05.01.13

Guru Ravi Shankar

"Gewalt als letztes Mittel ist in Ordnung"

Kann man mit der richtigen Atemtechnik Übergriffe verhindern? Der Guru Ravi Shankar erklärt, weshalb Inder ihr Schicksal so leicht akzeptieren, und warum Vergewaltiger in Indien kaum verfolgt wurden.

Foto: picture alliance / dpa

Sri Sri („heilig, heilig“) Ravi Shankar ist laut dem Forbes-Magazin der fünfwichtigste Inder. Seine Ansichten zu den Ursachen indischer Gewalt und Lösungsvorschläge provozieren westliches Denken – als Yogi und Guru aber hat er weltweit über fünf Millionen Anhänger und berät als Friedensbotschafter die Unesco
Sri Sri ("heilig, heilig") Ravi Shankar ist laut dem Forbes-Magazin der fünfwichtigste Inder. Seine Ansichten zu den Ursachen indischer Gewalt und Lösungsvorschläge provozieren westliches Denken – als Yogi und Guru aber hat er weltweit über fünf Millionen Anhänger und berät als Friedensbotschafter die Unesco

Der 56 Jahre alte Hindu-Lehrer und Yogameister Sri Sri Ravi Shankar ist laut "Forbes" der fünfteinflussreichste Mensch Indiens. Tausende Kursleiter in aller Welt vermitteln seine rhythmischen Atemtechniken, die glücklich machen sollen. Manche sehen ihn als eine Art Papst der Hindus. Der Guru hat einen anderen Blick auf den Vergewaltigungsfall in Indien als westliche Beobachter. Er glaubt: Atemtechnik und Ayurveda würden die Täter zu besseren Menschen machen.

Die Welt: Wie sehen Sie die Situation in Indien nach dem Vergewaltigungsfall?

Sri Sri Ravi Shankar: Endlich sind die Menschen aufgewacht! Sie hatten sich schon an diese Fälle gewöhnt. Wir haben immer noch die alten Gesetze, durch welche Verbrecher nicht genug bestraft werden. Die laschen Gesetze wurden während der britischen Kolonialzeit gemacht. Damit, wenn es in jenen Zeiten Anzeigen gegen die Kolonialpolizei wegen Vergewaltigungen gab, keine strengen Strafen verhängt werden mussten. Deswegen fordert das Volk jetzt strengere Gesetze. Unser Verein "Art of Living" hat am Tag, an dem das rauskam, eine Lichterkette organisiert. Danach sind alle Politiker, Studentenvereinigungen und die allgemeine Öffentlichkeit gefolgt.

Berliner Morgenpost: Was sollte mit den Tätern geschehen?

Shankar: Sie sollten ihr Leben lang ins Gefängnis kommen, aber nicht getötet werden. Diese Menschen verhalten sich so, weil ihre Hormone nicht im Gleichgewicht sind. Sie haben eine gewalttätige Vergangenheit oder sind sehr gestresst. Gewalttätigkeit in der Persönlichkeit des Menschen kann immer korrigiert werden.

Berliner Morgenpost: Wie sollte das gehen?

Shankar: Durch Therapiegespräche und auch Atemtechniken. Das kann helfen, das hormonelle Ungleichgewicht ausgleichen. Wenn nötig, muss man diesen Menschen auch Medikamente geben, um die Gewalttätigkeit zu beruhigen. Und es gibt Medikamente etwa aus der ayurvedischen Medizin, welche ihr Verhalten zum Besseren verändern können.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie nicht, dass Böses manchmal auch mit Gewalt beantwortet werden muss?

Shankar: Wenn alles andere gescheitert ist, dann ist Gewalt in Ordnung. Aber das sollte das letzte Mittel sein.

Berliner Morgenpost: Im Westen sehen viele die Inder als friedliche Leute – aber entspricht das den Tatsachen?

Shankar: Ja, Menschen mit hinduistischer Kultur sind sehr friedlich. Außerdem akzeptieren die Inder oft ihr Schicksal und machen einfach weiter. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb es oft nur eine langsame Reaktion auf Vergewaltigungsfälle gab.

Berliner Morgenpost: Wie sehen Sie die Lage der Frauen in Indien?

Shankar: Die hinduistische Kultur respektiert Frauen sehr. Frauen werden als Göttinnen gesehen in fast jedem Teil von Indien. Aber es ist schlimm, dass solche Taten passieren. Ich glaube, das liegt hauptsächlich am Zelluloid, also an den Kinos, den Filmen. Es gibt sehr viel Gewalt in den Filmen des letzten Jahrzehnts. Unsere Kultur entfernt sich von der Tradition.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie vom hinduistischen Kastensystem?

Shankar: Das Kastensystem war ursprünglich nicht als ein Hierarchiesystem gedacht, sondern als eine Verbindung von Berufen, zum Beispiel von Schmieden, wie es das auf der ganzen Welt gibt. Aber heutzutage profitiert in Indien die Politik davon. So ist es leicht, die potenziellen Wählerstimmen zu bündeln. Außerhalb der Politik ist das Kastensystem aber sehr aufgeweicht worden, die Menschen vermischen sich.

Berliner Morgenpost: Vielen Dank für das Gespräch.

Shankar: Eines will ich noch sagen. Als dieser berühmte Sitarspieler Ravi Shankar starb (im Dezember 2012), haben mich viele Leute in Deutschland mit ihm verwechselt, wie auch Zeitungen und Nachrichtensendungen auf der ganzen Welt. Deshalb glaube ich, dass Yogapopulärer ist als Sitarmusik. Zum Beispiel Fox-News hat mein Bild statt seins gezeigt. Dabei habe ich ihn nie getroffen, er war 92 Jahre alt und ich bin nur 56.

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