühne strahlen darf. Man kann nur hoffen, dass ihr Licht auch am Ende all dieser Strapazen strahlt wie zu diesem furiosen Beginn.

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