03.01.13

"Paradies: Liebe"

Suche flotten Afrikaner, bezahle für Sex

Ulrich Seidl wirft wieder einen bösen Blick auf die Exzesse des Kleinbürgertums: In seinem dokumentarisch anmutenden Spielfilm "Paradies: Liebe" geht es um weiblichen Sextourismus in Kenia.

Quelle: Neue Visionen
22.12.12 2:01 min.
Teresa ist 50 Jahre alt und fährt als Sextouristin nach Kenia, um die große Liebe zu finden. Sie trifft auf andere Frauen ihres Alters – und auf den jungen Munga. Teresa wird seine "Sugarmama".

Die Paradiese, in die Ulrich Seidls Filmtrilogie über drei Glücksucherinnen entführt, befinden sich in Menschenhand. Das gilt auch für das zartblaue Meer und den weißen Sand an der Küste Kenias: Wie Wachtposten haben sich die Händler davor aufgereiht, ihr zahlungskräftiges Publikum fest im Blick. Es ist eine der eindrucksvollsten Einstellungen aus "Paradies: Liebe", dem ersten Teil von Seidls Filmserie (Paradies: Glaube" und "Paradies: Hoffnung" werden folgen).

Im Vordergrund eine stämmige Österreicherin mittleren Alters, die sich nicht abhalten lässt und Kettchen kauft. Das eigentliche Handelsgut aber ist das Fleisch. Es geht um weiblichen Sextourismus.

Im Dschungel einer absurden Sexualmoral

Einmal mehr erweist sich Seidl als beharrlicher Kulturfolger kleinbürgerlicher Exzesse, doch es überrascht, wie tief er diesmal in den Dschungel einer absurden Sexualmoral eintaucht. Denn mit käuflicher sexueller Befriedigung sind die Damen nicht zufrieden. Sie erwarten von ihren gut gebauten Dienstleistern ein komplexes Zeremoniell, in dem der Handel verschleiert wird durch einen Überschuss an Aufmerksamkeiten und ein verstecktes Bezahl-System. Einmal beklagt sich Teresa, die Protagonistin aus der Strandszene, darüber, dass ihr die Männer nicht richtig in die Augen schauen.

Und schockiert ist sie, als sie die wahren Wege ihres "Spendenflusses" aufspürt. Die Geschichten von der bedürftigen Verwandtschaft ihres Liebhabers sind frei erfunden, das Geld gibt er artig seiner schlecht gelaunten Frau.

Aber über die Lust der Frauen erfahren wir nichts

Nun könnte man argumentieren, diese Art von Prostitution sei der organisierten Zuhälterei sogar vorzuziehen. Gerade diese Doppelmoral, in der noch immer ein kolonialistisches Almosenprinzip mitschwingt, möchte Seidl aufschlüsseln. Und das gelingt ihm hintergründig und bis zuletzt verblüffend.

Was es in diesem Film nicht gibt, ist ein Kokettieren mit der Anmutung von Pornografie. Mit den erstklassigen Bildgestaltern Ed Lachman und Wolfgang Thaler findet er Bilder, die der Deutlichkeit des Gezeigten einen diskreten Umraum schaffen. Penetration mag inhaltlich ein Thema sein, doch der penetrierte Blick, wie er dem sozialen Realismus im Kino sonst anhaftet, ist Seidl fern.

Aber einen Aspekt, vielleicht den entscheidenden, packt er nicht an: Wir erfahren nichts über die Sexualität der Frauen, ihre Lust und ihre Sehnsucht.

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