31.12.12

Jahr 2050

Auf Roboterjagd in den Bunkern der Merkel-Zeit

Wie wird die Welt in Zukunft aussehen? Darüber machen sich Zukunftsforscher auf der ganzen Welt Gedanken. Auch Karlheinz Steinmüller und seine Ehefrau Angela, die am Rande Berlins leben.

Von von Jan Draeger
Foto: Amin Akhtar
Die Zukunftsforscher Karlheinz und Angela Steinmueller, inszeniert in ihrem Haus in Berlin
Die Zukunftsforscher Karlheinz und Angela Steinmueller, inszeniert in ihrem Haus in Berlin

Die Zukunft wohnt in einem kleinen, unscheinbaren Haus am Rande Berlins. Auf dem Briefkasten steht geheimnisvoll "Z_punkt" und daneben "Steinmüller". Der Forscher Karlheinz Steinmüller lebt in Rauchfangswerder und macht sich hier seit Jahren Gedanken darüber, was auf uns zukommen kann.

Er gehört zu den renommiertesten Zukunftsforschern in Deutschland, unter anderem arbeitet er für die Telekommunikation-, Chemie- und Automobilbranche. 1997 wurden in diesem Haus die "Rauchfangswerder Gespräche" gegründet, dort tauschen sich Zukunfts- und Innovationsmanager von Unternehmen - mittlerweile an wechselnden Orten - einmal im Jahr aus.

Wer das Haus Steinmüllers betritt, dessen Blick fällt unweigerlich auf die riesige Sammlung von Science-Fiction-Romanen aus aller Welt in den Buchregalen. Darunter auch eine Reihe von Bestellern, die er gemeinsam mit seiner Frau, der Mathematikerin Angela Steinmüller, verfasste. Karlheinz Steinmüller, ein aufgekratzter Mann von 62 Jahren, hält außerdem Vorlesungen zur Zukunftsforschung an der Freien Universität Berlin. "Man muss die Gegenwart gut kennen, um die Zukunft erahnen zu können", sagt er.

Die Welt: Schließen Sie bitte einmal die Augen. Versetzen Sie sich in das Jahr 2050, an irgendeinen Ort in Berlin. Was sehen Sie?

Angela Steinmüller: Ich stehe vor dem Berliner Stadtschloss und finde eine wahnsinnig bunte kulturelle Welt vor. Mit Skulpturen und Malereien. Alles für jeden zugänglich. Eine freundliche Welt.

Steinmüller: Ich stelle mir vor, dass ich im Berliner Untergrund bin. Irgendwo zwischen U-Bahn, Kanalisation und übrig gebliebenen Bunkern aus der Merkel-Zeit. Dort jage ich nach entlaufenen Robotern.

Die Welt: Wird es Roboter in unserem Alltagsleben geben?

Angela Steinmüller: Ich habe mir schon immer einen gewünscht. Weil diese dämliche Hausarbeit einen immer so aufhält.

Karlheinz Steinmüller: Aber die Roboter hinterlassen dann überall ihre Ölspuren.

Angela Steinmüller: Wunderbar wäre so eine Art Pflegeroboter. Er könnte wie ein Kühlschrank oder eine Pyramide aussehen. Es müsste eine Maschine sein, die mit einem Karten spielt, die einem die Nachrichten vorliest oder ein bisschen was zu essen hinstellt. Und immer ein bisschen aufpasst.

Karlheinz Steinmüller: Man könnte von sozialen Robotern reden. Was haben ältere Leute oft: einen Hund, eine Katze, einen Kanarienvogel. Eine tierische Bezugsperson. Und warum sollte das dann nicht eine kybernetische Bezugsperson sein? Roboter muss man auch nicht Gassi führen und sie würden keine Häufchen hinterlassen. Das wäre für Berlin sehr günstig.

Angela Steinmüller: Aber Karlheinz, bei Tieren hat der Mensch das Gefühl, er ist . . .

Karlheinz Steinmüller: ... überlegen.

Angela Steinmüller: Und die brauchen mich. Die Katze braucht mich, ohne mich geht die ein. Und dafür ist das Tier auch dankbar. Ein Roboter wahrscheinlich nicht so.

Karlheinz Steinmüller: Wobei wir ja schon so virtuelle Haustiere hatten, die man pflegen musste. Denk an die Tamagotchis. Ich habe bisher aber primär an die Kommunikation gedacht, den Austausch, das Erhalten von geistigen Fähigkeiten, von Sprachkompetenzen. Dass man als Mensch auch immer wieder ein bisschen gefordert ist. Natürlich könnten Roboter auch Überwachungsfunktionen einnehmen. Aufpassen, dass die Abendpille genommen wird. Oder auch warnen: Jetzt nimmst du schon zum dritten Mal die Abendpille. Solche Dinge kann man einprogrammieren.

Die Welt: Kann der auch den Partner in der Liebe ersetzen?

Karlheinz Steinmüller: Technisch halte ich das für kein Problem. Die Frage ist aber, worauf sich Menschen einlassen. Wer heute eh schon so eine aufblasbare Gefährtin im Haus hat, der nimmt dann auch einen Roboter.

Die Welt: Was wird es noch für technische Neuerungen geben? Ich bin jetzt mit U-Bahn, S-Bahn und Bus hierhergekommen. Wird man irgendwann nach Rauchfangswerder fliegen können?

Karlheinz Steinmüller: Flugautos gibt es bereits, technisch ist das kein Problem. Vom Benzinverbrauch sind die nicht mal so schlimm. Aber vom gesetzlichen her ist es problematisch. Erst mal braucht man einen Flugschein. Zweitens: Wie sieht es mit Versicherungen aus, wenn jeder Schaden ein Totalschaden und eventuell Personenschaden ist? Vielleicht müsste man sämtliche Flugautos mit Autopilot fliegen lassen. In den nächsten 20 bis 30 Jahren würde ich das allerdings nicht erwarten.

Angela Steinmüller: Aber mit kleinen Elektrofahrzeugen könnte es schöner und einfacher sein, bis zur S-Bahn zu kommen.

Karlheinz Steinmüller: Vielleicht nicht im Winter, aber im Sommer könnte ich mir vorstellen, dass es, am S-Bahnhof Grünau beispielsweise, so eine Park, Ride and Charge Station für kleine Elektromobile gibt. Mit denen man dann die letzten Kilometer bequem zurücklegen kann. Und relativ umweltfreundlich, wenn die Elektroenergie regenerativ gewonnen wurde. Wenn der Verkehr verstärkt auf Elektromobilität, vor allem auf Kleinstfahrzeuge, setzen würde, könnte das Berlin ganz schön umkrempeln.

Die Welt: Für Jugendliche sind diese Fahrzeuge allerdings nicht besonders cool.

Karlheinz Steinmüller: Wir haben eine Jugend, die zunehmend sagt, dass sie kein Auto benötigt. Und sie machen am liebsten keinen Führerschein. Wenn sie auf Pedelecs, E-Bikes oder wie die Maschinen dann heißen, umsteigen, dann könnte ich mir ein Gewusel von elektrischen Zwei- oder Dreiräder in Berlin vorstellen. Es ist ein sehr sinnvoller Entwicklungsweg. Und gerade Berlin hat da durchaus Chancen, weil schon so viel angeboten wird. Mir fällt eine Firma in Schöneberg ein, in der Elektrofahrräder oder Elektrodreiräder zusammengeschraubt werden, beispielsweise für Pizza-Dienste. Diese Fahrzeuge könnten auch Möbel-Transporte übernehmen oder Leute beim Einkaufen unterstützen. Das kann ein großer Markt werden.

Die Welt: Und durch die Elektromobilität könnte auch die Luft besser werden?

Karlheinz Steinmüller: Die Luft in Berlin ist ohnehin in den letzten 100 Jahren besser geworden. Apropos Luft, ich denke gerade: Kann man Berlin nicht in einem Geruch beschreiben? Was rieche ich hier? Vielleicht wird man irgendwann feststellen, dass es gar nicht mehr nach Currywurst und Broilern riecht. Oder nach Trabimiasmen. Sondern, dass ein leichter, frischer Geruch über der Stadt liegt. Man kann Städte wahrscheinlich doch ein bisschen am Duft erkennen. (singt auf einmal) Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft.

Angela Steinmüller: Hör auf zu singen!

Karlheinz Steinmüller: . . . mit einem besonderen Duft, Duft, Duft. Wobei ich mich immer frage, wie Berlin wohl damals gerochen hat, als das geschrieben worden ist. War das so Pferdeäpfel-Geruch? Oder Zilles Milieu-Geruch?

Die Welt: Der Publizist Karl Scheffler schrieb einmal: "Berlin ist dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein." Was ist dran an der Aussage?

Angela Steinmüller: Das würde ich gut finden. Es ist immer eine Entwicklung drin, und es ist nie fertig.

Karlheinz Steinmüller: Städte, die fertig sind, kann man als langweilig vergessen. Das Problem ist natürlich, dass Berlin eine große Baustelle ist und bleibt. Man stolpert immer, man kommt nie rechtzeitig an. Man hat immer Lärm, weil immer umgebaut wird. Ich vermute aber, dass selbst der Baustellenlärm heute etwas geringer ist als früher. Zugenommen hat nur der Verkehrslärm durch die hohe Autodichte. Als normaler Mensch, selbst als normaler Städteplaner, hat man allerdings gar nicht auf dem Radarschirm, dass Städte Gerüche haben, dass Städte Geräusche haben, vielleicht hat man ein bisschen die Lichtkulissen der Städte auf dem Radarschirm. Aber sozusagen ein sensorisches Gesamtkunstwerk Stadt entgeht den Leuten meistens. Und das wäre natürlich was, wenn wir in der Zukunft Stadtkulissen-Designer hätten - die für die Städte auch Geräuschs- und Geruchskulissen entwerfen.

Die Welt: Wie könnte denn das in Zukunft anders werden?

Karlheinz Steinmüller: Geräuschkulissen funktionieren ganz einfach. Man geht durch ein Gebiet, dass etwas historischer aussehen soll und hört im Hintergrund Pressluftgehämmer und Autoquietschen. Das könnten die nostalgischen Sounds der Vergangenheit sein.

Die Welt: Aber nur als Kulisse?

Karlheinz Steinmüller: Ja, so wie die Automobilhersteller das Klappgeräusch der Türen entwerfen lassen. Es ist nicht das natürliche oder technische Türengeräusch, sondern ein künstliches, das designt ist, um sozusagen Wohlbehagen auszudrücken. Und so kann man auch der Stadt ein akustisches Gepräge geben. Oder eben einen spezifischen Geruch. Der Senat müsste einen Preis ausschreiben für den optimalen Berliner Geruch. Wir haben ja "Be Berlin", wir arbeiten ja heutzutage schon mit Logos und mit Marken und Corporate Design. Das ist für eine Stadt sehr wichtig. Man kann sich auch überlegen, was die akustische Marke für Berlin wäre. Es gibt ja inzwischen Leute, die entwerfen für Unternehmen ein Sounddesign. Bei einem Baumarkt etwa hört man ein Hämmern: Bomm, bomm, bomm. Dann wird das Hämmern fortgeführt zu dieser akustischen Marke.

Die Welt: Was wäre sie für Berlin?

Karlheinz Steinmüller: Mir fällt erst mal nur Bärengebrüll ein. Sicherlich gibt es da etwas Subtileres. Da möchte ich aber den Kreativen nicht vorgreifen.

Die Welt: Wo soll es erklingen?

Karlheinz Steinmüller: So wie wir in Warenhäuser eine Hintergrundmusik haben, könnte man Plätze ganz sanft bespielen. Es darf aber auf keinen Fall störend wirken, es muss quasi auf unterbewusster Ebene bleiben. Ich verstehe natürlich auch, dass da große manipulative Gefahren drinliegen. Deshalb darf es nicht nur optimistisch erklingen, es muss schon auch ein bisschen differenziert sein. Aber gute Sounddesigner haben das sicherlich drauf.

Die Welt: Und abends kann man es abstellen?

Karlheinz Steinmüller: Da geht es über in das Berliner Schlummerlied.

Die Welt: Wunderbar.

Karlheinz Steinmüller: Wobei die Leute ja nicht mehr schlafen. Die Schlafzeiten haben sich in den letzten 20 bis 30 Jahren um rund eine halbe Stunde verkürzt. Deshalb muss man Zeiten und Orte der Ruhe auch für so eine Stadt schaffen.

Die Welt: Sie sind ja beide auch Science-Fiction-Autoren - wenn Sie jetzt einen Zukunftsroman über Berlin schreiben würden: Wie könnte der erste Satz lauten?

Karlheinz Steinmüller: Soll ich mal gemein sein? 2050 - die Eröffnung von BER wurde wieder verschoben.

Angela Steinmüller: Das ist natürlich ein billiger Witz. Ich hatte eher an so was gedacht: War hier nicht irgendwo mal eine Hauptstadt?

Karlheinz Steinmüller: Oder: So viel Grün, eigentlich hatte ich von Berlin eine Steinwüste erwartet. So könnte ein Roman anfangen.

Angela Steinmüller: Seine Begründung hat es dadurch, dass man vielleicht in der Zukunft mal die Häuser begrünt. Warum sollen die Steine so stehen bleiben? Man könnte vielleicht an der Fassade Wein anbauen. Oder oben auf den Dächern.

Karlheinz Steinmüller: Oder sagen wir spezielle Pflanzen, die Photosynthese betreiben. Und man zapft von ihnen dann Kohlenwasserstoffe ab, um einen Energietreiber zu haben. In Projekten haben wir schon über sogenannte grüne Ziegel spekuliert, also Baumaterialien, die dann selbst photosynthesefähig sind und irgendwelche flüssigen Substanzen absondern, die man im Keller speichern kann.

Die Welt: Sind Sie optimistisch für die Zukunft?

Angela Steinmüller: Das klingt zu positiv, aber ich bin nicht pessimistisch.

Karlheinz Steinmüller: Ich bin intellektuell Skeptiker und emotional eher optimistisch.

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