28.12.12

Gebühreneintreiber

Der GEZ-Mann, der Schrecken der Schwarzseher

Herbert Begerock fahndet für den Bayrischen Rundfunk nach säumigen Gebührenzahlern. Als einer der wenigen Rundfunkbeauftragten wird er auch 2013 noch im Dienst sein. Abgesang auf einen verhassten Job.

Von Antje Hildebrandt
Foto: GEZ
Motive wie dieses sind nun überflüssig. Der Regelbetrag von 17,98 Euro im Monat wird ab 1. Januar pro Haushalt erhoben. 7,533 Milliarden bekommen ARD und ZDF an Gebühren
Motive wie dieses sind nun überflüssig. Der Regelbetrag von 17,98 Euro im Monat wird ab 1. Januar pro Haushalt erhoben. 7,533 Milliarden bekommen ARD und ZDF an Gebühren

Über seinen Job spricht Herbert Begerock wie über einen Sechser im Lotto. Dass es nie langweilig werde, weil er jeden Tag neue Gesichter sehe, davon schwärmt er. Der Verdienst scheint auch zu stimmen.

Urlaubs- und Krankengeld zahle er seinen drei Angestellten, sagt Begerock. Und einen Dienst-Pkw, den bekämen sie auch. So motiviert sie der 55-jährige Kaufmann aus dem bayrischen Dasing für eine Tätigkeit, die in der Öffentlichkeit noch weniger Ansehen genießt als die von Politessen. Begerock und seine Kollegen sind die Schrecken aller Schwarzseher. Sie kontrollieren, ob Radio- und Fernsehbesitzer ihre GEZ-Beiträge zahlen.

GEZ-Schnüffler, so heißen sie im Volksmund. "Beauftragter der Landesrundfunkanstalten", so nennt sich Begerock selber, er ist Subunternehmer für den Bayrischen Rundfunk (BR). Er sagt, natürlich gebe es Schwarze Schafe, aber doch nicht in Bayern. "Von meinen Kollegen steigt keiner in die Mülltonne, um zu gucken: Finde ich eine TV-Zeitschrift mit Adressaufkleber?" Ein möglicher Beweis dafür, dass der Abonnent doch ein Fernsehgerät besitzt.

7,5 Milliarden Euro Einnahmen

Ab Januar soll die Schnüffelei eigentlich ein Ende haben. Dann gilt die Regel: Eine Wohnung, ein Beitrag. Jeder registrierte Teilnehmer zahlt dann den Regelbetrag von 17,98 Euro im Monat oder den ermäßigten Tarif von 5,99 Euro. Und die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in Köln firmiert als "Beitragsservice". Es geht um Gesamteinnahmen in Höhe von 7,533 Milliarden Euro. Das ist der Kuchen, von dem sie zehren: ARD, ZDF und ihre immer zahlreicher werdenden Spartenkanäle plus 67 Radiosender. Es geht um 41,8 Millionen Teilnehmerkonten und die Frage, wie die GEZ, diese Datenkrake, garantieren kann, dass ihre wichtigste Einnahmequelle auch in Zukunft sprudelt.

Mit der Reform reagiert die Politik auf den Siegeszug der digitalen Medien. Wer heute zum Beispiel die "Tagesschau" oder "Wetten, dass ..?" sehen will, braucht keinen Fernseher mehr. Smartphones, Tablets oder Mediatheken eröffnen Schwarzsehern immer neue Schlupflöcher. Wie schwierig es für die GEZ-Fahnder schon bisher war, säumige Gebührenzahler zur Anmeldung zu bewegen, zeigt die Zahl der Streitfälle. Allein 2011 gab es 14,2 Millionen Mahn- und 714.000 Vollstreckungsverfahren.

Nur Taubblinde von der Zahlung befreit

"Die Haushaltsabgabe ist so etwas wie die Berliner Mauer. Sie soll die Bürger daran hindern, aus dem System auszusteigen", sagt Bernd Höcker. Der Journalist und Autor solcher Ratgeber wie "Erfolgreich gegen den Rundfunkbeitrag 2013. So gelingt die Flucht aus dem System" betreibt das Internet-Portal "www.gez-abschaffen.de. Seit er selber in die Fänge der GEZ geraten ist, ist er zum Lobbyisten jener Kritiker geworden, die nicht einsehen, warum sie mit ihren Gebühren siebenstellige Jahreseinkommen von Star-Moderatoren oder Quiz-Shows subventionieren sollen, die den Zuschauer dauernd unterfordern.

Höcker hofft auf ein Wunder in Gestalt einer erfolgreichen Verfassungsklage. Betroffenen rät er bis dahin, Widerspruch gegen Beitragsbescheide der GEZ einzulegen. Er sagt, mit der Haushaltsabgabe kassiere der Staat jetzt auch jene Bürger ab, die entweder gar keinen Fernseher oder Radio besitzen oder die sich bisher von den GEZ-Gebühren befreien lassen konnten – Geringverdiener und Schwerbehinderte. Ab dem 1. Januar müssen sie jetzt den ermäßigten Satz von 5,99 Euro bezahlen – sogar dann, wenn sie blind oder taub sind. Lediglich Taubblinde sind von der Zahlung befreit. "Es ist absurd", seufzt der Präsident des Sozialverbands Deutschland (SOV), Adolf Bauer.

Job nach dem 1. Januar behalten

Er ist nicht der einzige, den die Reform erbost. Rund 800 Beschwerden gingen schon bei den Petitionsausschüssen der Landtage ein. Hans-Peter Siebenhaar, Autor des Buches "Die Nimmersatten", spricht vielen der Gegner aus der Seele, wenn er sagt, solch ein obrigkeitliches Finanzierungsmodell sei nicht geeignet, die Zuschauer für ARD und ZDF zu entflammen. "Das System der Nimmersatten leidet ja nicht daran, dass es zu wenig Geld vom Bürger bekommt. Es leidet daran, dass es zu viel Geld erhält und dadurch aufgehört hat, darüber nachzudenken, wofür öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einer digitalen Mediengesellschaft überhaupt noch steht", sagt Siebenhaar.

Herbert Begerock verfolgt die Kontroverse so gelassen, wie man es von einem bayrischen Gemütsmenschen erwartet. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen kann er seinen Job nach dem 1. Januar vorerst behalten. Statt Privathaushalte besucht er dann eben Betriebe. Nach einer neuen Verordnung bemisst sich die Höhe ihrer Rundfunkgebühren nach der Zahl der Mitarbeiter und Autos. Für Begerock bedeutet das: nachzählen.

Überfallartige Überrumpelungstaktiken

Der GEZ-Mann sieht es sportlich. Er ist einer von ungefähr 1200 Rundfunkbeauftragten in Deutschland. Wie wie viele es genau sind und wie viele durch die Reform zum 1. Januar arbeitslos werden, kann keiner sagen. Die GEZ-Pressestelle verweist auf die Landesrundfunkanstalten, und die geben sich bedeckt. So war das schon immer, wenn es um das Thema Gebühren geht. Eisiges Schweigen.

Buchautor Bernd Höcker sagt, erst der Berliner Datenschutzbeauftragte habe ihm die Augen dafür geöffnet, was die Haupteinnahmequelle der GEZ-Kontrolleure sei. Sie dürften sich 40 Prozent der Summe in die eigene Tasche stecken, die säumige Gebührenzahler nachzahlen müssten. Ein Anreiz, der vielleicht erklärt, warum Kontrolleure immer mal wieder über das Ziel hinausschießen und vor Gericht landen, wegen überfallartiger Überrumpelungstaktiken, Nötigung oder Hausfriedensbruch. Höcker kennt viele solcher Geschichten. GEZ-Opfer haben sie ihm erzählt. Ein Mann, der als Gebühren-Eintreiber für einen Rundfunkbeauftragten aushalf, war auch dabei. Höcker sagt, dieser Mann habe unter extremen Druck gestanden. Die Branche sei knallhart. Wer zu wenig Anmeldungen liefere, werde entlassen.

Gute Zahlungsmoral in Bayern, schlechte in Berlin

Herbert Bergerock will von solchen Geschichten nichts wissen. Okay, einmal habe einer seiner Kollegen einen Eimer Wasser über den Kopf bekommen, sagt er. "Das grenzte an Körperverletzung." Doch Auseinandersetzungen seien in den zehn Jahren, die er diesen Job nun schon macht, die Ausnahme. Vermutlich wäre Begerock nicht halb so entspannt, wenn er in Berlin-Friedrichshain kontrollieren müsste. Dort soll es Straßen gegeben haben, wo nur jeder zweite die Frage aus dem PR-Slogan bejahen konnte: "Heute schon GEZahlt?"

In Bayern ist die Zahlungsmoral dagegen deutlich besser. 90 Prozent der Haushalte sind angemeldet. Das nimmt Druck aus dem Kessel. Begerock sagt: "Auf 500 Kontakte kommt vielleicht eine Beschwerde." Beraten, nicht bevormunden, das sei sein Erfolgsrezept. "Wenn ich an jeder zweiten Tür beschimpft werden würde, könnte ich den Job nicht machen." Dass er trotzdem ein dickes Fell hat, erwähnt er nicht. Es versteht sich aber von allein.

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