26.12.12

Letzte Print-Ausgabe

"Newsweek" – Der Untergang des ewigen Zweiten

Heft 4150 ist das letzte der geschichtsträchtigen "Newsweek". Das US-Magazin machte sich über die Beatles lustig und berichtete von "Hitlers Tagebüchern". Mit einer Praktikantin begann der Niedergang.

Von Ansgar Graw
Foto: Verlag

Das US-Magazin "Newsweek" stellt seine gedruckte Ausgabe ab 2013 ein. Die letzte Print-Ausgabe kommt nüchtern daher.

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Die Raupe und der Schmetterling, die letzte Print-Ausgabe und der Aufbruch ins digitale Zeitalter: "Newsweek", das rauflustigste amerikanische Wochenmagazin, stellt nach knapp 80 Jahren zu Silvester die Druckausgabe ein – und verspricht eine Metamorphose. "Ende Februar werden Sie die volle Evolution zur funkelnagelneuen, vollkommen digitalen 'Newsweek Global' sehen, die derzeit entwickelt wird", kündigt Chefredakteurin Tina Brown in ihrem letzten papierenen "Newsweek"-Editorial an.

Das Heft Nummer 4150, das in diesen Tagen an die Kioske der USA ausgeliefert wird, widmet sein Abschieds-Cover dem Übergang von der Vergangenheit zur Zukunft. Eine nostalgisch anmutende schwarz-weiße Luftaufnahme der Häuserschluchten Manhattans mit dem "Midtown Headquarters", dem vom "Newsweek"-Schriftzug gekrönten historischen Sitz des Verlages, wird durch eine Twitter-affine Zeile gebrochen: "#Letzte Print-Ausgabe" lautet sie, und das vorangestellte Doppelkreuz, in der Sprache der sozialen Netzwerke Hashtag genannt, soll eine Verschlagwortung in die Moderne symbolisieren.

Mit einer Praktikantin begann der Niedergang

Doch "Newsweek" bringt zunächst mächtig viel Geschichte mit, und daran wird im Abschiedsheft stolz erinnert. Das Wochenmagazin aus New York warnte 1941 in der Woche vor Pearl Harbour vor der Macht der japanischen Armee, dem "Dynamit des Orient". Es präsentierte 1964 als erstes US-Magazin die Beatles auf den Titel, mit einer nicht sehr belastbaren These ("Äußerlich sind sie ein Albtraum ... musikalisch eine Beinahe-Katastrophe"), aber drei Jahre früher als der größere Konkurrent "Time".

Es lenkte 1967 mit zwei nachhaltigen Cover-Stories über "Die Neger in Amerika" den Fokus auf die fortwährende Diskriminierung der Afroamerikaner. Es trommelte 1970 mit dem Titel "Die Revolte der Frauen" für die Emanzipationsbewegung, auch wenn Schwung in die Sache erst danach durch eine Klage der weiblichen Mitarbeiter gegen das Magazin wegen Ungleichbehandlung kam. Es blamierte sich 1983 im Gefolge des deutschen "Stern" mit einem Aufmacher über "Hitlers Tagebücher". Und es wusste 1998 früher als alle anderen von Bill Clintons Affäre mit seiner Praktikantin.

Aber die Clinton-Lewinsky-Story markiert auch den Beginn des Niedergangs von "Newsweek" und der Krise gedruckter Medien insgesamt. Das Magazin zögerte die Enthüllung des präsidentiellen Seitensprungs wegen der Prüfung der Fakten hinaus, bis der an keinen Redaktionsschluss gebundene "Drudge Report" die Sensation weltexklusiv ins Internet hinausschrie.

Die schnelle Nachricht wanderte ab

"Newsweek" war im Dauerwettbewerb mit dem auflagenstärkeren "Time"-Magazin oft schneller und mutiger, konzentriert auf die schnelle Nachricht. Das zehn Jahre früher gestartete "Time" war größer, reicher, gründlicher, auch intellektueller in der Analyse. Aber es kommt oft betulich, langatmig und berechenbar daher. "Newsweek" traf schneller den Punkt und wagte krawallige Thesen. Daneben bot es aufwendig recherchierte Reportagen und Autorenstücke, die auch "Time" zur Ehre gereicht hätten.

Dieses Nebeneinander funktionierte nur für eine begrenzte Zeit. "Time" hatte vor zehn Jahren eine Auflage von über vier Millionen und verkauft auch heute noch knapp 3,3 Millionen Hefte. Doch "Newsweek" verlor in diesem Zeitraum von drei Millionen Exemplaren die Hälfte. Die Anzeigeneinnahmen gingen seit 2008 um rund 50 Prozent zurück. Pro Jahr fährt "Newsweek" angeblich 40 Millionen Dollar Verlust ein.

Denn die schnelle Nachricht ist ins Internet gewandert. Und den Hintergrund bot die renommiertere "Time" meist ausführlicher an als "Newsweek".

Fusion mit Internet-Magazin ging nicht auf

Seit dem erstmaligen Erscheinen am 17. Februar 1933, damals noch unter dem gekoppelten Titel "News-Week" (Einzelheft: 10 Cent; Jahresabo: 4 Dollar), hat das Blatt zwei große Modernisierungsschübe mitgemacht. 1961 kaufte der Verlag der "Washington Post" das Magazin für 15 Millionen Dollar und investierte kräftig in die Redaktion. "Time" sollte der Führungsanspruch streitig gemacht werden. Als "Brand X" wurde der nicht viele Häuserblocks entfernte Konkurrent intern bezeichnet. Jahre später stellte sich heraus, dass "Newsweek" im Sprachgebrauch von "Time" ebenfalls als "Marke X" firmierte.

Das Renommee von "Newsweek" wuchs in den folgenden Jahrzehnten. Aber auf dem kriselnden Zeitschriftenmarkt war auf Dauer kein Platz für den ewigen Zweiten. 2010 verkaufte die "Washington Post" das Magazin an den 92-jährigen Unternehmer Sidney Harman. Er initiierte den zweiten großen Modernisierungsschub, indem er "Newsweek" mit dem Internet-Magazin "The Daily Beast" fusionierte und Tina Brown zur Chefredakteurin machte.

Nur ein halbes Jahr später starb Harman. Und die Strategie von Chefredakteurin Brown, die einst das Magazin "The New Yorker" geleitet hatte, ging nicht auf. Die gebürtige Britin setzte vor allem auf provokante Cover. Damit löste sie Debatten aus, konnte den Auflagenschwund aber nicht stoppen.

Neue Ideen bis Februar unter Verschluss

So rief Brown im März dieses Jahres Obama nach seinem Appell zur Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe zum "ersten Gay-Präsidenten" aus. Im Juni 2011 spekulierte "Newsweek", wie die 14 Jahre zuvor tödlich verunglückte Prinzessin Diana heute wohl, mit 50 Jahren, aussähe. Im September 2012 sollte ein Cover zweier gestikulierender und schreiender Männer mit Bärten und arabischer Tracht die "Wut der Muslime" darstellen.

Wie "Newsweek Global" künftig als Internet-Plattform um Leser und Abonnenten werben will, wird in dem nostalgischen Abschiedsheft nicht ausgeführt. Der Ausblick in die Zukunft fehlt den "Newsweek"-Machern – oder aber sie wollen ihre Ideen, wie der Raupe Flügel wachsen sollen, bis Februar unter Verschluss halten.

In jedem Fall allerdings hat Tina Brown recht mit dem, was sie in ihrem letzten gedruckten Editorial schreibt: "Mitunter ist Veränderung nicht nur gut, sondern notwendig."

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