28.12.12

Waffenbesitzer

"Sollten wir den gelben Davidstern tragen?"

Nach der Veröffentlichung einer Karte über Waffenbesitzer in den USA streitet Amerika über den Informationsanspruch der Öffentlichkeit. Redakteure fürchten Drohungen, Waffenbesitzer Stigmatisierungen.

Foto: AFP

Jahrestreffen der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Besitzer von Waffen fühlen sich durch die Aktion der „Journal News“ der Ächtung ausgesetzt
Jahrestreffen der Waffenlobby National Rifle Association (NRA). Besitzer von Waffen fühlen sich durch die Aktion der "Journal News" der Ächtung ausgesetzt

Wie weit reicht der Informationsanspruch der Öffentlichkeit, und wo beginnt der Pranger? Im Nachklang zum Grundschulmassaker von Newtown in Connecticut streitet Amerika an einer neuen Front erbittert über Waffenrecht und Waffenkontrolle. Zuerst veröffentlichte eine Zeitung im Bundesstaat New York auf ihrer Homepage eine interaktive Karte mit Namen und Adressen aller Inhaber von Erlaubniskarten für Faustfeuerwaffen in der Region.

Daraufhin zog ein Blogger mit einer Karte nach, auf der die Namen, Anschriften, Telefonnummern und E-Mail-Adressen sämtlicher Mitarbeiter der Zeitung zu finden sind, vom investigativen Reporter über die Mitarbeiter der Anzeigenabteilung bis zum Betreuer der Abonnenten.

Beide Parteien sehen sich der Ächtung ausgesetzt. "Sollten wir künftig einen gelben Davidstern tragen, damit die Öffentlichkeit Bescheid weiß, wie und wer wir sind?", will ein Leser der "Journal News" wissen, die die Inhaber von Erlaubnisscheinen für Pistolen und Revolver in den Countys Westchester und Rockland ins Netz gestellt hatte. Dem Blogger Christopher Fountain, einem Immobilienagenten, der im Gegenzug die Adressen der Zeitungsmitarbeiter publizierte, hielt ein Kommentator vor: "Wenn dies eskaliert, sodass jemand sie bedroht, geht das auf Ihre Kappe."

Besitz tatsächlicher Waffen unklar

Die Karte der Zeitung betrifft nur Pistolen und Revolver. Gewehre wie die halb automatische Bushmaster, mit der in Newtown 20 Kinder und sieben Erwachsene ermordet wurden, sind nicht erfasst, weil für deren Erwerb in New York keine Erlaubnis notwendig ist. Auch geht aus der Karte nicht hervor, ob die genannte Person tatsächlich eine Schusswaffe im Haushalt hat oder nur eine entsprechende Lizenz besitzt.

Blogger Christopher Fountain griff in einem CNN-Interview die Aktion der "Journal News" scharf an. Die Journalisten hätten "persönliche Daten, die zum Mobbing einladen", veröffentlicht, sagte Fountain, der selbst Waffenbesitzer ist. Er habe für seine Reaktion darauf "zu 90 Prozent" Zustimmung erfahren. So habe sich bei ihm ein Polizist im Ruhestand gemeldet, der am Weihnachtstag nach der Veröffentlichung seiner Adresse durch die Zeitung fünf Morddrohungen erhalten habe. Eine Frau habe ihm mitgeteilt, sie besitze eine Waffe, weil sie sich vor ihrem gewalttätigen Ex-Ehemann versteckt halte. Der könne sie nun dank der Nennung ihres Namens und der Anschrift problemlos ausfindig machen. Im Übrigen würden legale Waffenbesitzer "dämonisiert" und in einen Zusammenhang mit dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule gestellt.

36.000 Empfehlungen auf Facebook

Rund 44.000 Menschen in der Region besäßen die Lizenz für eine Faustfeuerwaffe, schreibt die Zeitung. Das sei einer von 23 Erwachsenen. Die Daten der Waffenscheinbesitzer werden in Behörden gesammelt. Aufgrund des Freedom of Information Act hat jeder Bürger das Recht, sie einzusehen.

Auf Facebook war die Seite der "Journal News" bis Freitagmorgen (Ortszeit) bereits mehr als 40.100 Mal empfohlen worden.

Aber in den sozialen Netzwerken war auch die Kritik an der Aktion besonders intensiv. "Nun weiß jeder, wo die legalen Waffen zu finden sind, eine wertvolle Information für Kriminelle", schreibt Mike Pandolfo auf Facebook. Viele Kommentatoren stimmen ihm zu, dass Einbrecher diese Adressen ins Visier nehmen könnten, um dort Waffen zu stehlen. Weil die interaktive Google-Karte auch Satellitenbilder enthält, könne sich ein Einbrecher gleich mit den Örtlichkeiten, den Eingängen und Fluchtwegen vertraut machen, insbesondere dann, wenn er Google Earth hinzuziehe. 2006 hatte die Zeitung schon einmal eine Liste von Waffenbesitzern veröffentlicht, aber damals ohne interaktive Karte.

Redakteure fürchten Drohungen

Andere argumentieren, Kriminelle könnten noch eher auf Adressen abzielen, die in der Karte fehlen. Denn die Wahrscheinlichkeit sei geringer, dass die dortigen Bewohner bewaffnet seien. Die logische Reaktion darauf wäre, so ein Facebook-User, dass sich auch diese Menschen bewaffneten: "Mehr Waffen, weniger Verbrechen."

Cyndee Royle Lambert, eine der verantwortlichen Redakteure der "Journal News", sieht sich inzwischen selbst massiven Drohungen ausgesetzt. Sie schloss ihre private und eine berufliche Facebook-Seite nach einer Flut bösartiger Attacken und machte ihren Twitter-Account unzugänglich. Das Bundesinnenministerium lehnte auf Anfrage der "Stuttgarter Nachrichten" eine Nennung von Namen legaler Waffenbesitzer in Deutschland ab.

In Los Angeles wird derweil ein anderer Weg ausprobiert, um die Zahl der Waffen zu reduzieren. Dort konnten am Mittwoch Bürger ihre Waffen gegen Lebensmittelscheine austauschen. Für Handfeuerwaffen und Schrotgewehre gab es den Gegenwert von 100 Dollar, für halb automatische Waffen und Sturmgewehre 200 Dollar. Rund 1500 Waffen wurden so eingesammelt. Menschen standen dafür stundenlang an.

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