05.01.13

Krimi-Serie

Edgar Selge und sein Sohn spielen im Tatort Vater und Sohn

Für den neuen Berliner "Tatort" stand Edgar Selge erstmals mit Sohn Jakob Walser vor der Kamera. Der spielte bislang ausschließlich Theater.

Foto: dpa

Gutes Team: Jakob Walser (vorn) spielte bislang vor allem Theaterrollen. Am Sonntag gibt er im „Tatort“ an der Seite seines Vaters Edgar Selge (r.) sein TV-Debüt
Gutes Team: Jakob Walser (vorn) spielte bislang vor allem Theaterrollen. Am Sonntag gibt er im "Tatort" an der Seite seines Vaters Edgar Selge (r.) sein TV-Debüt

Es hatte immer etwas Selbstverständliches für ihn. Die Welt des Theaters. Der Vater. Die Mutter. Sie nahmen die Kinder mit zu den großen Shakespeare-Abenden in München. Schon als Vorschüler sahen er und seine Schwester "König Lear". Er mochte das. Diese Konzentration auf der Bühne. Das Verspielte, das Ernsthafte.

Dass Jakob Walser wie seine Mutter Franziska Walser und sein Vater Edgar Selge Schauspieler werden wollte, daran hegte er keinen Zweifel. Er gehörte zum Ensemble der Schul-Theatergruppe, nach dem Abitur bereitete er sich auf seine Bewerbung bei einer Schauspielschule vor. Er übte seine Vorsprechrollen ein, stellte sich vor die Mutter und den Vater, um sie ihnen zu präsentieren.Und dann war plötzlich alles anders. "Als ich meinen Eltern meine Vorsprechrollen vortrug, war das beklemmend. Da wollte ich nicht weiter machen."

Abstand von der Familie

Wenn sich Jakob Walser heute an diese Situation erinnert, dann ist es eine, die in einer anderen Zeit liegt. In einer, in der er noch zu dicht dran war an der Familie. So dicht, dass er noch nicht Schauspieler werden konnte, weil er erst lernen musste, seinen eigenen Weg zu gehen.

Er studierte Politik und Neuere Geschichte in München und Wien, moderierte bei einem Radiosender. Er konnte sich vorstellen, Journalist zu werden. Aber er konnte das Theater nicht vergessen. Und irgendwann war er so weit. Er bewarb sich an der Universität der Künste in Berlin, machte eine Schauspielausbildung. Und spielte schon während dieser Zeit am Maxim Gorki Theater oder in der Box des Deutschen Theaters.

Heute ist der 32-Jährige, der mittlerweile festes Ensemble-Mitglied der Wuppertaler Bühnen ist, längst so weit, vor den Eltern seine Rollen vorzutragen. Heute ist der Enkel des Schriftstellers Martin Walser so weit, dass er mit seinem Vater gemeinsam vor die Kamera tritt. Für den aktuellen Berliner "Tatort" hat er das getan. Und wer am Sonntag um 20.15 Uhr die ARD einschaltet, kann sich davon überzeugen, wie gut das war.

Vater und Sohn spielen Vater und Sohn

Jakob Walser ist in "Machtlos" der Sohn des Kidnappers Uwe Braun – gespielt von Grimme-Preisträger Edgar Selge. Braun hat den Sohn eines wohlhabenden Bankdirektors entführt. Er verlangt zehn Millionen Euro Lösegeld. Nachdem sich der Entführer den Kommissaren Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) gestellt hat, lässt er sich endlose Momente verhören – weigert sich aber, das Versteck des entführten Jungen preiszugeben.

Ein Nervenkrieg gegen die Zeit. Die Ermittler kommen auf die Idee, Brauns Sohn zu holen, in der Hoffnung, dass er den Vater erweichen kann. Dabei kommt es zu einer berührenden Annäherung zweier Menschen, die sich längst auseinander gelebt haben und so unterschiedlich sind, wie man nur sein kann.

Für Jakob Walser war die gemeinsame Arbeit mit dem Vater etwas ganz Besonderes. "Das ist sehr schön", sagt er, "wenn einem ein so vertrauter Mensch für Momente so fremd werden kann. Natürlich irritiert einen das auch, aber diese Irritation passte zur Situation des Films, in dem sich Vater und Sohn jahrelang nicht gesehen haben und unter völlig unerwarteten Umständen aufeinandertreffen."

Intimität spüren

Auch für Edgar Selge, der gerade als Richard Wagner in "Ludwig II." zu sehen ist, war die Arbeit mit seinem Sohn eine große Bereicherung. "Mit dem eigenen Sohn zu drehen, das ist schon eine besondere zwischenmenschliche Erfahrung", sagt er. "Da glaubt man, jemanden besonders gut zu kennen, und dann entdeckt man im Spiel, dass der andere fremder ist, als man ihn bisher wahrgenommen hat. In dem Moment, wo ich ihn spielen sehe, sein Gesicht betrachte, merke ich, wie er sich für mich neu zusammensetzt."

So gehe es ihm auch mit seiner Frau Franziska Walser, mit der er viel zusammen arbeitet. "Miteinander spielen", sagt er, "ist etwas Intimes. Obwohl man eine Rolle spielt, geht man unverstellter, spontaner miteinander um. Das gibt es so in anderen Berufen nicht."

Jakob Walser sagt, dass er seinem Vater während der Dreharbeiten sehr nahe gekommen ist. Gerade in Anbetracht der unerträglichen Schwere der Situation, die sie spielten. "Da konnte es passieren", sagt er, "dass die Spannung so stark war, dass man sich anguckt und plötzlich lachen muss."

Da entlud sich etwas, was Edgar Selge großartig darstellt: Das Gefühl der völligen Ohnmacht und die fatalen Folgen, die es haben kann. "Wenn man mit jemandem zu tun hat, der aus Rache oder Idealismus ein Unrecht begeht, dann ist das für alle Beteiligten schwer, da rauszukommen. Der Kidnapper in ,Machtlos´ hat einen großen Zorn über sein verpfuschtes Leben, dem ist es egal, was mit ihm passiert. Hier muss eine Situation herbeigeführt werden, die eine echte Einsicht bewirkt."

Edgar Selge weiß, dass jeder schon Augenblicke erlebt hat, in denen er sich so beleidigt und ungerecht behandelt gefühlt hat, dass er sich verschließt. "Kinder entwickeln in solchen Momenten der völligen Ohnmacht Gedanken wie ,Wenn ich groß bin, kauf' ich mir bissige Hunde und hetze die auf meine Eltern!´ Eigentlich ist hier so eine Situation." Und hier sieht Selge auch die Botschaft des Films von Autor und Regisseur Klaus Krämer: Dass es nur einen Weg gibt, der herausführen kann, der so einfach klingt und so schwierig ist: Sich zu öffnen und neu aufeinander zu zugehen.

Erinnerung an Fall Jakob von Metzler

Unwillkürlich weckt der "Tatort" die traurige Erinnerung an die Entführung des elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler im September 2002. Der damalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner hatte damals anordnen lassen, dem Entführer Magnus Gäfgen körperliche Gewalt anzudrohen, damit er den Aufenthaltsort des Jungen preisgibt. Gäfgen führte die Polizei zur Leiche des Jungen. Er war tot. Sein Entführer hatte ihn ermordet.

Was dem Entsetzen über die Tat folgte, war eine große Debatte darüber, ob die Polizei in Fällen wie diesen Folter-Drohungen aussprechen darf, um zu einer Aussage zu kommen. "Dass Gäfgen im Verhör Gewalt angedroht wurde, damit er sagt, wo er den Jungen versteckt hat, kann jeder verstehen", sagt Selge. "Aber die Tatsache, dass man etwas versteht, heißt nicht, dass es richtig ist."

Die Verhöre in "Machtlos" sprechen eine andere Sprache. Dominic Raacke und Boris Aljinovic haben sich in der Vorbereitung auf ihre Rollen von Berliner Polizisten verhören lassen. Ihre Drohungen halten sich in Grenzen. Sie setzen auf Psychologie – und auf den Sohn. Was der erreicht, muss hier noch ein Geheimnis bleiben.

Kein Geheimnis ist mehr, dass Jakob Walser ein großartiger Schauspieler ist. Einer, der wunderbar mit seinem großen Vater zusammen spielt und dabei ganz eigenen Akzente setzt. Einer, der an keiner Stelle im Schatten steht. "Ich messe mich nicht an ihm", sagt er. "Ich suche nach eigenen Zugängen und Motivationen. Ich will diese Arbeit so machen, wie ich sie machen kann." Und das macht er sehr gut.

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