30.12.12

"Krekeler killt"

Moralisch ist Italien verkommen wie Tschetschenien

Liaty Pisani schreibt die herrlichsten, altmodischsten und aktuellsten Agententhriller. In "Die rote Agenda" lässt sie erst einen Sherlock-Forscher sterben, dann ganz Italien in den Abgrund stürzen.

Foto: Infografik Die Welt

In ihrem neuen Agententhriller lässt Liaty Pisani ihren smarten Topspion Ogden und seinen Agentendienst in Turin und Rom und auf Sizilien gemeinsam mit der Mafia gegen die Mafia ermitteln. „Die rote Agenda“ ist das Notizbuch eines mit Duldung höchster Stellen von der Mafia ermordeten Untersuchungsrichters
In ihrem neuen Agententhriller lässt Liaty Pisani ihren smarten Topspion Ogden und seinen Agentendienst in Turin und Rom und auf Sizilien gemeinsam mit der Mafia gegen die Mafia ermitteln. "Die rote Agenda" ist das Notizbuch eines mit Duldung höchster Stellen von der Mafia ermordeten Untersuchungsrichters

Klären wir mal gleich einen der mysteriösesten Mordfälle der vergangenen Jahre auf. Am Morgen des 28. März 2004 wurde in London die Leiche des weltberühmten Sherlock-Holmes-Forschers Richard Lancelyn Green gefunden.

Der Mann, der an einer gigantischen Arthur Conan Doyle-Biographie arbeitete, verzweifelte – neben seiner generellen Lebensmüdigkeit – gerade darüber, dass der Nachlass des Arthur Conan Doyle bei Sotheby's in alle Herren Länder versteigert werden sollte. Er war in seiner Wohnung in Kensington mit einem Schnürsenkel und einem Holzlöffel garottiert worden. Die Flasche Gin auf dem Tisch war halbvoll.

Die Mafia ist sowieso an allem schuld

Der Fall ist bis heute ungeklärt. Ein geheimnisvoller Amerikaner soll es gewesen sein. Es war alles ganz anders. Es war, weiß, wer Liaty Pisani gelesen hat, und eigentlich alle sollten das tun, die Mafia.

Die ist sowieso an allem schuld. Zumindest, auch das weiß man, wenn man Liaty Pisani liest, an allem, was in Italien passiert. Warum nicht auch am Tod einer Sherlock-Koryphäe. Der Tod des Sherlockianers hat mit der Ermordung der beiden sizilianischen Untersuchungsrichter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone zu tun. Und das kam so.

Richard Lowelly Grey, wie Green in Liaty Pisanis neuem Thriller "Die rote Agenda" heißt, hatte im Auktionshaus im Nachlass seines Heroen widerrechtlich herum gestöbert, einen Umschlag gefunden und entwendet. Keine Sherlock-Handschrift war darin, sondern ein rotes Notizbuch und eine DVD.

Ein Thriller aus Rachegelübten

Beides unscheinbar. Beides Sprengstoff, der eine ganze Republik in die Luft jagen könnte. Grey bringt es auf den Weg zu seinem besten Freund und Sherlock-Aficionado Paolo Astoni nach Turin. Der Brief ist kaum unterwegs, da ist Richard Lowelly Grey tot.

Das Gelübde, ihn zu rächen, das bei Pisani einer der mächtigsten Schattenmänner Europas ausspricht, ist das erste von vielen Rachegelübden in diesem Roman. Er besteht nahezu nur aus Rachegelübten.

Was nicht wunder nimmt, weil "Die rote Agenda" eben ein Mafia-Roman ist. Und sich mit dieser tödlichen Agenda die inzwischen unauflösbare symbiotische Verwachsung der wirtschaftlichen, politischen und kriminellen Führungsriege Italiens beweisen und Rache nehmen lässt an den führenden Köpfen der korrupten Elite, der Clans von Camorra, N'dranghetta und Mafia und an den Mördern der beiden Richter.

"Die rote Agenda" funktioniert dabei ein bisschen so ein Domino-Spiel. Der Fund, den Richard Lowelly Grey bei Sommer's in London gemacht hat, ist der erste Stein, der umfällt. Am Ende liegt alles in Trümmern. Liaty Pisani liebt solche Entwicklungen. Sie fängt gern langsam und harmlos an. Dann beschleunigt sie wie ein Ferrari.

Spione haben nach dem Kalten Krieg eher mehr zu tun

Liaty Pisani, das muss man wissen, schreibt eigentlich nicht nur Mafia-Romane. Sie schreibt Agententhriller, klassische Agententhriller, die altmodischsten Agententhriller dieser Welt und die allermodernsten, weil sie ihre Spione, die mit dem Ende des Kalten Krieges eher mehr als weniger zu tun haben, in die Ermittlungen der aktuellsten Skandale schickt.

Was haben nun Spione mit der Mafia schaffen? Leider, seufzt einer von ihnen in der "Roten Agenda", immer mehr, immer ausschließlicher. Weil die Mafia überall ist. Die Spione, von denen Liaty Pisani erzählt, die so schnörkellos schreibt, als sei dieses Adjektiv eigens für sie erfunden worden, diese Spione arbeiten für den mächtigsten Agentenring der Welt.

Eine Liga der weitgehend unabhängigen Söldnerspione, die immer wieder von den Mächtigen dieser Welt, der "Elite" eingesetzt wird, wenn die offiziellen Dienste der Staaten nicht mehr weiter kommen. Die Mörder des Richard Lowelly Grey hatten das Pech, das der Capo di Capi dieser Elite ein Ziehsohn Greys war. Und der setzt jetzt alles und seinen ganzen Dienst daran, die Mörder und die Agenda zu finden.

Italien ist nach "Mani pulite" nur schmutziger geworden

Mit Hilfe letzterer will er einen Mafiakrieg anzetteln und die vor Verderbnis zum Himmel stinkende zweite Republik zur Hölle bomben lassen, ein Land, dessen Hände seit der Aktion "Mani pulite" (Saubere Hände) nur noch schmutziger wurden. Und die Wirtschaftskrise, an der wiederum die Gierigen in Wirtschaft, Politik und Mafia nicht unschuldig sind, macht die Lage nicht besser.

Wir begegnen einem veritablen Paten, dem ersten Schattenpaten der Geschichte übrigens, dem Präsidenten, der sich seine Zukunft hoffnungsfroh medikamentiert, einem bis in die schütteren Haarspitzen korrupten Senator, einem greisen Alt-Mafioso, einigen ziemlich reichen, ziemlich schönen, ziemlich dämlichen Frauen. Einem Land vor allem, dem es egal geworden ist, dass es von Verbrechern regiert wird, das alles nur noch hinnimmt, weil die Mafia nicht zu besiegen ist. So schön wie das Paradies, moralisch so verkommen wie Tschetschenien.

Liaty Pisanis Bond heißt Ogden. Ohne Vorname

Und wir begegnen natürlich Pisanis James Bond, der Ogden heißt, und von dem wir, obwohl wir ihn seit Jahren kennen, eigentlich gar nichts wissen (weder Aussehen noch Vornamen), der uns aber unheimlich sympathisch ist. Weil er gerade ist, leicht melancholisch, einer, der über den Zustand der Welt genau Bescheid weiß, darüber, wie deren Geschicke in Wahrheit gelenkt werden und wovon, von krimineller Energie nämlich, und der trotzdem weiter macht. Auch wenn es schon mal größeren Spaß gemacht hat als in Turin und auf Sizilien. Vor allem auch, weil sie diesmal nicht ausschließlich gegen, sondern mit dem organisierten Verbrechen arbeiten sollen.

Das alles ist fabelhaft geschrieben, nüchtern bis ins blutige Mark. Kaum Bilder hängen an den Wänden dieser Literatur, kaum gepolstert sind ihre Wege, keine Beschreibung lenkt den Blick ab. Liaty Pisani ist eine Meisterin im puren Plotten.

Es ist dementsprechend literarisch eine große Erholung sich auf Ogdens Spuren durch Italien zu bewegen. Angenehm ist es aber nicht. Man wünscht ihm glatt, nach alldem, was man bei Pisani liest, dass es eine rote Agenda tatsächlich geben würde, und dass es damit ein Ende hätte mit der Zweiten Republik.

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