23.12.12

Norwegen

Kronprinzessin Mette-Marit will nicht reden, sondern machen

Ein Gespräch mit Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen über drückende Erbsen, ihre Patchwork-Familie und neue Medien.

Von Dagmar von Taube
Foto: Daniel Biskup
Modern  Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen (39) an einem Wintertag an einem Fjord in Drammen bei Oslo
Modern Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen (39) an einem Wintertag an einem Fjord in Drammen bei Oslo

Norwegens Kronprinzessin sitzt auf dem Sofa der Hotel-Suite des Berliner "Adlon" und wärmt sich an einer Tasse Tee. "Bitte das Fenster schließen", sagt sie.

Berliner Morgenpost: Herzlich willkommen in Berlin, Kongelige Høyhet!

Kronprinzessin Mette-Marit von Norwegen: Danke, ich freue mich, hier zu sein. Ich bin leider etwas erkältet – der Winter. Ich hoffe, meine Stimme hält durch.

Statt mit der Königlichen Norwegischen Luftwaffe reisen Sie per Linienflug an – trotz Erkältung. Die bekämpfen Sie mit Ingwertee. Eine "Prinzessin auf der Erbse" sind Sie wahrlich nicht. Ist das Ihr Lebensmotto?

Ach was, nein. Ich glaube, ich habe gar keins. Ich sag' mir einfach: Just do it – nicht reden, machen!

In Berlin erhielten Sie jetzt den Ehrenpreis der "Ein Herz für Kinder"-Gala für Ihren Einsatz gegen Aids sowie für Kinder in Ihrer Heimat. Wie zeigt sich Armut in Norwegen, einem der reichsten Länder der Welt?

Ohne Frage anders als in vielen anderen Ländern. Es gibt bei uns keine Slums, die Arbeitslosigkeit liegt bei drei Prozent. Es geht um die nächste Generation: Etwa jedes dritte Kind in Norwegen bricht die Schule ab. Unsere Crownprince und Crownprincess Foundation bietet Unterrichtsformen an, mit denen wir die Kinder motivieren und ihre Fähigkeiten fördern wollen, für ihre Zukunft. Wir dürfen keine Generation der Angst und Frustration heranziehen. Kinder und Jugendliche müssen sich ernst genommen fühlen und spüren, ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft zu sein. Darum geht's.

Ihr Sohn Marius wird 16. Weiß er schon, was er mal werden möchte?

So ausführlich haben wir noch gar nicht darüber gesprochen. Als Eltern kann man nur zuhören und beobachten, wo die Interessen, Begabungen, aber auch Träume der Kinder liegen. Die Ausbildung ist wichtig, aber auch, ihnen eine eigene Stimme zu geben und sie zu eigenen Entscheidungen zu ermutigen.

Viele Karrieren zeigen, ein Uni-Abschluss allein ist keine Garantie für späteren Erfolg. Von welchen Erfahrungen als junger Mensch konnten Sie später profitieren?

Ich war immer schon ein neugieriger Mensch. Mich interessiert, was Menschen erleben, was sie denken. Es gibt Gespräche, die sind wie ein spannendes oder kluges Buch. Durchs Zuhören habe ich viel gelernt – und oft von denen, die am meisten gekämpft haben. Auch bei meiner Aids-Arbeit. Da erlebe ich junge Menschen, die sich mit HIV infiziert haben. Trotzdem jammern sie nicht. Sie entscheiden sich, anderen zu helfen. Ich denke, je mehr man das Leben kennt, desto selbstsicherer kann man ihm auch begegnen. Es stärkt, wenn man weiß, dass man auch allein zurechtkommen kann.

Wir leben heute in einer Leistungsgesellschaft ...

Der Druck ist groß heute, ja.

Für Schwache ist da kein Platz. Wer stolpert, ist draußen.

Wir dürfen Menschen aber nicht aufgeben. Jeder verdient eine zweite Chance.

Sie waren auch nicht immer eine "Musterstudentin", wie Sie selbst sagen, und haben nicht alle Prüfungen bestanden.

Offensichtlich hatte ich nicht für alle Fächer ausreichend gelernt. Ich war jung. Die Welt draußen erschien interessanter, als die Schulbank zu drücken.

Hat das Scheitern auch was Gutes?

Darf ich Ihnen etwas sagen, und es ist meine feste Überzeugung: Misserfolg, auch mal Fehlschläge einzustecken und damit umgehen zu können, ist eine der wichtigsten Lektionen für jeden von uns. Daran wächst man. Genauso wichtig finde ich es, dass man sich das Scheitern auch erlaubt. Wer nie gescheitert ist, der hat in seinem Leben nicht alles gewagt.

Sie haben früher mal als Verkäuferin und Kellnerin gejobbt. Was lernt man am Tresen?

Was lernt man in diesen Jobs: mehrere Teller gleichzeitig tragen. Geduld. Standhaftigkeit. Mit wenig Geld und noch weniger Schlaf auszukommen. Das echte Leben eben.

Ihren Sohn Marius haben Sie einige Zeit allein erzogen. Was war die größte Belastung als Single-Mutter?

Wie wohl für die meisten Mütter: dasTime-Management. Sehr nützlich für mein späteres Leben, kann ich Ihnen sagen. Damals, muss ich dazusagen, waren alleinerziehende Frauen noch viel mehr stigmatisiert in Norwegen. Das hat sich glücklicherweise sehr geändert. Wer sein Kind heute ohne einen Partner erzieht, muss sich nicht mehr erklären oder gar schämen. Es war sicher alles nicht immer einfach, aber ich bin heute glücklich, sagen zu können, dass ich mein Leben gelebt habe. Ich bin die Summe aller meiner Erfahrungen und dankbar für jede.

Zusammen mit Ihrem Mann kämpfen Sie für die Rechte von Schwulen und Lesben. Berlin hat einen bekennenden homosexuellen Bürgermeister, Ihr Laudator war der mit einem Mann verheiratete Außenminister. Wird es nicht auch mal Zeit für einen bekennenden schwulen König?

Nun, das wird die Zukunft zeigen. Wichtiger allerdings fände ich, dass wir mal aufhören, uns gegenseitig überhaupt immer in Schubladen zu stecken – ob schwul, lesbisch oder wie auch immer. Menschen sind Menschen. Ich bin ja auch nicht nur Kronprinzessin, sondern auch Ehefrau, Mutter, Freundin.

Sie sind aktiv auf Twitter und Facebook. Wie bringen Sie Ihren Kindern einen vernünftigen Umgang mit den neuen Medien bei?

Nun, dazu müsste ich überhaupt erst mal selbst ein gutes Vorbild sein. Die Medienwelt hat sich zweifelsohne sehr verändert. Das dient auch meiner Arbeit. Toll finde ich, dass wir damit unseren Kindern heute zeigen können, was für eine große Welt es da draußen gibt, in der sich alle Kulturen verbinden. Aber ich sehe auch, dass wir kaum mehr ohne können. Wir sind süchtig nach unseren Handys und kommunizieren fast nur noch über diese Medien, auch weil sie uns die Hemmungen nehmen, die wir haben, wenn wir uns persönlich gegenübersitzen. Nicht nur Kinder, wir alle müssen lernen, wo der Aus-Knopf ist.

Deutschland bemüht sich um mehr Frauen in höheren Job-Positionen. Wie hat sich die Rolle der Frauen in Königshäusern im 21.Jahrhundert verändert?

Frauen haben heute überall eine stärkere Stellung in der Gesellschaft, das erleben wir auch in den Königshäusern. Auch da zeigt sich ein großer Wandel. Noch nie gab es in den Monarchien so viele Frauen, die imstande wären, die Rolle der Königin zu übernehmen. Die Vergangenheit hat uns bereits gezeigt, was Frauen leisten können: Königin Elizabeth I. war eine der bedeutendsten Monarchinnen. Ihr folgen heute viele Frauen mit sehr viel Stärke und Courage. Ich kann natürlich nur die letzten zehn Jahre beurteilen. Aber ich sehe, was auch meine Schwiegermutter geschafft hat, sie ist wirklich ein Vorbild für mich. Sie ist eine echte Feministin. Sie kam damals noch in eine Welt, in der die Männer dominierten. Das Leben am Hofe war vom Militär geprägt, Frauen hatten keine bedeutende oder aktive Rolle für ganz lange Zeit. Sie mussten schlicht den Thronfolger gebären. Sie hat das geändert, und das bewundere ich. Aber dazu braucht es auch einen Ehemann, der das zulässt. Und das hat mein Schwiegervater, der König, getan. Er hat sie unterstützt. Wir brauchen Männer in unserer Gesellschaft, die auch Frauen Platz machen. Ich bin auch für eine Frauenquote. Studien belegen ja, dass es Unternehmen besser geht, wenn Frauen mit in den Führungsgremien sitzen.

Sind Sie auch eine royale Feministin?

Ach was, nein.

Wer sind Sie dann?

Das kann ich nicht beantworten. Mir liegen diese Etikettierungen nicht. Wer bin ich? Man kann doch so vieles in einem sein. Im Moment bin ich eine Frau, die einen ziemlichen Schnupfen hat.

Zusammen mit Ihrem Mann setzen Sie moderne Maßstäbe mit Ihrer Liebe, Ihrer Liberalität. Wie funktioniert Gleichberechtigung bei Ihnen zu Hause: Wer liest vor, wer wäscht ab?

Ob Kinder oder Hausarbeit, das läuft bei uns wie in anderen Familien auch: Wir teilen uns das Vergnügen. Mein Mann unterstützt mich sehr.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Dieses Jahr sind wir bei meinen Schwiegereltern in Kongsseteren, ihrem Wintercottage in Oslo. Das ist immer ein sehr fröhliches und traditionelles Fest. Alles ist wunderschön geschmückt mit Engeln und alten Weihnachtsfiguren. Wir halten uns singend an den Händen und gehen dabei, wie es der Brauch ist, um den Baum, den wir gemeinsam geschmückt haben, bevor die Kinder dann aufgeregt die Geschenke auspacken. Beim Essen haben wir uns auf einen Kompromiss geeinigt. Englisch-norwegische Küche: Lutefisk, eine Art Stockfisch, und Cod, Dorsch. Und am 25. nach der Kirche: Schweinebraten. Also, es geht niemand hungrig nach Hause.

Fast jede zweite Ehe heute scheitert. Wie funktioniert Patchwork am Hof: Wie haben Sie das so friedlich gelöst?

Ich glaube, das Wichtigste ist, die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen und sie mit den Problemen der Erwachsenen zu verschonen. Statt zu sehen, was einen trennt, schätzen, was einen verbindet. Dazu braucht es natürlich beide Elternteile. Wenn man die größere Sache, nämlich die Familie, über sein kleines Ego stellt, funktioniert's.

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