04.01.13

Befindlichkeiten

Alle gegen alle - und vor allem gegen Berlin

Das Schlachtfeld deutscher Animositäten: Nach der Thierse-Debatte hier ein Überblick über weitere landsmannschaftliche Rivalitäten.

Von Wolfgang Büscher, Oliver Michalsky, Berthold Seewald, Hanns-Georg Rodek, Ulrich Clauß, Ulf Poschardt
Foto: imago stock&people
Willkommen in Schwabylon: Verkehrsschild im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg
Willkommen in Schwabylon: Verkehrsschild im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg

Alle gegen alle – und besonders gegen Berlin. Die Debatte, die Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse ausgelöst hat, zeigt nur einen kleinen Teil der landsmannschaftlichen Verfeindungen.

Ein Rundgang über das Schlachtfeld der deutschen Animositäten:

Berliner versus Schwaben

Nichts Neues für den Berliner. Die hergezogenen Schwaben kriegen mal wieder Haue, und sie koffern zurück. Wolfgang Thierse ist nur eine neue Puppe in einem alten Kasperlstück. Lust auf ein, zwei Ideen dazu? Hier die tiefenhistorische Erklärung: Seitdem die schwäbischen Hohenzollern den preußischen Laden vor knapp 600 Jahren übernahmen, sind beide Stämme nun mal schicksalhaft verbandelt. Und nachdem das schwäbische Preußenveredelungsprojekt vor knapp 100 Jahren auslief, muss man sich den Schwaben und den Berliner vorstellen wie zwei alte Knilche, die sich jeden Nachmittag um halb vier auf derselben Parkbank zum Zanken treffen.

Zu retro, Keule? Jut, hier die lebensnahe Erklärung: Berlin ist seit den 60er-Jahren die Deponie für die renitente Westjugend. Schon die Hausbesetzer der 80er schwäbelten. Heute gehören ihnen die Häuser. Sie wollen's nett haben, wer will das nicht? Die, die neu in der Deponie sind. Die wollen noch e bissele Anarchie atmen, bevor auch sie kaufen und sanieren. Und Opa Thierse erzählt dann ihren Kindern eine Geschichte aus wilder Zeit. Gut's Nächtle, Alter.

Ost versus West

Der eine witzelt: "Warum nennt der Ossi den Wessi 'Wessi'? Weil er das Wort 'Spezialist' nicht aussprechen kann!" Der andere kontert: "Was erhält man, wenn man einen Ossi mit einem Wessi kreuzt? Einen arroganten Arbeitslosen." Ein Dritter wirft ein: "In der DDR hat man zwölf Jahre bis zum Abitur gebraucht, der Wessi braucht ein Jahr länger. Da ist ein Jahr Schauspielunterricht dabei." Was wir hier erleben, ist nicht jener innerdeutsche Ost-West-Konflikt, den wir Deutschen uns seit 23 Jahren gern unterstellen.

In Wahrheit gibt es diesen Konflikt nicht. Denn diese Witze entspringen – unabhängig von Geokoordinaten – dem urdeutschen Drang, Neid und Missgunst zu streuen, sich über Glück und/oder Leistung des anderen ganz und gar nicht freuen zu können. Es ist dabei irrelevant, ob es sich um Neid auf materielle Besserstellung handelt oder um Missgunst angesichts der Tatsache, dass der andere es geschafft hat, seine Lebenssituation grundstürzend zu ändern. Neid ist offenkundig Teil der deutschen DNA, vermeintliche Ost-West-Reibereien nur Substitutionshandlungen dafür, dass wir uns selbst nicht leiden können. Sonst würden wir nämlich als fröhliches Volk wahrgenommen werden. Denn es geht uns sehr, sehr gut.

Westfalen versus Rheinland

Dass gemeinsame Wurzeln, Geschichte und wirtschaftliche Interessen keineswegs ausreichen, um eine Zuneigung zueinander zu entwickeln, zeigt nicht nur die EU. 1946 von der britischen Besatzungsmacht zusammengeführt, um das Ruhrgebiet (zwischen Essen und Bochum verläuft die Grenze) besser verwalten zu können, sind sich Westfalen und Rheinländer nach wie vor in herzlicher Abneigung zugetan.

Es gilt die Erkenntnis, dass westlich des Rheins immer Karneval gefeiert wird, während man sich im Osten eher den ernsten Dingen des Lebens widmet. Gutem Schinken zum Beispiel und nicht diesem fürchterlich dünnen Zeug, das sie Bier nennen. "Bevor ein Westfale einem das Du anbietet, muss man 20 Jahre zusammen in einem Haus wohnen. Im Rheinland reicht es schon, wenn man die gleiche Tageszeitung abonniert hat." Das erkannte schon Jürgen Rüttgers. Genutzt hat es ihm nichts. Abgewählt haben sie ihn als Ministerpräsident. Doch nach so viel Gemeinschaftsgeist ist erst einmal Schluss.

Schwaben versus Badener

"In Freiburg wächst der Wein/Ein Badner möchte ich sein", kündet Badens Hymne. Das sagt alles. "Schwobe schaffet, Badener denket", weiß das euphemistische Sprichwort. "Denken" steht für: saufen, schlemmen, prassen, denn Badener sind katholisch und eng mit dem liederlichen Frankreich verbunden. Die Schwaben dagegen haben immer geschafft und ihre Pflicht gegenüber dem guten Papa Daimler und dem strengen Gott erfüllt; in ihrer Hymne freut sich der Fürst: "Ich mein Haupt kann kühnlich legen/Jedem Untertan in den Schoß."

Nun, zum Glück schlafen die Landesherren seit Stuttgart 21 ein bissle unruhiger. Es gibt viele bösartige Schwabenwitze aus Baden, aber kaum Badnerwitze von Schwaben. Wozu auch? Soll der Schwabe, rechtschaffen und reich, auf den armen Vetter neidisch sein? Nein, Missgunst und Minderwertigkeitskomplex sind badensisch. Und wo die Grenze verläuft, wissen wir auch nach 60 Jahren gemeinsamem Bundesland noch gut.

Sachsen versus Berlin

Nach der Besetzung Ost- und Mitteldeutschlands durch die Rote Armee erlebten die geschundenen Landstriche im Osten Deutschlands eine "Besatzung B", durch die Sachsen. In Verwaltung, Wirtschaft und Kultur installierten die Statthalter Moskaus in Führungspositionen bis zur mittleren Ebene vornehmlich Sachsen, die so zu einer Art Staatsvolk der DDR avancierten.

Die Sachsen wiederum litten unter der systematischen Benachteiligung bei Konsumgütern. Die DDR-Hauptstädter genossen die Bevorzugung der SED-Administration als "Schaufenster des Ostens". Zu diesen historischen Bürden kommen Mentalitätsunterschiede grundsätzlicher Art. Der Berliner, oftmals subproletarischer Herkunft, unterdurchschnittlich gebildet, dennoch aber als Metropolenbewohner mit überhöhtem Selbstbewusstsein, schaut auf den Sachsen als Provinzler traditionell herab – und ignoriert den Gewerbefleiß, die überdurchschnittliche Bildung und Weltläufigkeit der Sachsen.

Franken versus Bayern

Früher war Nürnberg mächtig, schön, Kaiserstadt, Zentrum des Fränkischen Reichs und der deutschen Renaissance, schließlich Rekordmeister im Fußball und kulinarisch dank Sauren Zipfeln und Schäufala Pilgerort für Feinschmecker aus aller Welt. Die erste Eisenbahn fuhr zwischen Nürnberg und der West-Vorstadt namens Fürth, und OB Andreas Urschlechter war der erste Heinz Buschkowsky der SPD. Aber, man spürt es, die Franken blicken gerne zurück und etwas neidvoll in Richtung Bayern, die Rekordmeister sind und denen es auch sonst sehr gut geht.

Die Kernfranken waren und sind protestantisch, wählten sozialdemokratisch, bis Günther Beckstein und Markus Söder kamen, und hielten die Bevormundung aus München, durch die arroganten bayerischen Schnösel, für Chauvinismus. Im Bayerischen Fernsehen wurde meist Bayerisch, selten Fränkisch gesprochen. Demnächst gibt es dafür einen eigenen "Dadord". Die Separartistenbewegung, die für ein eigenes Bundesland Franken kämpft, passt in ein Straßenbahnwartehäuschen am Plärrer. Aber im Europa der Regionen muss dringend mehr "Frängisch" gesprochen werden.

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