06.01.13

Fabian Hinrichs

Nervöser Sonderling polarisiert die "Tatort"-Welt

Der Schauspieler Fabian Hinrichs hat mit seinem "Tatort"-Auftritt für einen Paukenschlag gesorgt. Dabei ist Hinrichs Spezialist für extrem schwierige Charaktere. Was macht den Mann so spannend?

Foto: Kerstin Stelter/Bayerischer Rundfunk
Tatort
Beim Versuch, locker zu wirken, erregt er eher Mitleid: Fabian Hinrichs als Gisbert Engelhardt im "Tatort"

Von schwerer Irritation, über offene Ablehnung bis zu Liebe auf den ersten Blick reichten die Symptome, die das "Tatort"-Publikum vergangenen Sonntag zeigte. Auslöser der kollektiven Erregung war der Auftritt des Schauspielers Fabian Hinrichs als Assistent Gisbert Engelhardt in "Der tiefe Schlaf".

Der rasche Tod der von Hinrichs verkörperten Nebenfigur löste bei einigen Zuschauern derart heftige Entzugserscheinungen aus, dass umgehend die Initiative "Wir wollen Gisbert Engelhardt zurück!" bei Facebook ins Leben gerufen wurde.

Solche Schockwellen hat es zuletzt bei Götz George gegeben, der plötzlich in Rambo-Manier durch den "Tatort" raste und kreuzbraves Ermittler-Vokabular um saftige Fäkalsprache erweiterte. Das war 1981. Seither stopft Horst Schimanski als notorisches Raubein dem Publikum das Maul. Bei Fabian Hinrichs liegt der Fall ganz anders.

Nervöser Sonderling

Er spielt keinen Bullen, zu dem Mann aufschauen, den man für seine Coolness bewundern kann. Er spielt einen unsicheren, nervösen Sonderling, der schlechte Witze reißt und bei dem Versuch, locker zu wirken, Mitleid erregt. Sein Auftritt hat etwas Glitschiges, Chimärenhaftes und zugleich extrem Zerbrechliches. Da steht einer, dem man in den Kopf, ja in die gequälte Seele gucken kann. Muss.

Hinrichs ist 1976 in Hamburg geboren, seine Vita unspektakulär, aber nicht frei von (selbst inszenierten) Brüchen. Kleinbürgerliches Milieu, Vater und Bruder bei der Polizei, abgebrochenes Jura-Studium, obwohl einer der besten seines Jahrgangs, dann ans Theater, zuerst Bochum, später Berlin, München, zwischendurch Film und Fernsehen, um die Miete zu zahlen. Zuletzt glänzte er mit Solo-Stücken, furiosen Ein-Mann-Abenden wie René Polleschs "Kill Your Darlings" an der Berliner Volksbühne.

So etwas kommt ihm entgegen. Hinrichs ist Individualist, die Bühne, die Kamera sind sein Spielraum, sein Ich-Labor, das es beständig umzuräumen und auszubauen gilt. In seinen Interviews begegnet man einem nachdenklichen, hochgebildeten Mann, einer Zitateschleuder, die sich auf Weltzersetzer wie Nietzsche und Bernhard beruft, aber auch über fünfhebige Jamben referieren kann.

In einem Gespräch mit den Berliner Festspielen sagt er den niederschmetternden Satz: "Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich Hoffnung habe, aber ich ringe darum, weil ich leben möchte." Um dann nonchalant hinterherzuschieben: "Und ehrlich gesagt: Ich finde es auch heroischer."

Existentielle Hilfskonstruktion

Genau dieses Unerwartete, Echsenhafte macht auch sein Spiel aus. Normalität ist bei Hinrichs ein Zustand, den es nicht gibt, eine existentielle Hilfskonstruktion. Seine Figuren oszillieren gern zwischen übler Spießigkeit und totalem Exzess.

Im Kinofilm "Schwerkraft" etwa mutiert er vom Sparkassenangestellten mit gestärktem Hemdkragen zum skrupellosen Schwerverbrecher. "Ich hab' sieben Jahre lang versucht, normal zu sein. Aber normal sein, das ist was für Arschlöcher", sagt er da.

Die Schauspielerin Nina Hoss fasst es in ihrer Laudatio anlässlich der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises 2012 an Hinrich so: Er sei stets "ungreifbar" und dabei "ganz und gar nicht harmlos". Sein Wahnsinn sei die Unmittelbarkeit.

Trügerische Sicherheit

Mit diesem Wahnsinn, der aus dem schmerzhaften Ringen um Identität entsteht, konfrontiert er den Zuschauer. Hinrichs Charaktere vermögen einen in trügerischer Sicherheit zu wiegen, gerade dann, wenn man denkt, der Kerl ist durchschaut, häutet er sich erneut, fällt aus der Rolle und eruptiert in den nächsten Aggregatzustand. Hinrichs gaukelt nichts vor, sondern entdeckt sich beim Spielen selbst - und lässt uns dabei zusehen.

Alles spiegelt sich dabei in diesem phänomenalen Gesicht. Ein leicht schief gebautes, majestätisches Greifgesicht, ein Kraftfeld, das sich in seinem unnachgiebigen Blick konzentriert. Nie ist ganz klar, ob er einen mit diesem Blick durchbohrt oder nur in sich selbst hineinschaut, prüfend, richtend, kurz vorm Implodieren.

Es gibt im "Tatort" eine Einstellung, da steht Gisbert am Straßenrand, unweit des Ortes, wo ein junges Mädchen verschwand. Er notiert sich die Kennzeichen vorbeifahrender Autos, stundenlang. Hinter ihm ist eine Überwachungskamera angebracht, und durch die sehen Batic und Leitmayr dem Jungen beim Ermitteln zu, stumm und verständnislos.

Sie sitzen in ihrem Büro, Gisbert draußen taucht auf ihrem Bildschirm auf, nur sehr klein, fast verschluckt ihn das Bild. Eine Szene wie aus der "Truman Show". Gisbert ist eine verlorene Marionette im Polizeigeschäft, zum Scheitern verdammt. Weil er mit aller Macht einmal etwas richtig machen will, muss er sterben.

Kaputte Seelenakrobaten

Typen wie Gisbert faszinieren uns, weil sie schwer zu fassen sind. Kaputte Seelenakrobaten, deren Zaudern sich in höchste Verzweiflung steigern kann, und deren Selbstermächtigung meist in libidinöser Volleskalation endet. Das amerikanische Fernsehen hat sie uns gebracht.

Äußerst sympathische Serienmörder wie "Dexter" oder besorgte Familienväter wie den Drogenhändler Walter White in "Breaking Bad". Man kann sich in epischer Breite mit ihnen identifizieren, den wohligen Selbstekel gibt es obendrauf. Sie stehen für einen Individualtypus, der sich die Freiheit der gespaltenen Persönlichkeit erlaubt. Allesamt narzisstische Machtmenschen und zwanghafte Untergeher.

Dieses Persönlichkeitsprofil kennzeichnet eigentlich den Kriminellen, nicht den Kriminaler. Aber genau das macht die Gisbert-Figur so interessant. Den enttäuschten Fans, die auf Facebook eine Wiederauferstehung fordern, ließ der Bayrische Rundfunk ausrichten, "es sollte jemand sterben, der uns ans Herz gewachsen ist".

Das hat toll geklappt. Kein Grund aber, Hinrichs in anderer Rolle nicht nochmal sterben zu lassen. Er kann das so gut. Vielleicht sogar eine ganze Serie lang.

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