24.12.12

Weihnachtskarpfen

Barbarischer Brauch verdirbt vielen Polen das Fest

Erst planscht der Fisch in der heimischen Badewanne, dann kommt er auf den Fest-Tisch: Kritiker sehen das als Tierquälerei an. Der an Heiligabend getötete Weihnachtskarpfen spaltet Polen.

Von Gerhard Gnauck
Foto: picture alliance / dpa

Auch in Deutschland kommt bei einigen Familien ein Karpfen auf den Tisch
Auch in Deutschland kommt bei einigen Familien ein Karpfen auf den Tisch

Heute planschen sie ein letztes Mal. Alle Jahre wieder, bis Heiligabend: die lebendigen Karpfen, die in Polen in die Lebensmittelläden geliefert, dort gekauft und in die heimische Badewanne versetzt werden. Wenn Weihnachten näher rückt, sind überall im Land zwei besonders polnische Bräuche zu beobachten.

Erstens: das Brechen der Weihnachtsoblate, im Freundeskreis, auch bei der Feier in der Firma, und das zu zweit vollzogene Verspeisen der Oblatenstückchen nach dem Austauschen guter Wünsche. Und zweitens die Beschaffung, die Tötung und Zubereitung des Weihnachtskarpfens.

In den vergangenen Wochen haben sich jedoch Tierschützer zu Wort gemeldet, hauptamtliche und solche, die sich nur durch den leidenden Karpfen haben wachrütteln lassen. Damit steht Polen ein Konflikt bevor, wie er an entsprechende Debatten um den Stierkampf in Spanien erinnert oder um die Singvogeljagd in Italien ("Kein Urlaubsort – wo Vogelmord!"). Tierschutz steht hier unversöhnlich gegen Tradition.

Vier Euro für ein Tier

In der Kampagne "Jeszcze zywy karp", frei übersetzt: "Noch ist der Karpfen nicht verloren", haben sich Intellektuelle zusammengetan, darunter die Schriftstellerin Olga Tokarczuk.

Sie findet die Sitte ihrer Landsleute, den Karpfen in der Badewanne aufzubewahren und dann in der Küche mit einem Fleischhammer totzuprügeln, schrecklich: "Das ist ein besonders barbarischer Brauch, der mir mein Leben lang die Weihnachtsfreude verdorben hat und die Vorbereitung auf Heiligabend zum Horror werden ließ."

Die Verkäuferinnen auf dem Markt, in Läden und Supermärkten lässt das kalt. Sie stehen hinter großen Bottichen, in denen die Fische schwimmen, holen für den Kunden mit dem Fangnetz ein Exemplar heraus, werfen es in eine mit Wasser gefüllte Plastiktüte oder einen Eimer und nehmen etwa 12 Zloty (knapp vier Euro) pro Stück. Beim Transport kann es nicht ausbleiben, dass manche Tiere verwundet werden. Auch das Töten, das Totschlagen der Tiere zu Hause ist kein einfacher Akt.

Teilweise bieten die Verkäuferinnen an, diese undankbare Aufgabe zu übernehmen. Auch sollen staatliche Inspektoren an den Verkaufsstellen nach dem Rechten sehen. Aber der Tierarzt um die Ecke, der dieses Jahr in dieser Mission unterwegs war, legt auf unsere Frage hin die Hände auseinander: "Ja, für uns ist das Tierschutzgesetz der Maßstab. Aber ich kann gegen die Verkäufer keine Strafen verhängen. Nur die Polizei kann ich rufen. Aber bis die kommt, sind vermutlich alle Missstände abgestellt."

Schützenhilfe vom Lachs

Die jahrhundertealte Tradition lebt also weiter. Die Adventszeit ist auch Fastenzeit, Fischspeisen waren da sehr willkommen. Neben dem Katholizismus hat auch der Sozialismus seinen Anteil an der Tradition: Die Karpfenaktion im Advent half, Versorgungsengpässe auszugleichen und die Bevölkerung ruhigzustellen, zumal der Karpfen in der Badewanne längere Zeit aufbewahrt werden konnte.

Die in Teichen gezüchteten Karpfen werden in Polen zu 90 Prozent gerade in der Adventszeit verkauft, einer Schätzung zufolge sind es jedes Jahr etwa zehn Millionen Stück. Man kann sie braten oder backen, zu Suppe verarbeiten oder "auf jüdische Art", wie das Rezept lautet, in Aspik zubereiten.

Die Karpfen in Polen sind in der EU das letzte Speisetier, das lebend an den Kunden verkauft wird. Die Tierschützer kämpfen nicht gegen des Karpfenessen, sondern gegen den Lebendverkauf.

Jetzt bekommen sie – dank der Globalisierung – unerwartet Schützenhilfe: vom Lachs. Der norwegische Lachs, fertig zubereitet im Supermarkt gekauft, macht dem mühsam zubereiteten Karpfen zunehmend Konkurrenz.

Das macht den Karpfenzüchtern Sorge: Zbigniew Szczepanski vom Speisefisch-Werbeverband Pan Karp ("Herr Karpfen") beklagt, dass laut einer Umfrage nur noch 71 Prozent der Polen zu Weihnachten Karpfen essen.

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