23.12.12

Geniale Strophen

"Last Christmas" – nervtötend, aber ein Meisterwerk!

Sie kennen "Last Christmas"? Klar. Wirklich? Logisch! Dann pfeifen Sie jetzt mal das Lied! Oh – das klappt nicht? Kein Wunder: Der umstrittene Weihnachtsklassiker ist ein komplexes Meisterwerk.

Jahr für Jahr führt "Last Christmas" von Wham! zwei Hitlisten garantiert an: Es ist die Nummer eins der meistgespielten Weihnachtslieder. Und es ist die Nummer eins bei den Umfragen zum nervigsten Weihnachtslied.

Eine aktuelle Auswertung des Programms Web-Analyzer.com ergab, dass "Last Christmas" das mit Abstand meistdiskutierte Weihnachtslied ist. 3800 Mal wurde der Song in diesem Jahr bei Facebook und Twitter sowie in Foren und Blogs genannt.

Im Durchschnitt standen dabei zwei positive Beiträge einem negativen Kommentar gegenüber. (Auf Platz zwei folgt übrigens "Stille Nacht" mit 2350 Erwähnungen). Und erst in der vergangenen Woche schloss sich ein Radiomoderator in sein Studio ein und spielte "Last Christmas" 14 Mal hintereinander – bis ihn aufgebrachte Kollegen zur Vernunft bringen konnten.

Die Gründe für die äußerst polarisierende Wirkung des 1984 erschienen Werkes sind schnell gefunden: Die tragende Melodie geht in ihrer Lieblichkeit schnell an die Schmerzgrenze, die Arrangements klingen für heutige Ohren wie ABC-Geklimper auf einem Nikolaus-Keyboard.

Auch stört sich so mancher am schon reizend naiven Video zum Song, das von einer Pärchen-Weihnachtsfeier im verschneiten Gebirge erzählt. Und die Föhnfrisuren der Protagonisten geben Kritikern jede Menge Munition. Andererseits sind es genau diese Dinge, die "Last Christmas" zu dem machen, was man so gern "Kult" nennt.

Ein großer Trugschluss

Wie auch immer: Viele Menschen lieben es, viele hassen es, aber jeder – und wirklich jeder – kennt es. Zumindest glaubt jeder, es zu kennen. Ein großer Trugschluss!

Denn wenn es darum geht, das Lied spontan zu intonieren, gelingt den meisten gerade mal der Refrain. Doch bei der Strophe müssen viele passen, obwohl sie das Stück mindestens Hundert Mal gehört haben. Wie kann das sein?

Während der "Last Christmas"-Refrain in seiner genialen Schlichtheit für das normale Ohr sofort zu erfassen ist, handelt es sich bei den beiden Strophen um äußerst komplexe Gebilde, die jede Art von Eingängigkeit und Wiederholung vermeiden.

Hört man gezielt in die Strophen hinein, fällt George Michaels unkonventionelle Melodieführung auf, die praktisch keine Parallelen zum Refrain aufweist – obwohl die Instrumentierung praktisch identisch bleibt und sogar die Akkorde ("Last Christmas" besteht ausschließlich aus D-Dur, h-Moll, e-Moll und A-Dur) unverändert bleiben.

Viel Gegensatz

Ein Blick in die Noten bestätigt den Eindruck der Gegensätzlichkeiten: klare Zählzeiten und unspektakulär fließende Melodie im Refrain, zerhackte Passagen mit großen Tonsprüngen in den Strophen.

Bis auf Takt sechs unterscheidet sich die zweite Strophe komplett von der ersten – ein in der Popularmusik höchst ungewöhnlicher Vorgang. Praktisch kein Top-40-Hit im Formatradio kann sich eine derartige Varianz innerhalb weniger Sekunden leisten.

Die Melodieführung wird in der zweiten Strophe zudem komplizierter, auch die Reimstruktur ändert sich. Erst ab dem ersten Teil der zweiten Hälfte entwickelt sich aus all den Versatzstücken doch noch eine griffige Phrase ("... face on a lover with a fire in his heart ..."), die so viel harmonisches Potenzial besitzt, dass sie später in den Refrain eingearbeitet wird.

Wie kompliziert und unbekannt diese Strophenteile sind, zeigt nicht zuletzt der Umstand, dass man viele Coverversionen (die im Gegensatz zum Original mit der Strophe beginnen) erst sehr spät als "Last Christmas" identifizieren kann. Beispielsweise bei der wunderbaren Interpretation von Erlend Oye.

Klassische Variation

Dieses Prinzip der auf einer unveränderlichen Basis vorrückenden musikalischen Veränderung ist eine Variation im klassischen Sinn. Insofern gehört "Last Christmas" zu jenen Werken, die Musikwissenschaftler als "durchkomponiert" bezeichnen – ein Lied also, dessen innere Stabilität nicht allein auf Wiederholung begründet ist, sondern das sich durch motivisch-thematische Arbeit weiterentwickelt.

Genau genommen reiht sich der Komponist George Michael ein bei den großen deutschen Songwritern des 19. Jahrhunderts, Franz Schubert und Johannes Brahms. Ihre Kunstlieder konnten trotz bisweilen banalster musikalischer Keimzellen höchste intellektuelle Ansprüche erfüllen.

So wird vermutlich auch dieser Gegensatz von einfach und schwer zum Erfolg von "Last Christmas" beigetragen haben; diese innere Zerrissenheit, die einem auch das mehrfache Hören zur Entdeckungsreise werden lässt. Denn – und auch daran muss erinnert werden – die Melodie des Refrains lag zur Entstehungszeit von "Las Christmas" bereits seit einigen Jahren vor.

Abgekupfert von Barry Manilow

Barry Manilow hatte sie für seinen Song "Can't Smile Without You" komponiert und damit 1978 in den USA einen Nummer-eins-Hit gelandet. Zum Klassiker wurde das auch sonst sehr schlicht gestrickte Werk allerdings nie.

Umso höher ist George Michaels kompositorische Leistung einzuschätzen. Er schaffte es, ein bereits vorhandenes Thema so wirkungsvoll zu variieren, dass daraus ein zeitloser Hit entstand.

Mit Manilow einigten sich Wham! seinerzeit übrigens auf die Zahlung der "Last Christmas"-Einnahmen aus den ersten zwölf Monaten nach Veröffentlichung. Diese gingen an die Benefizorganisation Band Aid. Also noch eine gute Tat. Und eine finanziell beachtliche. Immerhin verkaufte man damals rund 1,4 Millionen Singles.

Dennoch war der Vergleich kein schlechter Deal. Der Song schafft es schließlich jedes Jahr wieder in die Charts. Bei "Last Christmas" hat George Michael einfach mal sehr viel richtig gemacht.

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