25.12.12

Neu-Verfilmung

Die Wahrheit über den Lügenbaron Münchhausen

Rund 70 Jahre nach dem legendären UFA-Film gibt nun Jan Josef Liefers den skurrilen Edelmann. "Ein Kultfilm wird das aber nicht", mäkelt der Enkel des echten Barons beim gemeinsamen TV-Gucken.

Von Claudia Becker
Foto: ARD/SWR/Stephanie Kulbach/Montag

Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag in der ARD zu sehen: Jan Josef Liefers als Baron von Münchhausen
Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag in der ARD zu sehen: Jan Josef Liefers als Baron von Münchhausen

Er eilt mit der erfrischenden Gestresstheit eines Vaters in den Raum, der gerade seine Drillinge in die Kita gebracht hat. "Tut mir leid", sagt er und streicht sich rasch die dunkle Strähne aus der Stirn, "ich habe noch nicht gefrühstückt." Dann packt er zwei belegte Brötchen aus, eins für ihn und eins für den Besuch. Der Mittvierziger, der da im Konferenzsaal einer Berliner Anwaltskanzlei erst mal ankommt, hat etwas Verschmitztes. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man in seinen Augen bisweilen etwas Schalkhaftes aufblitzen.

Ernst Freiherr von Münchhausen mag subtilen Humor. Und das ist nicht nur an seinen verzierten Manschettenknöpfen zu erkennen, die seinen berühmten Vorfahren beim Ritt auf der Kanonenkugel zeigen. Der Jurist, der seit Jahren mit speziellen Lernskripts junge Anwärter auf eine Karriere beim Auswärtigen Amt auf den Aufnahmetest vorbereitet, hat ein wunderbares Buch über die Welt der Diplomatie geschrieben.

"Wenn wir die Wahrheit sagen, haben wir uns versprochen" (Hoffmann und Campe, 224 S., 16,99 Euro) heißt seine Sammlung von Anekdoten, die allesamt irgendwie kurios sind. "Die Vorliebe für skurrile Geschichten ist bei uns familiär bedingt", sagt er, nachdem er den letzten Rest von seinem Brötchen gegessen hat.

Die Belagerungsszene und der Sultan

Eben jene Vorliebe ist auch der Grund für unsere Begegnung an diesem Morgen. Die ARD hat sich, fast 70 Jahre nach dem legendären Ufa-Film über Münchhausen mit Hans Albers in der Hauptrolle, erstmals wieder an eine deutsche filmische Verarbeitung des Stoffs gewagt. Am ersten und zweiten Weihnachtstag, jeweils um 17.45 Uhr, flimmert "Baron Münchhausen" über die Fernsehbildschirme. Und wer eignet sich besser als Gesellschaft für eine gemeinsame Vorbetrachtung als ein echter Münchhausen?

Es geht auch richtig gut los. "Unterhaltsam", findet Ernst von Münchhausen die ersten Belagerungsszenen mit Sultan und Tschingerassabum. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sein Name konsequent falsch betont wird – nämlich mit der Betonung auf der zweiten, statt auf der ersten Silbe –, oder dass der Lügenbaron (Jan Josef Liefers) von einem anderen Edelmann als "Herr Baron" angesprochen wird, obwohl diese Anrede nur von einem Bediensteten gebraucht worden wäre. Das ist Ernst von Münchhausen alles nicht so wichtig.

Wichtig ist, dass der besondere Witz der Geschichten herüberkommt, die ihm natürlich sehr vertraut sind. "In unserer Familie gehört es zum guten Ton, die zu lesen", sagt er und dass seine Lieblingserzählung die ist, in der Münchhausen bei einer Jagd durch eine fahrende Kutsche reitet und dabei nicht vergisst, vor den Damen im Wagen den Hut zu lüften.

Ein Erzähltalent aus dem Jahr 1720

Ernst von Münchhausen kennt sich gut aus mit der Geschichte seiner Familie, deren Mitglieder sich alle zwei Jahre treffen. Die Zusammenkünfte finden allerdings nicht in Bodenwerder an der Weser statt, dort wo Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen 1720 geboren und 77 Jahre später gestorben ist. Dort, wo der historische Gutsherr im Kreis der Honoratioren der Stadt zur Unterhaltung seine vermeintlichen Erlebnisse im russisch-österreichischen Türkenkrieg zum Besten gab.

Er war berühmt für sein Erzähltalent und seine blühende Fantasie. Für die Veröffentlichung waren Münchhausens Geschichten aber vermutlich nicht gedacht. Andere Autoren bedienten sich bei ihm, darunter Rudolf Erich Raspe, der möglicherweise zum Kreise der Zuhörer in Bodenwerder gehörte und 1785 unter Münchhausens Namen Abenteuergeschichten veröffentlichte, mit denen er eine Menge Geld verdiente.

Zurück in die Berliner Anwaltskanzlei im ausklingenden Jahre 2012. Auf dem Bildschirm zieht der Film-Münchhausen mit einem kleinen Mädchen namens Frieda durch die Gegend. Die Kleine behauptet, Münchhausens Tochter zu sein und will, dass er sie zur Mama nach St. Petersburg bringt.

Warum, fragt sich der Betrachter, muss das Drehbuch Münchhausen eine vermeintliche Tochter andichten? Bieten seine Erzählungen nicht genug Stoff für eine spannende Geschichte? "Er hat so seine Längen, der Film", sagt Ernst von Münchhausen, nachdem Frieda und der Lügenbaron schon eine Ewigkeit durch einen Wald spaziert sind.

Das Pferd am Kirchtum

Glücklicherweise tauchen irgendwann die Enten auf, die den Baron durch die Lüfte ziehen. Das ist durchaus unterhaltsam. Aber als er auf dem Mond landet und Nichtigkeiten mit dem Mann auf dem Mond austauscht, wird Ernst von Münchhausen richtig ärgerlich. "Das ist total langweilig", sagt er. Eine vertane Chance.

Die Münchhausen-Geschichten leben von ihrer Absurdität, von dem unglaublichen Ideenreichtum des Erzählers, der davon berichtete, wie sich ein tollwütiger Hund in seine Jacke verbeißt, sodass das Kleidungsstück seinen Besitzer angreift und der angeblich so kalte Wintertage erlebte, dass die Töne im Posthorn einfroren. "Diese Geschichten sind nicht nur amüsant", sagt Ernst von Münchhausen, "sie haben auch durchaus Lebensweisheit."

Für den alten Münchhausen gab es immer einen Ausweg – und wenn er sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen musste. Er fackelte nicht lange und schoss das Pferd, das am Kirchturm hing, kurzerhand herunter. Ein Draufgänger war er, ein Haudegen. Der Münchhausen der ARD aber hat eher etwas von einem Clown. "So habe ich mir den Baron definitiv nicht vorgestellt", sagt Ernst von Münchhausen. "Ich glaube, die haben die alten Geschichten nicht richtig gelesen, sonst hätten sie es nicht so langweilig gemacht. Und das alles unter unserem Namen."

Ernst von Münchhausen ist nicht auf einem Gut groß geworden. Das Anwesen des Großvaters in der Nähe von Naumburg lag in der Sowjetischen Besatzungszone. Der Großvater wurde im Rahmen der Bodenreform enteignet. Alle paar Jahre fahren die Münchhausens dort hin, besuchen den Familienfriedhof.

Die freiwillige Feuerwehr des Ortes kümmert sich um den Familiengrabstein. Das klingt nach viel Traditionsbewusstsein. Tatsächlich lebten die unmittelbaren Vorfahren von Ernst von Münchhausen nicht gerade so, wie man sich den typischen deutschen Adel vorstellt. "Mein Vater hat die Exzesse des Stalinismus gerechtfertigt", sagt er über den heute 76-Jährigen, der in der DDR aufgewachsen und noch immer Kommunist ist. Die Großmutter war Marie Louise von Hammerstein, deren Vater Generaloberst Kurt von Hammerstein-Equord zum militärischen Widerstand gegen Hitler gehörte.

Autogramme in Turkmenistan

Hans Magnus Enzensberger hat unter dem Titel "Hammerstein oder Der Eigensinn" die Geschichte dieser außergewöhnlichen Familie aufgeschrieben: Marie Louise trat schon mit 19 in die KPD ein. 1949 siedelte sie in die DDR über und wurde Mitglied der SED. Die Münchhausen-Geschichten hat sie trotzdem gelesen. "Auch sie war stolz auf die Familiengeschichte", sagt Ernst von Münchhausen. Er hat mittlerweile keine Lust mehr, auf den Bildschirm zu gucken. Auch der zweite Teil von "Baron Münchhausen" entlockt ihm wenig schmeichelhafte Kommentare.

Wirklich bedauerlich wäre das. Denn ein guter Film wäre eine wunderbare Gelegenheit, die Erinnerung an Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen richtig aufleben zu lassen. Dass der Lügenbaron ausgerechnet in der ehemaligen Sowjetunion bis heute so viel Popularität besitzt, hat mit dem 1979 gedrehten Film "Genau jener Münchhausen" zu tun, den damals 290 Millionen Menschen sahen. Kein Wunder, dass es in Lettland ein Münchhausen-Museum gibt und in Königsberg ein Denkmal für ihn. Sein Name ist ein Begriff, ja sogar bis an die Grenze zu Afghanistan.

"Als meine Frau, die im Umweltministerium arbeitet, auf einer Dienstreise in Turkmenistan war, musste sie wegen ihres Namens Autogramme verteilen und Fernsehinterviews geben", erzählt er. Die ARD-Produktion hingegen, da ist sich Ernst von Münchhausen sicher, wird wohl nicht derartige Auswirkungen haben. "Ein Kultfilm wird das nicht", so sein abschließendes Urteil. Auf das weihnachtliche Fernsehprogramm freut sich Ernst von Münchhausen trotzdem. Da läuft nämlich ein echter TV-Klassiker – der Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel".

Quelle: Reuters
20.12.12 3:49 min.
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