04.01.13

"Freigekauft"

Wie Beate die DDR verließ - "Du bist jetzt frei"

Als 1961 die Mauer gebaut wurde, blieben über 3000 Kinder in der DDR zurück. Eines durfte offiziell das Land verlassen: Beate Kernke. Knapp 50 Jahre danach richteten sich wieder Kameras auf sie.

Foto: /AP/dapd

Der Mann vom Roten Kreuz und das Mauermädchen: Neil M. Clark holte Beate Kernke am 18. März 1963 am Checkpoint Charlie ab.

4 Bilder

Wer das Bild sieht, der vergisst es nicht mehr. Das kleine Mädchen, ihr ängstlicher Blick unter der dunklen Ponyfrisur, der ganze Körper eine einzige Abwehr. Neben ihr kniet ein Mann in Uniformmantel und mit Militärmütze. Er schaut sie an, das Kind aber vermeidet den Blickkontakt, schaut stattdessen Hilfe suchend in die Kamera.

49 Jahre später ist das Kind eine Frau geworden - etwas zu früh gealtert vielleicht, trotz der noch immer dunklen Haare. Wenn sie lacht, kehlig und laut, sind Zahnlücken zu sehen. Doch das hält die 54-Jährige nicht vom Lachen ab. Selbst als sie dem Kamera-Team erzählt, warum sie als Kind in der DDR ohne Eltern aufwuchs, lacht sie nur und zuckt mit den Schultern: "Meine Mutter musste wohl arbeiten. Sie gab mich zu Oma. Ich glaube, sie hat zu viel Party gemacht. Ich weiß nur, dass sie lange weg war."

Unbekannter Aspekt des Mauerbaus

Nun hat ihre Geschichte drei US-Filmemacher dazu bewogen, einen Dokumentarfilm über sie zu drehen. "The Forgetting Game" heißt der Film, der ein Schicksal aus der Zeit der deutschen Teilung noch einmal beleuchtet. Und ein Streiflicht wirft auf einen unbekannten Aspekt des deutschen Mauerbaus: Nach der Schließung der Grenze saßen auch Tausende von Kindern in der DDR fest.

Kinder aus West-Berlin oder Westdeutschland, die die Ferien bei ihren Großeltern verbracht hatten. Aber auch Jungen und Mädchen, deren Eltern der DDR bewusst den Rücken gekehrt hatten und anderswo eine neue Existenz aufbauen wollten. Die Kinder wollten sie nachholen, irgendwann. Doch dieses Irgendwann wird in den Wochen nach dem August 1961 ein Nirgendwann.

Nach Unterlagen, die die Autoren des Buches "Freigekauft" zusammengetragen haben, saßen 1972, trotz gelegentlicher, von der BRD teuer erkauften "Kinderrückführungen" noch immer 1179 Kinder in der DDR fest. Dass überhaupt Menschen das Land verlassen durften, war ein Geheimnis der DDR-Führung.

Beate Kernke sollte ausreisen

Offiziell stellte man sich in Ost-Berlin auf den Standpunkt, dass die Lösung für die "in gewissenloser Weise" zurückgelassenen Kinder einfach sei: Die "Freigekauft"-Autoren zitieren den Anwalt Friedrich Karl Kaul: "Sollen doch diese Eltern zurückkommen, dann können sie bei uns in der DDR vernünftig zusammenleben." Das jedoch wollten nur die wenigstens. Auch die Mutter des Mädchens auf dem Foto wollte es nicht.

Und nur einmal gab es Bilder wie das aus dem März 1963: Das kleine Mädchen neben dem Mann in Uniform, der nicht ihr Vater ist. Neil M. Clark heißt er, arbeitete für das amerikanische Rote Kreuz. Sein Auftrag an diesem Tag hatte einen Namen: "Beate". Beate Kernke, so heißt das fünfjährige Kind auf dem Foto, das zu seiner mittlerweile in den USA lebenden Mutter ausreisen sollte.

In den USA lebt Beate Couturier, so heißt sie heute, noch immer. Und es ist der Verdienst von Produzent Pulkit Ditta und Regisseur Russell Sheaffer, dass ihr Schicksal nun sichtbar geworden ist. Denn "The Forgetting Game" handelt nicht nur von dem Foto. Er handelt von einem Menschenleben, das von der deutschen Teilung geprägt wurde. Aber auch von einer Begegnung, die nicht nur das Leben von Beate, sondern auch das von drei anderen Kindern beeinflusst hat.

"Sie hatte Angst, das hat man gemerkt"

Das Team rund um Datta und Sheaffer ("Ich wuchs mit Beates Geschichte auf. Meine Familie war in den Austausch verwickelt und ich habe die Geschichte nie mehr vergessen") hat das junge Mädchen von damals wieder aufgespürt.

Aber sie haben auch nach der Familie des Rot-Kreuz-Offiziers gesucht, der Beate damals am Bahnhof Friedrichstraße in Empfang nahm, und sie danach für einige Wochen beherbergte. Sieben Kinder hatte Clark, einige von ihnen nur wenig älter als Beate. Einer der Söhne, Steven Clark, erinnert sich an den Tag vor der Begegnung: "Da kommt ein Mädchen zu uns. Benehmt Euch. Sie kommt aus Ostdeutschland. Alle sind da arm", habe der Vater seiner Familie erklärt. Clarks erster Eindruck von dem Mädchen, das dann kam: "Sie hatte Angst, das hat man gemerkt". Angst und Ungewissheit, sie waren nichts Neues im Leben von Beate.

Geboren wurde sie im Jahr 1958. Ihr Vater ist unbekannt, ihre bei der Geburt noch junge Mutter nennt ihn weder ihr noch ihren Angehörigen. Bei denen gibt sie das kleine Mädchen auch schon bald nach seiner Geburt ab. Doberlug-Kirchhain heißt der Ort in Brandenburg, in dem Beate nun bei ihrer Oma aufwächst. Die Mutter geht nach Berlin. Dort lernt sie einen amerikanischen GI kennen. Sie verliebt sich, wieder einmal. Doch diesmal hält die Liebe. Das Paar heiratet und verlässt Deutschland. Ihr Kind lässt sie zurück, wieder einmal.

"Okay, Du bist jetzt frei"

Beate selbst spürt den Verlust der Mutter nicht. Sie lebt gerne bei ihrer Oma, auch wenn die Verhältnisse ärmlich sind. Johanna Kernke zeigt den Filmemachern Fotos von damals. Zu sehen ist Nachkriegsarmut, die nahtlos in DDR-Tristesse überging. Verfallene Gebäude, aber ein Garten zum Spielen und eine liebevolle Großmutter. Die Familie, Vertriebene aus Schlesien, hält zusammen. Beate schläft bei der Oma im Bett und wird verwöhnt, so gut es geht.

Doch im Hintergrund wird bereits gerungen um das Kind. Ihr US-Stiefvater bemüht sich fast ein Jahr lang schriftlich um die Tochter seiner Frau. Erst fragt er bei der US-Regierung an, vergebens. Dann beim Roten Kreuz. Es kommt der März 1963. Die Fünfjährige fährt zum ersten Mal in ihrem Leben Zug. Daran kann sie sich erinnern. Und dass jemand zu ihr sagte: "Okay, Du bist jetzt frei".

Gut fühlte sich die neue Freiheit zunächst nicht an. Vor dem Offizier an ihrer Seite hatte sie Angst. "Er war so groß und trug diese verrückte Uniform", sagt Beate Couturier in die Kamera. "Ich hatte große Angst". Nur, dass sie neue Welt so anders war als die alte, das gefiel dem Kind damals gut. "Es war wie von Schwarz-Weiß auf Farbe, der Wechsel von Ost nach West", erinnert sie sich.

Ob sie noch lebt?

Schwarz-Weiß ist auch das Foto, das Beate neben ihrem Ersatzvater zeigt. In einer Einstellung des Films hängt es an der Wand, im goldenen Rahmen. Die Wohnung gehört Pamela Clark, Neil M. Clarks ältester Tochter. Sie wirkt gerührt, wenn sie vor den Kameras von der kleinen Beate spricht.

"Sie war sehr süß, sehr niedlich. Sie hat viel gelacht". Wie eine kleine Schwester für ein paar Tage sei der Besuch gewesen. "Wir haben einen historischen Moment erlebt", erinnert sich Pamela Clark. Es ist dies der einzige offiziell verbürgte Fall eines Kindes, dass die DDR verlassen konnte. Ein Kind, das ihr zur Freundin geworden war. Und das sie nicht vergessen konnte, genau wie der Rest der Familie Clark.

Auch im Film zu sehen ist ein Veteraneninterview mit Neil M. Clark (er starb 2006, im Alter von 86 Jahren). Ein typischer US-Rentner sitzt da vor der Kamera. Windjacke, Brille, Basecap. Ob er wisse, fragt die Interviewerin, was aus dem "young girl" geworden sei? Nein, sagt er, und ringt merklich nach Worten. Ob sie noch lebt? Die Frage habe er sich oft gestellt, sagt Clark. Und dass seine Tochter versucht habe, Beate zu finden.

Ja, bestätigt Pamela Clark. Sie habe ihre Freundin von damals im Internet gesucht. Aber nichts. Selbst an die US-Talk-Ikone Oprah Winfrey habe sie sich gewandt. Ob die das Mädchen von damals nicht finden könnte. Doch Oprah habe nicht geantwortet. Die Kamera läuft weiter, zeichnet Rührung auf. "Wir würden gerne wissen, ob wir ihr Leben verändert haben!", sagt Pamela Clark.

Erinnerungsstücke vorbereitet

Beate Couturier lacht. Wie das gewesen sei damals? Der Neuanfang in den USA? "Ich habe an einem Tag noch deutsch geträumt. Am anderen englisch. Keine Mischung." Es ist dies wohl ein Talent, das Beste aus der Situation zu machen. Nicht zurückzublicken, auf die Dinge, die nicht gut gelaufen sind. Was für Dinge das sind, verrät den Filmemachern etwa Beates Halbschwester Britta.

Und nicht nur das. Ohne sie wäre "The Forgetting Game" nicht gedreht worden, denn erst über sie kamen die jungen Filmemacher (beide sind erst 26) auch auf die Spur von Beate. Für den Besuch des Filmteams hat Britta Wyrick Erinnerungsstücke vorbereitet. Beates Mäntelchen etwa, das von dem berühmten Foto. Knallrot ist es. Und das Kuscheltier von damals ist in Wirklichkeit eine Puppe. Auch sonst ist nicht alles so wie gedacht. Die vermeintlich hartherzige Mutter? "Sie hat Deutschland sehr vermisst", verrät deren Tochter aus der US-Ehe.

Alkoholprobleme, Depressionen. Immer wieder sei die früher so lebenslustige Irmgard in ihre alte Heimat gereist. Als das nicht mehr ging, kompensierte sie den Verlust anders. "Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie nur noch Deutsch gesprochen", sagt Britta. Beate selbst fasst das Schicksal ihrer Mutter, die sie so lange allein ließ, ohne jeden Vorwurf zusammen. "Sie hat nicht viel erzählt. Zu traumatisch. Ein Leben zwischen zwei Weltkriegen."

Ihre eigenen Traumata geht Beate ähnlich unsentimental an. Aus dem herumgeschubsten Kind wird ein "troubled teenager", eine Schulschwänzerin, eine Ladendiebin. "Beate hatte Probleme mit Beziehungen", sagt die Schwester. Aber sie sagt auch: "Sie ist die klügste und meinungsstärkste Frau, die ich kenne." Stark will Beate auch sein. Sie geht zur US-Airforce. Die Strukturen tun ihr gut. Nur privat, da läuft es schlecht.

Gänse, Hunde und Kinder

Auch Beate trinkt. Mit den Männern gibt es Probleme. Der Vater ihrer zwei Kinder schlägt öfters zu. Und so macht Beate das, was sie gelernt hat: Sie fängt woanders neu an. Sie zieht nach Alaska, träumt davon, dort eine Bar aufzumachen. Dann lernt Beate jemanden kennen, der Ruhe in ihr turbulentes Leben bringt. Rick, ein gemütlicher Mitfünfziger mit Vollbart. Er bewohnt gemeinsam mit Beate ein heruntergekommenes, liebevoll-chaotisch eingerichtetes Haus. Viel Geld ist nicht da, so wie schon damals in Doberlug-Kirchhain. Es wird noch mit Holz geheizt, es ist ländlich, Gänse laufen umher und Hunde, viele Hunde. Dazu einige Kinder.

Ein Mädchen ist darunter, es sieht mit seinem runden Gesicht ein wenig so aus die kleine Beate damals, nur in blond. Es ist Beates Enkeltochter. Deren Mutter, Beates Tochter Serena, hat ihr Kind bei der Oma gelassen. Manchmal, so scheint es, wiederholt sich Geschichte. Serena ist heroinabhängig. Ihre Mutter, das spürt man, hält nicht viel von ihr. "Sie hat in ihrem Leben nie etwas zu Ende gebracht". Das Kind aber, es ist das ein und alles seiner Oma.

Die kleine Aralyn hat Struktur in Beates Leben gebracht. Die 54-Jährige hat noch einmal zu studieren begonnen, will zur Buchhalterin umschulen. Endlich Geld verdienen! Kehliges Lachen.

"Wichtiger Teil meines Lebens"

Harte Schale, weicher Kern. Erst am letzten Tag der Dreharbeiten willigt Beate in die Bitte der Filmcrew ein. Es soll einen Kontakt geben zwischen ihr und den Clark-Kindern. Videobotschaften werden ausgetauscht. Beate fasst sich kurz, wirkt dabei grob, fast abweisend: "Ich erinnere mich. Ihr ward nett. Eine Mail wäre schön." Pamela kommen trotzdem die Tränen, als sie den Film sieht. Sie antwortet: "Ich freue mich, dich zu sehen. Ich würde dich gerne sehen und wissen, wer Du bist. Du warst ein wichtiger Teil meines Lebens."

Am 9. August 2010 ist es dann soweit. 47 Jahre nach dem ersten Treffen sollen sich Beate und Pamela wiedersehen. Dazwischen liegt ein ganzes Leben, mit seinen Höhen und Tiefen. "Ich bin sehr aufgeregt", sagt Pamela in die Kamera. Nervös wippt sie auf den Fußspitzen, während sie im Flughafen wartet. Dann ist Beate da, nicht zu überhören mit ihrem lauten, kehligen Lachen. Umarmungen, Tränen, es gibt viel zu erzählen. Beim Familientreffen – auch Pamelas Brüder sind dabei – ist die Anspannung verflogen. Zeit für Erinnerungen.

"Are you Oma?"

An eine Zeit, in der zwei politische Systeme die Welt in zwei Teile getrennt hatten. In der große Ideologien offiziell herrschten, aber der Alltag, das Empfinden der Menschen so ganz anders war. Die Familie Clark, die das Mädchen aus Ostdeutschland so schnell lieb gewann. Oder die mittlerweile zu kalifornischen Teenagern herangewachsenen Schwestern Beate und Britta, die Besuch bekamen von der "kommunistischen" Oma aus der DDR. Wir dachten, da kommt jemand, der ist schwarz angezogen und ganz traurig, erinnert sich Britta.

Das Gegenteil war der Fall. "Are you Oma?", fragten sie die attraktive Dame im lila Kleid und mit der glitzernden Perlenkette dann ungläubig. Ja, sie war die Oma, und dabei so ganz anders als gedacht: "Ich bin a happy communist", habe die Großmutter ihnen lachend erklärt. Und ihren Enkelinnen einen Klaps auf den Po gegeben: "Ihr seid gute deutsche Mädel!" Anekdoten, die auch Beate Kernke amüsieren. Mehr aber auch nicht. Von dem Mädchen auf dem Foto damals hat sich ihr Leben weit entfernt.

Sie selbst hat das berühmt gewordene Bild nicht aufgehängt. Gefreut aber hat sie sich doch über den Besuch des Filmteams, verrät Russell Sheaffer: "Ich habe mich immer gefragt, wann endlich jemand kommt, der einen Film über mich dreht". Ein Traum im Leben der Beate Kernke, der sich doch noch erfüllt hat.

"Freigekauft. Der DDR-Menschenhandel. Fakten, Bilder, Schicksale." Kai Diekmann (Hg.), Piper Verlag, 17,99 Euro.

"The Forgetting Game" ist als DVD oder Video on demand erhältlich, Infos hier.

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