25.12.12

Afrika

Ugandische Analphabetin wird Schachmeisterin

Phiona Mutesi konnte weder lesen noch schreiben – und trotzdem setzte sie ihre Gegner schachmatt. Der Teenager aus einem Slum in Uganda ist ein Schachgenie, dessen Talent zufällig entdeckt wurde.

Sie wuchs in einer der ärmsten Gegenden der Welt auf. Sie konnte weder lesen noch schreiben und hungerte fast jeden Tag. Ihr Vater und ihre ältere Schwester waren tot, ihre Mutter nie zu Hause – und dennoch soll Phiona Mutesi der Star eines geplanten Disney-Films werden, wie der TV-Sender CNN berichtet. Denn Phiona Mutesi ist ein Schachgenie.

Mehrere US-Magazine und Video-Reportagen bei YouTube berichteten bereits über das außergewöhnliche Leben des Mädchens, das nicht einmal sein genaues Geburtsdatum weiß. Irgendwann zwischen 1993 und 1995 kam es zur Welt.

Sein strategisches Spieltalent ist allerdings so außerordentlich, dass im Jahr 2011 eine Biografie mit dem Titel "Queen of Katwe" ("Königin von Katwe") über Phiona erschienen ist und auf ihr Schicksal weltweite Aufmerksamkeit lenkte. Katwe, das ist Phionas Heimat, ein Slum in Ugandas Hauptstadt Kampala.

Essen gegen Schachlektion

Ihre Geschichte beginnt mit der Suche nach einer Schale Haferbrei im Jahr 2005. Im Alter von etwa neun Jahren stromerte sie mit ihrem Bruder durch die Straßen des Slums. In Katwe gibt es auch heute weder Elektrizität noch fließend Wasser, die Straßen bestehen aus festgestampftem Lehm. Überall liegt Plastikmüll, als Häuser dienen den Menschen provisorische Hütten. Ratten, Hunde und andere Tiere leben dort mit den Menschen auf engstem Raum. 50 Prozent der Mütter des Viertels sind im Teenager-Alter.

"Es war ein wirklich hartes Leben. Ich schlief auf der Straße", sagte Phiona über ihr Leben vor dem Schach. Im Alter von etwa drei Jahren war sie bereits Halbwaise, ihr Vater war an Aids gestorben – wie so viele Väter in Katwe.

Kurz darauf starb eine ältere Schwester, vermutlich an Malaria. Weil ihre Mutter die Familie von diesem Zeitpunkt an ganz allein ernähren musste, kehrte sie oft tagelang nicht heim. Sie versuchte, auf dem Markt Avocados zu verkaufen, doch das Einkommen blieb mager. Geld für Phionas Schulbesuch blieb da nicht übrig.

An einem Abend, an dem Phiona wieder allein war und nach etwas Essbarem bettelte, traf sie auf Robert Katende, einen Missionar und Schachlehrer. Er machte ihr ein Angebot: Sie sollte etwas zu essen bekommen, aber nur gegen eine Schachlektion. Phiona stimmte zu. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändern sollte.

Spiel gegen die stärksten Gegner

"Am Anfang war Schach für mich nur eine Schale Haferbrei", sagte der Teenager ihrem Biografen Tim Crothers vom Magazin ESPN, der Phiona als einen "ultimativen Underdog" bezeichnet. Doch schon bald sei sie neugierig geworden. "Als ich zum ersten Mal Schach sah, dachte ich nur: 'Was ist das, was die anderen Kinder bloß leise sein lässt?' Dann sah ich sie Schach spielen und fröhlich werden und aufgeregt, und ich wollte auch eine Chance bekommen, so glücklich zu werden."

Von diesem Zeitpunkt an lief sie jeden Tag die 6,5 Kilometer Entfernung von ihrer Hütte bis Katendes Kirche, in der es gerade einmal sieben Schachbretter gab und so manche der fehlenden Figuren durch Gegenstände aus dem Müll ersetzt werden mussten. Heute besitzt das Projekt einen Schach-Computer.

Bereits nach den ersten Lektionen erkannte Katende Phionas Talent. Er stellte sie auf die Probe und arrangierte Spiele mit den stärksten Spielern seines Projekts.

"Als ich Phiona zum ersten Mal traf, glaubte ich, Mädchen seien schwach und könnten nichts erreichen. Aber dann habe ich gemerkt, dass Phiona genauso gut spielen kann wie ein Junge", erzählt Ivan Mutesasira. "Sie spielt sehr aggressiv. Sie liebt es zu attackieren, und wenn du mit ihr spielst, wirst du immer weiter nach hinten gedrängt, bis du keinen Zug mehr machen kannst."

Auch wenn der Schachlehrer ihr Talent als außergewöhnlich bezeichnet, behauptet Phiona von sich selbst, sie habe noch ungefähr ein Jahr gebraucht, um wirklich gut zu werden.

"Als ich die älteren Mädchen und Jungen geschlagen habe, da habe ich gemerkt, dass ich besser bin." Inzwischen möchte sie natürlich Großmeisterin werden. Und sie ist bereits auf dem besten Wege dorthin: Schon drei Mal hat sie die Juniorenmeisterschaften ihres Landes für sich entschieden, Fotos zeigen sie mit zahlreichen Goldmedaillen.

Teilnahme an internationalen Wettbewerben

Mittlerweile reist sie wie ein professioneller Spieler durch die Welt, um ihr Land international zu vertreten: in den Sudan, die Türkei, die USA – und sogar nach Sibirien. Sie, die vorher weder Schnee gesehen hatte noch jemals geflogen war. "Ich dachte, ich bin im Himmel", schrieb sie Biograf Crothers zufolge in einem Brief an ihre Mutter.

Für ihren Lehrer Katende ist Phionas Erfolg eine Bestätigung seines Projekts: "Schach lehrt dich, Situationen zu bewerten, Entscheidungen zu treffen, Probleme zu lösen, jede Herausforderung als Chance zu sehen – und nach Möglichkeit nicht aufzugeben. Die Disziplin, die Geduld ... alles, was mit dem Leben zu tun hat, kann man in diesem Spiel finden."

Tatsächlich stieß Phionas Erfolg nicht bei allen auf Unterstützung. Denn noch immer glauben viele Menschen in Uganda, Schach sei ein ausschließlich männliches Spiel, Frauen hätten nichts am Brett zu suchen.

Inzwischen hat Phiona nicht nur lesen und schreiben gelernt, sie spricht sogar Englisch und hat bereits ein nächstes Ziel: studieren und Ärztin werden: "Schach hat mir die Möglichkeit gegeben, wieder zur Schule zu gehen. Und mir gezeigt, dass es noch ein anderes Leben gibt."

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