26.12.12

"Welt"-Serie

Ein Fuchs als Lebensretter für Uli Hoeneß

"Welt"-Serie, Teil zwei: Uli Hoeneß stürzt bei einem Flug nach Hannover ab und übersteht das Unglück als einziger Insasse. Noch immer wirkt der 30 Jahre zurückliegende Unfall beim Bayern-Manager nach.

Von Lars Wallrodt
Foto: pa/dpa
Uli Hoeneß überlebt Flugzeugabsturz
Uli Hoeneß mit seiner Frau Susi im Nordstadt-Krankenhaus von Hannover

Am Abend des 17. Februar 1982 war Uli Hoeneß bester Laune. Mit seinem Freund Helmut Simler, einem Verlagsdirektor, bestieg der damals 30-Jährige sechs Uhr eine zweimotorige Maschine des Typs Piper Seneca. Die beiden wollten an jenem Mittwoch von München nach Hannover fliegen, um sich die Partie der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Portugal anzusehen. Hoeneß setzte sich im Flugzeug nach hinten rechts. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er nicht, dass ihm diese Entscheidung das Leben retten sollte.

Der Manager des FC Bayern, der drei Jahre zuvor das Amt beim Münchner Traditionsklub übernommen hatte, hatte am Nachmittag noch Verhandlungen mit Spielern geführt und sich dann kurzfristig entschieden, zum Länderspiel zu fliegen. Er wollte schauen, wie sich sein alter Spezi Paul Breitner wenige Monate vor der Weltmeisterschaft präsentiert. Hoeneß hatte auch Willi O. Hoffmann gefragt, ob er mitkommen wolle. Doch als der damalige Präsident des FC Bayern hörte, dass er mit einer Propellermaschine fliegen sollte, sagte er ab.

Ein wenig Muße kam gerade recht

Noch bevor das Flugzeug mit Hoeneß, Simler und den beiden Piloten vom Flughafen München-Riem abhob, war Karl-Heinz Deppe 500 Kilometer weiter nördlich zur Jagd aufgebrochen. Er pfiff nach seinem Hund, stieg in seinen Geländewagen und fuhr die 18 Kilometer vom Dorf Langenhagen bei Hannover in sein Revier, einen Waldabschnitt bei Brelingen. Es war ein kalter, aber zunächst klarer Tag, und Deppe freute sich auf einige entspannte Stunden. Der Maschinenbau-Ingenieur leitete eine eigene Firma, da kam ein wenig Muße gerade recht. Als es gegen 19.45 Uhr irgendwo im Luftraum über ihm dramatisch wurde, bekam er davon nichts mit.

Bei Hoeneß' Charterflugzeug waren beim Landeanflug Maschinenprobleme aufgetreten. Vielleicht war auch der Tank leer, die Ursache konnte nie ermittelt werden – die Piper besaß keinen Flugschreiber. Pilot Wolfgang Junginger, der bei den Weltmeisterschaften der Skirennläufer 1974 Bronze in der Kombination gewonnen hatte, setzte einen Notruf an den Tower des Flughafens Hannover ab: "Wir haben Schwierigkeiten". Der Fluglotse riet ihm, an Höhe zu gewinnen und nach Norden abzudrehen. Dann brach der Kontakt ab, und wenig später verschwand der blinkende Punkt vom Radarschirm – irgendwo über einem Gebiet, das "Das schwarze Moor" heißt.

Hoeneß bekam von der Panik zunächst nichts mit

Uli Hoeneß war während des Fluges eingeschlafen und bekam von der zunehmenden Panik im Cockpit nichts mit. Vielleicht wachte er auf, als die Piper die ersten Baumwipfel streifte. Vielleicht schlief er auch noch, als die Maschine auf einer Wiese aufschlug, zerbrach und schließlich in einem Weidezaun hängenblieb. Er konnte sich später an nichts mehr erinnern.

Eine gute Stunde später nach dem Unglück packte Karl-Heinz Deppe sein Gewehr ins Auto, legte einen erlegten Fuchs auf eine Decke im Kofferraum und machte sich auf den Heimweg. Es war dichter Nebel aufgekommen, er wollte schnell ins Warme. Doch daraus wurde nichts. "Ich kam durch den Ort Reese. Dort standen viele Wagen mit Blaulicht: Feuerwehr, Polizei, Krankenwagen. Ich kannte einige der Beamten und erkundigte mich, was los sei. Sie sagten: 'Dich schickt der Himmel'", erzählt der heute 73-Jährige.

Die Rettungskräfte befanden sich in einer vertrackten Situation. Zwar wussten sie ungefähr, wo das Flugzeug abgestürzt war. Doch sie fanden das Wrack nicht. Mit ihren Wagen kamen sie auf den kleinen, vereisten Feldwegen kaum voran, der Nebel erschwerte zudem die Suche. Da kam der Lada-Geländewagen des Jägers gerade recht.

"Ich friere, ich friere", waren seine einzigen Worte

Deppe fuhr los und schaltete einen Halogenscheinwerfer ein, den er am Seitenfenster befestigte. Nach zwei Kilometern Fahrt durch die Dunkelheit fand er die Unglücksstelle. "Da war kein Feuer, nur Stille. Ich bin mit dem Wagen auf das Flugzeug zugefahren und habe im Scheinwerferlicht gesehen, wie jemand auf alle Vieren auf mich zugekrochen kam." Es war Uli Hoeneß, der aus der zertrümmerten Maschine geschleudert worden war. "Ich friere, ich friere", waren seine einzigen Worte.

Ein Blick in das zerborstene Flugzeug zeigte Deppe, dass für die anderen drei Insassen jede Hilfe zu spät kam. Leblos hingen die Körper in den Sicherheitsgurten. Nur Hoeneß hatte den Absturz überlebt, weil er nicht angeschnallt gewesen war. Aber sein Leben hing an einem seidenen Faden. Er hatte eine Lungenquetschung, eine Gehirnerschütterung und mehrere Knochenbrüche. Vor allem aber war er stark unterkühlt. Es war mehr als eine Stunde vergangen, seit das Flugzeug zerborsten war – und es herrschten Temperaturen unter null Grad. "Ich habe ihn wie ein Kleinkind aufgehoben und in meinen Armen zum Auto getragen", erinnert sich Deppe. Dann der Schock: "Als ich losfahren wollte, sprang der Wagen nicht an." Er hatte den Motor ausgeschaltet und das Licht brennen lassen. Die Batterie war leer.

"Ohne mich hätte er es wohl nicht geschafft"

Der Jäger breitete die Decke, auf der zuvor der tote Fuchs gelegen hatte, über Hoeneß. Die Jagdbeute warf er in einen Graben. Dann marschierte er mit Hund und Gewehr los. Kurz darauf kamen ihm die Rettungskräfte entgegen. Er führte sie zur Unglücksstelle. Hoeneß überlebte. "Ohne mich hätte er es wohl nicht geschafft. Er wäre an Unterkühlung gestorben", sagt Deppe."Er wusste nicht, wen er da gerettet hatte. Für Fußball hatte sich Karl-Heinz Deppe nie interessiert. "Als sie mir sagten, dass es Uli Hoeneß war, den ich gerettet habe, habe ich gefragt: 'Wer ist Uli Hoeneß?'"

Der einzige Überlebende erholte sich schnell von den Verletzungen. Sein Retter aber hatte lange mit den Folgen jener Nacht zu kämpfen. "Es war ein sehr trauriges Ereignis, es starben drei Personen. Ich habe nachts die Leichen vor mir gesehen", sagt Deppe. Seither habe er nur noch einmal ein Flugzeug betreten, seiner Frau zuliebe.

Hoeneß lud die Retter nach München ein

Am Tag nach den dramatischen Ereignissen kehrte er an die Unglücksstelle zurück. Ganz vorbildlicher Waidmann holte Deppe den Fuchs, den er tags zuvor zurückgelassen hatte. Aus dem Fell des Tieres ließ er eine Stola anfertigen. Als Uli Hoeneß ihn und 40 weitere Retter von Feuerwehr, Polizei und Krankenhaus nach München einlud, um sich zu bedanken, schenkte Deppe die Stola Hoeneß' Frau Susi als Erinnerung: "Wenn ich nicht auf diesen Fuchs angesessen hätte, wäre ich wohl nie zu diesem Zeitpunkt an dieser Stelle vorbeigefahren. Wenn wir so wollen, hat also der Fuchs Hoeneß das Leben gerettet."

Und Hoeneß? Er musste nach dem Absturz neun Tage im Krankenhaus bleiben und wollte anschließend sofort zurück ins Büro – Präsident Hoffmann musste ihn in den Zwangsurlaub schicken. Danach stieg Hoeneß zum bedeutendsten Fußballmanager des Landes auf, machte aus dem FC Bayern das Aushängeschild des deutschen Fußballs und erfreut sich mit seinen 60 Jahren bester Gesundheit. Übrigens: Wenn Hoeneß heute in einer kleinen Maschine fliegen muss, setzt er sich immer nach hinten rechts. Wie am 17. Februar 1982.

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