29.12.12

Radiomoderator

Bienert – besessen vom Austausch mit den Hörern

25 Jahre lang moderierte Christian Bienert das "Sonntagsrätsel", eine Institution im deutschen Radio. Schnell war die Sendung zu seiner Lebensaufgabe geworden. Nun heißt es für ihn: Bye-bye.

Von Eva Sudholt
Foto: Reto Klar

Christian Bienert bei der Aufzeichnung zu seinem letzten "Klingenden Sonntagsrätsel"
Christian Bienert bei der Aufzeichnung zu seinem letzten "Klingenden Sonntagsrätsel"

Er hätte es auch gar nicht gewollt – dass sie alle da stehen vor Studio 5 und auf Wiedersehen sagen, mit Blumensträußen womöglich und den besten Wünschen für den Ruhestand. Irgendjemand hätte gesagt: "Wir sehen uns dann bei der Grippeschutzimpfung!" Da gehen sie nämlich fast alle hin, die Rentner des Hauses, vielleicht ein Vorwand, um beim Betriebsarzt die alten Kollegen mal wiederzusehen.

Nein, sagt Christian Bienert, das hätte er gar nicht gewollt. Dann setzt er ein letztes Mal die Kopfhörer auf, wie jeden Donnerstag um kurz nach 18 Uhr. Er stellt seine Stoppuhr auf den Tisch, eine Literflasche Cola und eine Packung Tic Tac Fresh Mints.

Früher, als die Menschen noch überall rauchten und die Messtechnik fluchte, dass der Qualm die Geräte zerstöre, gehörten noch Zigaretten zu seinem Ritual. Und was war er früher nervös. Als er von einem Tag auf den anderen ans Mikrofon musste, da wurden ihm die Knie ganz weich. Denn der Mann, der da eigentlich saß, von dem er alles gelernt hatte, war gerade gestorben.

Hans Rosenthal war der Erfinder

Christian Bienert sollte ein würdiger Nachfolger werden. Dass er nach all den Jahren noch immer nervös wird, ist seiner tiefen, gemütlichen Stimme nie anzuhören. Wenn Bienert zu sprechen beginnt, verströmt er Ruhe und Gelassenheit.

Und vielleicht stehen die der Sendung noch besser zu Gesicht als die Quirligkeit des lebhaften Hans Rosenthal. Der hatte die Sendung 1965 erfunden, damals noch für den Rias, den Rundfunk im amerikanischen Sektor.

Zu dem Zeitpunkt hatte er schon 20 Jahre Radioerfahrung. 1945 hatte Rosenthal beim Berliner Rundfunk begonnen. Noch zwei Jahre zuvor war er, als Jude von den Nazis verfolgt, untergetaucht – in der Kleingartenkolonie "Dreieinigkeit" in Berlin-Lichtenberg.

Den Mut konnte ihm das alles nicht nehmen: Im Mai '45 kam er aus seinem Versteck gekrochen und marschierte in die Masurenallee zum Rundfunkgebäude. Davor stand ein russischer Soldat. "Was du wollen?", fragte der. "Raboti, raboti!", sagte Rosenthal. Arbeiten wolle er.

Ein besessener Arbeiter – offen und herzlich

So begann eine große Karriere. Hans Rosenthal, dessen Bruder im Holocaust umgebracht worden war, dessen Familie jahrelangen Terror durch die Nazis erduldet hatte, sollte in den kommenden Jahrzehnten die deutsche Fernsehunterhaltung prägen wie kein Zweiter.

Er hat sich hochgearbeitet von der Materialausgabe zum Regieassistenten, Aufnahmeleiter, zum Sprecher mit Sprecherausweis – "für kleinste Aufgaben geeignet" wie An- und Absagen – zum Chef der Unterhaltungsabteilung. Inzwischen war er zum Rias im Westen gewechselt.

Ein besessener Arbeiter, dabei offen und herzlich (so wurde er irgendwann "Hänschen", so sehr liebte das Publikum ihn) und immer voller Ideen. "Mittelmäßig gab es nicht", sagt Bienert. "Alles musste hervorragend sein. Und ich höre ihn noch heute, wie er sagt: Deine Arbeit muss dir Spaß machen – nur dann wird sie gut."

Der Rias wollte Einfluss im Osten

Am 1. November 1953 hatte der Rias als zweites Hörfunkprogramm Rias 2 über Sender in Berlin-Britz und Hof eingerichtet. Irgendwann wollte man wissen, wie viele Menschen der Rias trotz Störsendern in der DDR erreichte.

Hans Rosenthal wusste wie. "Das klingende Sonntagsrätsel" kam so unbekümmert und leichtfüßig daher, wie der Name vermuten ließ. Und doch verfolgte der Rias ernste Absichten – Einfluss zu üben auf die Menschen im Osten. Das ging am besten, indem man die liberale Botschaft des Senders emotional unterfütterte, und zwar mit Musik.

Zehntausende Zuschriften aus West und Ost (zum kleineren Teil) bescherten der Sendung, die eigentlich nur auf kurze Dauer angelegt war, einen überwältigenden Erfolg. Damit die Briefe aus der DDR auch ankamen, richtete der Sender eine Deckadresse ein: Michaela Wegner, Torgauer Straße 45, 1000 Berlin 62. Die meisten Briefe wurden dennoch abgefangen.

Das änderte sich nach der Wende. Im Herbst 1989 waren noch insgesamt rund 12.000 Briefe angekommen, ein paar Hundert davon aus der DDR. Im Januar 1990 waren es mehr als 70.000.

Die Sendung wurde zur Lebensaufgabe

In der Zwischenzeit, im Februar 1987, war Hans Rosenthal seinem Krebsleiden erlegen. Sein langjähriger Assistent musste übernehmen. Christian Bienert hatte sein Abitur an der Walter-Rathenau-Schule in Berlin gemacht, danach Germanistik, Publizistik und Jura studiert und als freier Mitarbeiter beim Rias gearbeitet.

Irgendwann hat Rosenthal ihn "sanft, aber unerbittlich" überredet, das Studium aufzugeben und ganz für ihn zu arbeiten. Die Sendung, diese harmlose halbe Stunde Rätselspaß um Schlager, Chansons, Opern und Operetten, war für den Sender unverzichtbar geworden. Und die Sendung schnell zur Lebensaufgabe für Bienert.

Plötzlich galt das Sonntagsrätsel als altbacken

Viel hat er gekämpft in all den Jahren, sich oft nicht wertgeschätzt gefühlt, immer wieder stand das Sonntagsrätsel kurz vor dem Aus. Nicht mehr zeitgemäß, fanden die Entscheidungsträger. Es gab ja nicht einmal mehr was zu gewinnen.

Nach der Fusion von Deutschlandfunk, DS Kultur und Rias in den 90er-Jahren sollte erst einmal alles neu werden, der Rias galt plötzlich als angestaubt und altbacken. Das Sonntagsrätsel? Viel zu betulich.

Heute sind im Deutschlandradio Kultur nur noch zwei Sendungen des Rias übrig geblieben: Das Sonntagsrätsel, Zigtausenden Zuschriften sei Dank, und die Freiheitsglocke – seit dem 24. Oktober 1950 erklingt die größte Glocke Berlins, ein Geschenk der Amerikaner nach dem Krieg, an jedem Sonntagnachmittag aus dem Rathaus Schöneberg.

"Ich liebe Sie!", rief Bienert immer

Im Dezember ist Christian Bienert 65 geworden. Der richtige Zeitpunkt, um in Rente zu gehen – wenn all das nur nicht viel mehr für ihn wäre als Arbeit.

Im Sommer hat Bienert ein letztes Mal auf der IFA, der Internationalen Funkausstellung, gestanden und mit seinem kleinen Stand wie eine Antiquität auf einem riesigen Science-Fiction-Filmset gewirkt. Jeden Tag zwei Stunden Hände schütteln, Promo-Kulis verteilen, ein bisschen quatschen vor allem, denn es gibt ja nichts, was er lieber täte.

Jeden Tag kamen ein gutes Dutzend Leute an seinen Stand. Die meisten nur zufällig, aber als sie ihn erkannten, kamen sie kurz rüber, um zu sagen, er solle sich ja nicht einfallen lassen, in Rente zu gehen.

"Ich liebe Sie!", rief Bienert dann. Wie immer, wenn jemand etwas Nettes sagt oder über seine Witze lacht. Nur Herr Haack, der kam wieder nur wegen ihm, auch dieses Jahr mit einer Tüte voll Süßem, die er Bienert zum Dank übergab.

Was tun, wenn die lieb gewordene Routine wegfällt: Rätselwort finden bis spätestens Dienstag, sechs, manchmal sieben Musiken zusammenstellen und dabei die Interpreten, Komponisten und Songtitel so ausklamüsern, dass aus den jeweiligen Namen die passenden Buchstaben für den gesuchten Begriff hervorgehen. Und jeden Donnerstag um 18 Uhr die Aufzeichnung in Studio 5.

Was wird er nun tun, wenn an diesem Sonntag seine letzte Sendung vorbei ist? Verreisen vielleicht? Ist nicht so sein Ding. Familienmensch? Nein, nicht gerade. Herzlich und liebevoll dennoch. Er selbst findet: "Ich bin gewöhnungsbedürftig."

Wie besessen mit Hörern kommuniziert

In Wahrheit, sagt er heute, "war das Rätsel nur ein Vorwand. Ich habe nur einen Grund gebraucht, um mit den Menschen da draußen zu tun zu haben."

Wenn die Leute im Sender sich fragten, was hat der eigentlich zu tun, der Bienert, mit seinem kleinen Rätsel einmal in der Woche, dann hatten die keine Ahnung davon, dass er wie besessen kommunizierte, jeden Brief, jedes Telefax, jede Postkarte las, alles aufbewahrte und systematisierte und telefonierte, um auf Wünsche, Anmerkungen und Fragen seiner Hörer einzugehen.

Die E-Mails druckte immer ein Mitarbeiter für ihn aus und legte sie ihm vor. Christian Bienert hat nicht einmal einen PC, die Manuskripte für die Sendungen hat er auf seiner Schreibmaschine getippt, ansonsten hat er noch ein Handy, das ihm suspekt zu sein scheint, und seine Stoppuhr.

Am Ende seiner letzten Aufzeichnung zeigt sie 33:56 an, 34 Minuten darf die Sendung maximal dauern. Ein letztes Mal präsentiert er der Technikerin stolz seine Punktlandung. Und weil sie lacht, ruft er: "Ich liebe dich!"

Ein leiser Abtritt ist ihm lieber

Nein, sagt Bienert, er hätte gar keinen großen Abschied gewollt. Man kann ihm nicht ansehen, ob er erleichtert ist oder schwermütig, als er zum letzten Mal aus dem Studio tritt und sagt: "So, dann haben wir das."

Dann will Bienert noch mal im Büro vorbei, seine Marlies warte zu Hause am Telefon. Er sagt dann, dass alles gut gelaufen sei, ja, eine schöne Produktion, dass er sich morgen erst einmal ausschlafe, und verabschiedet sich mit einem Kuss. Bienert und Marlies Kahlfeldt haben sich vor vielen Jahren beim Rias kennengelernt, auch sie hatte für Rosenthal gearbeitet.

Kisten mit Erinnerungen türmen sich

Nun sind es schon fünf Kisten, windschief aufgetürmt bis unter die Decke, und mitten im Weg, wie alles, wie immer. Viel Platz war noch nie in seinem kleinen Büro. Fünf Kisten voll und kein Land in Sicht, aber man drängt ihn nicht. Er kann sich Zeit lassen für seinen Auszug.

Er wird seine liebsten Musiken einpacken, noch stapeln sich Hunderte Tonbänder im Regal. Er wird das Bild von Josephine Baker abhängen, ein Streifen Tesafilm hat es all die Jahre an der Schrankwand gehalten. Daneben: ein Nachruf auf Hans Rosenthal, verfasst von seinem Vertrauten Curth Flatow, und ein Foto, auf dem Hans so schön lebensfroh lacht.

Darüber ein Schreiben vom 3. September 1939, in dem die British Broadcasting Corporation der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft am Kaiserdamm mitteilt, dass man sich nun, da der Krieg ausgebrochen sei, leider gezwungen sehe, die Kooperation zu beenden – in der Hoffnung aber, dass die Kampfhandlungen schnell wieder eingestellt würden und man die gute Zusammenarbeit alsbald wieder aufnehmen könne. Die Zuversicht und Freundlichkeit dieser Worte hatten Bienert immer gerührt.

Das meiste wird im Altpapier landen. All die Lidl- und Kaiser's-Tüten voll mit Briefen und Postkarten, die überall auf dem Boden herumstehen. Und all die Ordner, auch die mit der Aufschrift ZG, für: Zitate Generell. Viele Sätze der Hörer hat er in den Sendungen zitiert.

Sechs Buchstaben zum Abschied

Nun wird sie erst einmal ohne ihn weitergehen, mit Bienerts Urlaubsvertretung. An diesem Sonntag um 10.15 Uhr verrät er sein letztes Lösungswort. Dafür hatte er ein Lied nach Hoffmann von Fallersleben gespielt, dann Mary Poppins und ein Stück von den Prinzen, er hatte Brigitte Mira gespielt, Vera Lynn und Caterina Valente.

Sechs Buchstaben waren gesucht, herauskamen: zwei Mal ein B, zwei Mal ein Y, zwei Mal ein E.

Bye-bye.

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