03.01.13

Geschlechter

"Männer setzen auf Masse, Frauen auf Qualität"

Rosamunde Pilcher ist Porno für Frauen, Männer können stillen und Kinderbetreuung ist eine Frage des Wollens: Die Anthropologin Barbara Schweder versucht zwischen den Geschlechtern zu vermitteln.

Foto: picture alliance / Eventpress Ho

Männer und Frauen kommen sich gegenseitig immer wieder seltsam vor
Männer und Frauen kommen sich gegenseitig immer wieder seltsam vor

Barbara Schweder will nichts Geringeres, als Männern und Frauen das Leben leichter zu machen. In jeder Beziehung. In ihrem Buch "Frauen fühlen anders. Männer auch." schreibt die Österreicherin über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern.

Die Welt: Frau Schweder, Sie schreiben in Ihrem Buch von einer Art umgekehrter Schöpfungsgeschichte. Sie sagen, der Grundbauplan der Natur sei weiblich. Sind Männer also das abgewandelte Geschlecht?

Barbara Schweder: Es gibt zwei verschiedene Fortpflanzungsstrategien. Männer setzen auf Masse. Nach dem Motto, besame was dir vor die "Flinte" kommt. Frauen setzen hingegen auf Qualität und wählen das beste Genom für ihre Nachkommen. Kein Wunder, dass die Natur Frauen bevorzugt. Jede Frau trägt qualitativ zur Vermehrung bei. Ein Mann ist hingegen genug, um viele von ihnen zu befruchten. Mulai Ismail der Blutdürstige, Herrscher von Marokko, hat Hunderte Nachkommen hinterlassen. Die Rekordhalterin bei Frauen ist eine russische Bäuerin mit 27 Kindern.

Die Welt: Männer tun sich schon im Kindesalter schwerer mit Sprache. Sind Männer gegenüber Frauen gehandicapt?

Schweder: Männer sind dann gehandicapt, wenn man von ihnen verlangt, genauso wie Frauen zu sein. Die Massengesellschaft ist etwas Künstliches. Daher wirken Männer schon in jungen Jahren fehlangepasst. Statt ihnen das Raufen zu gestatten, um mit ihren naturgegebenen "Waffen", also ihren Fäusten, umgehen zu lernen, schleift man sie zur Schulpsychologin wo sie "therapiert" werden. Wenn es gelingt, Männer als das zu sehen, wofür die Natur sie gemacht hat, leisten sie ohnedies Übermenschliches und passen sich in dieses Netzwerk an sozialen Anforderungen ein.

Die Welt: Sie schreiben, dass alleinerziehende Frauen heute "Bürogamie" erfahren. Also dass Vater Staat tatsächlich auch eine Vaterrolle übernimmt durch zahlreiche Transferleistungen.

Schweder: Das gilt vor allem für Frauen aus unterprivilegierten Schichten. Männer und Frauen sind überhaupt nur deshalb miteinander verbunden, weil die Aufzucht der Kinder erst gemeinsam gewährleistet ist. Wenn nun diese Notwendigkeit nicht mehr gegeben ist, so stellt sich für Mütter die Frage, warum sie oft eine mühselige Partnerschaft über sich ergehen lassen müssen. Teils mit einem betrunkenen, arbeitslosen Ehemann, der nur Arbeit und wenig Freude bereitet.

Die Welt: Der Trend geht zu mehr Vaterschaftsmonaten. Sind Väter aber gar nicht geeignet, Kinder großzuziehen?

Schweder: Doch. Wir Menschen können alles lernen. Männer sind anatomisch sogar in der Lage zu stillen...

Die Welt: Halt! Wie war das – Männer, die stillen?

Schweder: Ja. Zweifellos werden das Einzelfälle bleiben, denn es geht ja auch um die Kapazität. Aber wie gesagt, prinzipiell ist die Möglichkeit vorhanden. Das steht für die generelle Fähigkeit des Mannes, sich in der Kindererziehung einzubringen.

Die Welt: Könnten Väter gar die besseren Mütter werden?

Schweder: Kinderbetreuung ist eine Frage des Wollens. Dann klappt das bei Männern genauso wie bei Frauen. Ist es in Schweden doch ein Karrierekriterium bei der Polizei, wenn ein Mann in Kinderkarenz war. Denn wer einem bockenden 2-jährigen Kind eine Jacke anziehen kann und es glauben macht, das wäre seine eigene gute Idee, der hat bestimmt auch Führungsqualitäten unter Erwachsenen, sei "er" nun männlich oder weiblich.

Die Welt: Viele finden, Frauen schreiben Romane anders als Männer. Ein guter Bekannter sagt, er lese erst gar keine Literatur von Frauen, sie langweile ihn. Hat er auf "biologische" Weise Recht?

Schweder: George Elliot war eine Frau. In Wirklichkeit hieß sie Mary Anne Evans. Sie musste unter einem männlichen Pseudonym publizieren, weil sonst niemand ihre Werke verlegt, geschweige denn gelesen hätte. Ich glaube wohl, dass es weibliche Literatur gibt. Die Rosamunde Pilcher Romane bezeichne ich gerne als den Porno für die Frau. Erfüllt denn diese Art der Literatur nicht dasselbe für die Frau, wie das Pronoschauen für den Mann? Ich denke, dass Weltliteratur wohl für beide Geschlechter geeignet ist. Wenn Männer überhaupt so viel lesen wie Frauen.

Die Welt: Dem Klischee nach wollen Frauen einen Mann, der ihnen zuhört. Männer wollen hingegen Frauen, die sie nicht zuquasseln. Wie soll das bitte funktionieren?

Schweder: Mit Rücksicht und einer Prise Humor. Wir Frauen gehen mit Gefühlen einfach anders um. Männer, versteht doch: wir reden über unsere Gefühle, weil wir es können und weil es uns gut tut. Männer hingegen bringen Probleme nur auf, um sie zu lösen. Daher sind sie gekränkt, wenn ihr guter Vorschlag nicht sofort umgesetzt wird. Aber wenn man über die Besonderheiten des jeweils anderen Geschlechts Bescheid weiß, könnte man sich in der Mitte treffen.

Die Welt: Zum Abschluss die Gretchenfrage: Wie halten sie es mit der Frauenquote?

Schweder: Auf keinen Fall um jeden Preis. Ich habe das bei der Besetzung universitärer Stellen mitverfolgt. Es ist einfach unfair den männlichen Kollegen gegenüber. Was können heutige Jungakademiker dafür, dass früher Frauen diskriminiert wurden? Und wenn man Frauen zwingt, sich zu bewerben, damit die Frauenquote erfüllt wird, bringt man Frauen in Misskredit. Man sieht ja dann offensichtlich wie "wenig" begabt Frauen sind, sie werden in Positionen delegiert, wo sie versagen.

Die Welt: Warum finden sich Frauen so selten in Führungspositionen?

Schweder: Frauen bekleiden hohe Ämter vor allem deshalb weniger, weil sie in der Tat Wichtigeres zu tun haben: Kinder aufziehen oder alte Angehörige pflegen. Und ich meine das ganz ohne Ironie: eine Volkswirtschaft würde zugrunde gehen, müsste sie all die unentgeltlichen Leistungen bezahlen, die Frauen traditionell ausführen. Ist die Vermehrung materieller Güter tatsächlich so viel mehr wert als einer heranwachsenden Generation beizustehen oder den alten und kranken Menschen ihr Dasein zu erleichtern? Ein Wertewandel wäre in meinen Augen das Desiderat der Stunde!

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