29.12.12

Trauer und Wut

Tausende demonstrieren nach Tod von "Indiens Tochter"

Nach dem Tod eines Vergewaltigungsopfers fordert Indien Konsequenzen. Denn die Zahl der Übergriffe steigt, Täter werden fast nie bestraft.

Von Silke Mülherr
Foto: AFP

Gedenken: Demonstranten erinnern in Neu-Delhi mit Kerzen an das 23-jährige Opfer. Sie fordern mehr Frauenrechte und härtere Strafen für Sexualstraftäter
Gedenken: Demonstranten erinnern in Neu-Delhi mit Kerzen an das 23-jährige Opfer. Sie fordern mehr Frauenrechte und härtere Strafen für Sexualstraftäter

Der Name der jungen Frau ist nicht bekannt. Manche nennen sie die "Indiens Tochter", andere "Löwenherz". Sicher ist nur, dass die 23 Jahre alte Medizinstudentin gestorben ist, nachdem sie unendliches Leid ertragen musste. "Sie hat lange und mutig um ihr Leben gekämpft. Aber am Ende waren ihre Verletzungen zu schwer, als dass sie hätte überleben können", sagt Kelvin Loh, der behandelnde Arzt des Opfers.

Am Sonnabendabend vor einer Woche war die junge Studentin mit Fachrichtung Physiotherapie in Neu-Delhi in einen Bus gestiegen. Zuvor hatte sie gemeinsam mit einem Freund in einem Einkaufszentrum einen Film im Kino gesehen. Was hinter den getönten Scheiben des Busses genau geschah, wissen nur die Peiniger des Mädchens. Anschließend warfen die Männer die bewusstlose junge Frau und ihren männlichen Begleiter schwer verletzt aus dem Bus und fuhren davon.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Massenvergewaltigung war es in Delhi zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Die Polizisten hatten Tränengas und Wasserwerfer gegen die Menge eingesetzt. Seither wollen die Proteste gegen die Gewalt, deren Opfer in Indien vor allem Frauen werden, nicht mehr abreißen. "Ich kann einfach nicht mehr nach Hause gehen", sagt Upamanyu Raju (21), Student der Delhi-Universität. "Das Ausmaß der Brutalität ist unglaublich."

Die Ärzte hatten bei der jungen Frau schwere innere Verletzungen festgestellt, die von mehreren brutalen Vergewaltigungen herrührten. Offenbar müssen die Männer im Bus sie auch mit einer Eisenstange penetriert haben. Am Mittwoch war sie nach drei Bauchoperationen, bei denen unter anderem ihr Darm entfernt worden war, in eine Klinik nach Singapur ausgeflogen worden. Ein Herzstillstand und eine schwere Lungenentzündung schwächten die Frau weiter, sodass sie am Sonnabend an Organversagen starb.

Premierminister Manmohan Singh und die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, wandten sich mit bewegenden Worten an die Nation und versprachen einen besseren Schutz für Frauen. Gandhi erklärte: "Als Frau und Mutter verstehe ich den Schmerz". Premierminister Singh zeigte sich "zutiefst betrübt", dass die junge Studentin ihren schweren Verletzungen erlegen sei, und äußerte Verständnis für die Massenproteste nach der brutalen Tat. Dies seien "verständliche Reaktionen" eines jungen Landes gewesen, das auf einen Wandel hoffe. Singh rief die Inder auf, ihre Emotionen und Energien in "konstruktives" Handeln umzuwandeln. "Es ist nun an uns, dafür zu sorgen, dass ihr Tod nicht umsonst war", erklärte er. Indien müsse zu einem besseren und sichereren Platz für Frauen werden.

Zahl der Delikte steigt

Davon ist das Land aber, wenn man den Statistiken glauben darf, noch weit entfernt. Allein im vergangenen Jahr wurden den indischen Behörden rund 24.000 Fälle von Vergewaltigungen gemeldet. Damit ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 9,2 Prozent gestiegen. Die Entwicklung der vergangenen sechs Jahre zeigt gar einen Anstieg um 25 Prozent. Auf ein verstörendes Detail aus den Polizeiakten weist die indische Frauenrechtsorganisation All India Progressive Women Association (AIPWA) hin: In 94 Prozent der Fälle kennen die Opfer ihre Vergewaltiger. Es handle sich um Väter, Verwandte oder Nachbarn. Rund ein Fünftel aller Vergewaltigungen ereignet sich dabei in der Millionenstadt Delhi. "Ich bin so traurig, dass ich Teil dieser Gesellschaft und Kultur bin", schrieb Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan am Sonnabend auf Twitter. Er schäme sich, ein Mann zu sein.

Das dürfte für die meisten anderen Inder nicht gelten, denn sie sind das bevorzugte Geschlecht: Mädchen werden häufig abgetrieben, sodass nur 940 Frauen auf 1000 Männer im Land kommen. In der Hauptstadt Delhi sind es sogar nur 866 Frauen. "Was ist falsch mit uns, mit unserer Gesellschaft?", fragte die Frauenrechtlerin Kavita Krishnan bei den Protesten in Delhi. Nirgendwo im Land seien Frauen so viel wert wie Männer. Das zeige sich auch bei der Strafverfolgung: Wenn sich eine Frau einmal überwinde, nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen, sei diese oft nicht bereit, ihre Anzeige aufzunehmen. Kommt es doch dazu, dann verschleppen die Gerichte die Fälle oft jahrelang. Und nur in einem von vier Fällen kommt es zu einer Verurteilung.

Täter werden fast nie bestraft

"Es ist falsch, Mädchen deshalb davon abzuhalten, aus dem Haus zu gehen", sagt der Student Upamanyu Raju. Aber er mache sich große Sorgen um seine kleine Schwester, der er nun ein Pfefferspray und ein Schweizer Armeemesser besorgt habe. Schutz von den Behörden erhoffen sich hier nur die wenigsten. "Zur Polizei zu gehen ist nur eine weitere Demütigung, ohnehin werden dieTäter fast nie bestraft. Weshalb sollten sich die Frauen also eine Anzeige antun?", sagte ein indischer Journalist von Bloomberg, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, der Berliner Morgenpost. Es sei die besonders schwere Brutalität gegen die junge Frau in Delhi, die nun so viele Menschen auf die Straße treibe.

Aus Furcht vor neuen Massenprotesten riefen die Sicherheitsbehörden in Delhi am Sonnabend zur Ruhe auf und riegelten mehrere Bezirke im Zentrum ab. Trotz der starken Polizeipräsenz und der strengen Sicherheitsvorkehrungen gingen wieder mehrere Tausend Menschen auf die Straße. Viele Demonstranten hatten sich in Anspielung auf die Unterdrückung der Frauen in der Gesellschaft Mund oder Augen verbunden. "Es sind vor allem junge Frauen und Männer aus der gebildeten Mittelschicht, die jetzt einen Wandel fordern", so der Journalist von Bloomberg.

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