23.12.12

Enge Freunde

"Du hast den komplett falschen Partner!"

Was tun, wenn der beste Freund den falschen Partner hat – oder die beste Freundin den falschen Freund? Kritik bringt nichts, aber nachhaken: Warum gibt sich der Freund mit dieser Person zufrieden?

Von Daniela Zinser
Foto: Getty Images/Stone Sub
So mancher Partner ist im Freundeskreis verhasst
So mancher Partner ist im Freundeskreis verhasst

Zu seiner kleinen, privaten Weihnachtsfeier hat er ihn ausgeladen. Diesen mürrischen, phlegmatischen Rechthaber, mit dem seine liebe alte Freundin zusammen ist. Aber es hat Peter, um die vierzig, Informatiker, einiges an Überwindung gekostet, ihr zu sagen: "Du, wenn du ihn nicht mitbringst, wäre ich nicht traurig."

Sie hat gelassen reagiert, wie sie es immer getan hat in den vergangenen eineinhalb Jahren. So lange ist sie, knapp sechzig, mit ihm, dem Besserwisser, zusammen. Er ist mehr als zehn Jahre jünger als sie, arbeitslos, antriebslos, anhänglich. Sie gibt seine Schwächen zu. Aber sie verteidigt ihn auch. Lobt sein Wissen über Kunst, Literatur, Theater. Den Sex. Außerdem habe er eine schwere Kindheit gehabt. Für Peter ist der Typ einfach nur anstrengend: "Er weiß über alles Bescheid, erklärt mir, wie das Internet funktioniert. Er hat ein Problem mit Alkohol und ist schrecklich launisch. Man weiß nie, wann er austickt."

Er erwartet Rundumbetreuung

Mit schwierigen Typen war die Freundin vorher auch immer zusammen, mit solchen, die sich nicht gut in Gruppen einfügen konnten, die zu viel tranken. Aber diesmal ist es schlimmer. Früher waren es Fernbeziehungen, der Rechthaber dagegen ist extra für sie nach Berlin gezogen. Dafür erwartet er Rundumbetreuung.

Ein Treffen nur mit der Freundin, die er nun seit zwanzig Jahren kennt, ist für Peter kaum noch drin. "Die Freundschaftssituation ist dadurch völlig verändert", sagt Peter. Er kann zwar mit ihr darüber reden, den Partner kritisieren, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Und an der Lage ändert sich nichts. "Ich frage mich ständig: Wie geht man damit um?" Wie verhält man sich, wenn man den Partner einer Freundin einfach unmöglich findet? Ein Problem, unter dem viele Freundschaften leiden.

Man muss die Beziehung akzeptieren

Psychotherapeut Wolfgang Krüger, Autor des Buches "Wie man Freunde fürs Leben gewinnt" (Herder Verlag), kennt solche Fälle aus seiner Berliner Praxis und aus seinem Privatleben. Er bietet Freundschaftskurse für Menschen an, die zu wenige Freunde haben, und Freundschaftsberatung für Freunde, die gemeinsam an den Konflikten, die es zwischen ihnen gibt, arbeiten wollen.

Für Krüger ist zuallererst einmal klar: "So verstörend es ist, dass da plötzlich ein Partner ist, der so gar nicht zu der Freundin passt: Ich muss das respektieren." Aber in Zeiten, in denen laut Umfragen Freundschaften immer wichtiger werden und einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen zufolge für 74 Prozent der Deutschen Freunde ein Art zweite Familie sind, wiegt so eine "falsche" Partnerwahl der Freundin umso schwerer. Und natürlich sagt sie auch etwas über sie selbst aus.

Nachhaken statt kritisieren

"Wir wählen, wie es unserem Lebensmut entspricht", sagte der Philosoph Friedrich Nietzsche. Das passt gut auf Marie und ihre Freundin Anne. Marie ist Grafikerin, Anfang dreißig, und kennt Anne, Buchhändlerin, seit der Schulzeit. Annes Partner nennt Marie nur "den freudlosen Freund". Blass, schlecht gelaunt, die menschgewordene Askese. Wenn er unpässlich ist, muss Anne das Treffen mit Marie absagen, wenn sie zu dritt etwas unternehmen, bestimmt er, was. "Es geht immer nur um seine Bedürfnisse, seinen Geschmack, seine Weltsichten", sagt Marie. Sie zieht sich immer mehr zurück.

Ständige Einmischungsversuche sind für Krüger keine Lösung. Aber Fragen sollte man der Freundin stellen. Zum Beispiel: Was gefällt dir denn an ihm? Hast du seine Familie schon kennengelernt? Was weißt du über seine früheren Beziehungen? Gibt es Konflikte? Ist dir aufgefallen, dass er das und das immerzu tut? "Diese Fragen haben etwas Aufwühlendes und wahren doch den nötigen Abstand. Die Freundin nimmt daraus die kritischen Beobachtungen mit, ohne sich ständig kritisiert zu fühlen", sagt der Psychotherapeut.

Wenn sie das Gesprächsangebot annimmt, könne man ruhig weiterfragen. Zum Beispiel, ob sie schon häufiger solche Typen hatte, ob sie ein sich wiederholendes Muster in ihrer Männerwahl sieht? Was sie von der Beziehung erwartet? "Man muss sich immer fragen: Was bekommt die Freundin von ihrem Partner zurück? Denn irgendeinen Ausgleich wird es geben, auch wenn sie auf den ersten Blick draufzahlt", sagt Psychologe Krüger.

"Aber immerhin will er mit mir zusammen sein"

Irgendwann wollte auch Marie nicht mehr verhehlen, dass sie Annes Freund egoistisch und unmöglich findet. Die schlichte Antwort ihrer Freundin: "Aber immerhin will er mit mir zusammen sein." Der riesige Minderwertigkeitskomplex, der aus Annes Worten spricht, hat Marie richtig wehgetan. Seitdem findet sie die ganze Beziehung noch schrecklicher. Aber sie will Anne mit Kritik nicht noch mehr verunsichern.

In solchen Fällen helfe es, den Lebensmut der Freundin zu stärken, sagt Krüger. "Was man ungeniert machen kann, ist der Freundin zu sagen, was man alles an ihr toll findet, was sie von anderen unterscheidet. Es ist immer ganz bemerkenswert, wie Menschen aufblühen, wenn man ihnen einen positiven Spiegel vorhält." Ihre Selbstachtung nehme zu, sie würden sich Dinge trauen, die vorher undenkbar gewesen wären, und so vielleicht aus eigenem Antrieb aus einer Partnerschaft herauswachsen, die eigentlich nur auf Mutlosigkeit basierte.

Was sagt die Partnerwahl über den Freund aus?

Auch Peter fragt sich immer wieder, warum diese coole, dynamische, so unspießige und jung gebliebene Frau mit dem tollen Humor so einen phlegmatischen Typen gewählt hat. Einen, von dem sie sogar sagt, sie habe das Gefühl, sie müsse sich um zwei kleine Kinder kümmern: um ihre alte Mutter und um ihn. "Vielleicht ist es eine Art Torschlusspanik, und sie denkt, mit fast sechzig kommt da sonst nicht mehr viel", vermutet Peter.

Könnte durchaus sein, sagt Therapeut Wolfgang Krüger. Vielleicht habe sie als Kind alle Bindungen als brüchig erfahren und daraus zwei Konsequenzen gezogen: sich auf niemanden mehr zu verlassen und das Bedürfnis nach Nähe mit Helfen zu kompensieren. Und jemand, der gefühlt unter ihr steht, birgt weniger Gefahr, sie zu enttäuschen. "Man muss den Freund von der Kindheit her begreifen", sagt Krüger. Im Grunde wüssten wir erschreckend wenig über unsere Freunde.

Mit Zuspruch und Empathie helfen

Anders als die Familie oder den Liebespartner kennen wir Freunde fast nur aus der Gegenwart, und auch da nur in Ausschnitten, sagt der Psychotherapeut. "Wir müssen herausfinden, wie jemand tickt, wie sein inneres Betriebsprogramm ist." Krüger selbst ist dafür mal mit einem Freund, den er seit zwanzig Jahren kannte, in dessen Heimatstadt Wien gefahren. Er hat sich von ihm die Orte seiner Kindheit zeigen lassen, die Fotoalben, hat sich die Geschichten zu den Bildern angehört. "Da merkt man dann, welche Defizite es gab, welche schwierigen Situationen." Erst wenn man die inneren Gesetzmäßigkeiten verstehe, sagt Krüger, laufe man nicht mehr ständig gegen eine Wand.

Aber natürlich sei das anspruchsvoller und anstrengender, als einfach nur zu kritisieren. Und dann? "Wir müssen ertragen, dass der andere die falsche Entscheidung trifft", sagt der Experte. "Ich hatte eine Freundin, deren Partner hatte ein Alkoholproblem. Man ahnte, im Effekt kann Gewalt dazukommen. Ich konnte sie zwar nicht abhalten. Aber ich habe mir ihr ganzes Leben angehört und versucht, ihre Selbstachtung zu fördern." Warum nicht auch in Freundschaften mal einen Brief schreiben, in dem steht, warum man sich mag? Seine Patienten ermuntert Wolfgang Krüger dazu, ihre Freunde zu bitten, drei oder vier positive Eigenschaften aufzuschreiben. Es kämen seitenlange Briefe zustande. "Solch differenzierte Anerkennung geht einem lebenslänglich nicht mehr aus dem Kopf. Das wühlt einen auf, trägt einen, verändert einen", sagt der Psychologe.

Freunde können auch Forderungen stellen

Bis all das greift, kann man aber durchaus Forderungen stellen. Etwa, sich mit der Freundin allein zu treffen, zumindest jedes dritte oder vierte Mal. Und es sei auch okay, darum zu bitten, dass der Partner bei einer Einladung zu Hause bleibt. Wenn es nicht gerade an Silvester ist oder bei Hochzeitsfeiern, wo man Paare einfach nicht trennen kann.

Zu Peters Weihnachtsfeier kam die Freundin allein. Tags zuvor hatte sie ausgiebig mit ihrem Partner gefeiert, sie hatte sich den Ausgang verdient. Lange blieb sie nicht. Zum Abschied sagte sie, sie sei optimistisch, dass alles besser werde in nächster Zeit. Mit ihm, mit ihr, mit ihren Freunden. Peter würde gern daran glauben.

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