31.12.12

Kino-Ausblick

Amerika, du hast es besser

Amerika im Kino-Jahr 2013: Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow bläst in "Zero Dark Thirty" zur Jagd auf Bin Laden. Und auch Steven Spielbergs Bio-Pic "Lincoln" thematisiert die eigene Geschichte.

Foto: dapd

Bin-Laden-Finale im Gaspatronennebel: Bei „Zero Dark Thirty“ handelt es sich im Kern um eine „Tötet das Monster“-Story, wie sie seit grauer Urzeit immer wieder erzählt wird.
Bin-Laden-Finale im Gaspatronennebel: Bei "Zero Dark Thirty" handelt es sich im Kern um eine "Tötet das Monster"-Story, wie sie seit grauer Urzeit immer wieder erzählt wird.

Auf den ersten Blick gibt es beinahe nichts, was "Lincoln" und "Zero Dark Thirty" miteinander zu tun haben – wenn man davon absieht, dass es sich um zwei neue amerikanische Filme handelt, die beide im Januar in Deutschland anlaufen. "Lincoln" ist ein Film des Altmeisters Steven Spielberg; in "Zero Dark Thirty" hat die Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow Regie geführt. "Lincoln" handelt von Amerikas größtem Präsidenten, "Zero Dark Thirty" von der Jagd nach Amerikas Todfeind. Auch was das Genre betrifft, könnten die beiden Filme kaum weiter voneinander entfernt sein.

"Lincoln" ist eigentlich eine Komödie – wenn wir darunter hier einmal nicht etwas Lustiges verstehen, sondern die Geschichte von einem komplizierten Konfliktknäuel, das von einem Helden am Schluss zur allgemeinen Zufriedenheit aufgedröselt wird. Bei "Zero Dark Thirty" dagegen handelt es sich im Kern um eine "Tötet das Monster"-Story, wie sie seit grauer Urzeit immer wieder erzählt wird. Die einzige Abweichung vom mythischen Schema: Der Held, der hier auszieht, um am anderen Ende der Welt ein Ungeheuer (Osama Bin Laden) zur Strecke zu bringen, ist weiblichen Geschlechts. Wenn diese beiden Filme so unterschiedlich sind, warum vergleichen wir sie dann hier? Weil beide von Amerika in der Krise handeln – und weil sie just dadurch deutlich machen, wie Amerika sich von der Alten Welt unterscheidet. Bekanntlich führen Krisen in Europa zu allgemeinem apokalyptischem Geheule: Orakelnde Propheten beschwören dann regelmäßig und lustvoll den allgemeinen Kladderadatsch und das Ende des Kapitalismus beziehungsweise die Herrschaft des Antichrist. Amerika ist anders; dort führen Krisen zu guten Filmen.

Das größte Blutvergießen in der US-Geschichte

Fangen wir mit "Lincoln" an. Nach dem 11. September wurde häufig behauptet, Amerika sei zuvor noch nie auf seinem eigenen Territorium angegriffen worden – das allerdings ist nicht wahr. Der massivste Angriff überhaupt begann am 12. April 1861; damals nämlich beschossen Rebellen aus dem Süden die amerikanische Garnison in Fort Sumter. Damit begann das größte Blutvergießen in der Geschichte der Vereinigten Staaten: mehr als 600.000 Gefallene – im Bürgerkrieg starben mehr Amerikaner als in allen folgenden Konflikten zusammengenommen.

Wären die Konföderierten mit ihrem Versuch durchgekommen, sich abzuspalten und das System der Sklaverei weiter gen Westen auszudehnen, hätten sie jenes große politische Experiment, das die USA darstellen, in seinen Anfängen erstickt. Just darauf (auf das Versuchshafte, auf den experimentellen Charakter der Vereinigten Staaten) spielte Lincoln in seiner "Gettysburg Address" an, die heute jedes amerikanische Schulkind auswendig lernt: "Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, um zu erproben, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft bestehen kann." In der Eingangszene von "Lincoln" hören wir, wie einfache Unionssoldaten dem Präsidenten seine eigenen Worte vorhalten. Am besten kann sie ein renitenter schwarzer Soldat auswendig.

Otto von Bismarck und die Würste

Steven Spielbergs großartiger Film zeigt uns, wie Politik gemacht wird. Otto von Bismarck meinte einmal, beim Verfertigen von Gesetzen wolle man als Normalbürger ebenso wenig zugegen sein wie beim Verfertigen von Würsten; hier verfolgt man diesen Prozess atemlos. Es geht um den 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der die Sklaverei aufhob (es war das erste Mal, dass das Wort "Sklaverei" überhaupt in der Verfassung auftauchte).

Abraham Lincoln brauchte dazu die Stimmen der Demokraten, die damals die Partei der Besitzstandswahrung, also des Status quo und des Rassismus waren. Wir sehen ihm (gespielt von Daniel Day-Lewis) aus großer Nähe beim Tricksen und beim Schwindeln zu. Lincolns Dilemma: Eine Delegation des Südens ist schon unterwegs, um ihm die Kapitulation anzubieten. Das muss er nun aber um jeden Preis geheim halten. Denn wenn der Süden kapituliert, werden die Demokraten im Kongress sagen: Bitte, wozu brauchen wir dann noch diesen Zusatzartikel zur Verfassung?

Der Präsident zwischen den Toten

In "Lincoln" wird nichts heroisiert, nichts beschönigt, nichts Krummes geradegebogen. Am Anfang sehen wir eine Schlachtszene: Leute durchbohren andere Leute grunzend, schreiend mit Bajonetten, ein Stiefel tritt langsam auf ein Menschenantlitz. Am Ende reitet Lincoln mit gesenktem Hut durch die Toten eines Schlachtfelds, und jeder Zuschauer weiß: Zumindest diese letzte Schlacht hätte problemlos vermieden werden können. Der Präsident hätte nur auf das Gesetz verzichten müssen, das die Sklaverei abschaffte. Aber dann wäre der Krieg umsonst gewesen.

"Zero Dark Thirty", der jüngste Film von Kathryn Bigelow, beginnt als Hörfunk. Der Bildschirm bleibt schwarz, wir hören Stimmen der Opfer des 11. September, eine Frau in den Türmen, die am Telefon um Hilfe fleht. Danach kommt sofort eine Folterszene: Ein armer gequälter Araber in einem nackten Raum, seine Arme hängen in Stricken, man denkt sofort an den Gekreuzigten. Ein Amerikaner mit Dreitagebart und wirrem Haar verhört ihn.

Eine engelhaft schöne CIA-Frau

Er macht die Regeln klar: "Wenn du von der Matte heruntergehst, tu ich dir weh. Wenn du lügst, tu ich dir weh. Zurückhaltung von Informationen wird als Lüge gewertet." Hinter dem Amerikaner stehen zwei finstere Gestalten in Kapuzen. Einen Moment später, als sie das Loch verlassen haben und im Sonnenlicht stehen, nimmt die eine finstere Gestalt ihre Kapuze ab und entpuppt sich als engelhaft schöne Frau mit rotem Haar: die CIA-Agentin Maja, gespielt von Jessica Chastain.

Selbstverständlich hat "Zero Dark Thirty" in Amerika längst zu einer neuen Folterdebatte geführt. Es ist jetzt schon wieder ein Jahrzehnt her, seit zum letzten Mal ein CIA-Agent einen Gefangenen jener brutalen Tortur unterworfen hat, die als "water boarding" bekannt wurde. Ein telefonbuchdicker (und hochgeheimer) Bericht des Senats in Washington leugnet, dass jene Informationen, die am Ende zur Tötung von Osama Bin Laden führten, erfoltert worden seien. Viele Republikaner widersprechen jenem Bericht.

Hier wird über Folter nicht geurteilt

Das Aufreizende an "Zero Dark Thirty" ist allerdings, dass der Film sich zur Folter sozusagen agnostisch verhält. Es hätte für die Regisseurin zwei einfache Auswege gegeben: entweder die Folter ohne Wenn und Aber zu verurteilen – oder die Folter ohne Wenn und Aber zu rechtfertigen, wie dies in jedem zweiten Actionfilm geschieht, wenn der Held die Informationen aus einem Bösewicht herausprügelt.

Kathryn Bigelow tut weder dies noch jenes und verstört den Zuschauer damit zutiefst. Die Folterknechte sind keine Bestien, sondern Menschen. Der gefolterte arabische Terrorist (der später durch einen psychologischen Trick alle seine Geheimnisse preisgibt) ist keine Bestie, sondern ein Mensch. Nur Osama Bin Laden bleibt ein Ungeheuer – allerdings bleibt er außerdem ohne Gesicht, bis ganz zuletzt.

Tränen der Reue oder der Erleichterung?

Im Kontext der mythischen "Tötet das Monster"-Geschichte dient die Folter dazu, die Heldin mit Waffen auszustatten: in diesem Fall mit Wissen. Zu guter Letzt – und nach vielen spannenden Verwicklungen – führt dieses Wissen dazu, dass Soldaten das Monster in seiner Höhle aufspüren und erschießen. Nur erweist die Höhle sich als Festung im pakistanischen Abottabad, und in dieser Festung wohnen neben Terroristen auch deren Frauen und Kinder.

Letztes Bild: Die CIA-Agentin Maja sitzt ganz allein in einem Flugzeug. Die Kamera fährt ganz nah an ihr schönes bleiches Gesicht heran. Und dann rollen ganz plötzlich Tränen. Tränen der Erleichterung? Der Trauer? Der Freude? Der Reue gar? Wieder verhält sich der Film agnostisch, er bietet keine Erklärung an; die muss der Zuschauer sich schon selber dazudenken.

Der amerikanische Bürgerkrieg war eine Krise, an der die Nation beinahe zerbrochen wäre. Und nach dem Massaker vom 11. September 2001 sah sich Amerika in eine schlimme moralische Krise gestürzt. Anderswo würde man verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und im Zorn zurückblicken. Amerika schaut lieber mit stoischer Miene nach vorn und verwandelt seine Krisen in große Kunst.

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