21.12.12

"Das Ernste"

Wie die ARD ihr Humor-Defizit kompensieren will

Das kommt davon, wenn das Erste mit lustig Ernst macht: Ein 999-seitiger Notfallplan zur Bekämpfung des Humor-Defizits. Immerhin hielt die neue ARD-Satireshow, was ihr Titel versprach.

Foto: rbb/ARD

Sara Kelly-Husain als Claudia Roth im Bundestag
Sara Kelly-Husain als Claudia Roth im Bundestag

Mit dem Humor im Ersten ist das so eine Sache. Man sieht ihn nicht. Man riecht ihn nicht. Man hat neulich nur gehört, wie er die angezogene Handbremse gelockert hat. Es war an dem Tag, als ARD-Programmdirektor Volker Herres ein "Humordefizit" beklagte und die Umsetzung eines 999-seitigen Notfallplans zu seiner sofortigen Bekämpfung anordnete.

Was dabei herauskam, war am Freitagmorgen um null Uhr zu begutachten, und zwar für diejenigen, die nicht schon über dem lauwarmen satirischen ARD-Jahresrückblick eingenickt waren, inoffizieller Arbeitstitel: "Nu(h)r gegähnt."

Nein, die Welt ging nicht unter, wie es die Mayas prophezeit hatten. Es kam noch schlimmer: Das Erste machte Ernst mit lustig. Es zeigte den Piloten einer Satiresendung, die es sich selber verordnet hat, quasi als Schocktherapie.

Satire mit Werbepausen

Es handelt sich um die Parodie seiner "Tagesschau" , mit dem Nussknacker Jo Brauner als Co-Moderator, mit einem Krisengipfel der fünf ARD-Talker, einer fürchterlich verrutschten Kanzlerparodie und – na, wo gibt's denn so was? – Werbepausen. Man war sich nicht ganz sicher, ob die Apokalypse nicht doch die originellere Alternative gewesen wäre.

Das "Ernste" startete mit einer Liveschalte zu "Anne Will", eine Schrecksekunde lang glaubte man, die ARD-Mittwochsfrau hätte sich im Wochentag geirrt, Tranquilizer geschluckt oder eine Perücke aufgesetzt. Aber nein, es war gar nicht sie, sondern ihre Parodistin, Sara Kelly-Husain. Sie kündigte den Höhepunkt der neuen Satireshow schon im Vorspann an: ein Patentrezept für ein Problem, das das Erste derzeit noch mehr belastet als Humordefizit. "Talkshows in der ARD – wie viel Gesülze verträgt das Erste?"

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Schmerzgrenze, sie ist noch nicht erreicht. Geht es nach dem Ensemble um den smarten Anchorman Florian Schroeder, dann sperrt die ARD Willmaischbergerplasbergbeckmannundjauch künftig täglich von 22.30 Uhr bis vier Uhr morgens in ein Studio ein, damit sie untereinander über so brisante Fragen wie die diskutieren können, wer jetzt eigentlich wem die Gesten abgeguckt hat, den "investigativen Blick" oder den "vorwitzigen Finger am Kinn".

Humor-Lücke schließen

Was dabei herauskommt, exerzierte die Truppe vor: Krawalltalk. Die eigentliche Pointe dieses Sketches verstand man nur, wenn man wusste, wie die ARD auf die hirnrissige Idee kommen konnte, dieses absurde Gipfeltreffen ausgerechnet um Mitternacht zu versenden.

In der Pressestelle heißt es, man sei wild entschlossen, die Humorlücke im Programm zu schließen, leider gäbe es dafür derzeit aber keinen Sendeplatz. Infrage käme der späte Abend, doch diese Schiene sei schon besetzt. Talk total. Zwar sollen die Verträge für die Moderatoren 2013 auslaufen. Möglicherweise muss dann wenigstens einer von Fünfen den Stuhl räumen – zur Diskussion stehen die Namen Reinhold Beckmann oder Anne Will.

Doch möchte man anstelle des Beichtonkels der Nation oder der Mittwochsfrau wirklich eine enthemmte Kanzlerin mit halbseitiger Gesichtslähmung und andere Geisterfahrer sehen, die neben den "Geissens" und anderen täuschend echten Figuren aus dem mehrfach preisgekrönten Parodien-Stadl "Switch Reloaded" (ProSieben) aussehen wie gewollt und nicht gekonnt?

Es entbehrt nicht der Tragik, dass der Erfinder des "Ernsten", Georg Kappenstein, eigentlich wissen müsste, wie man es besser macht. Schließlich hat er als ehemaliger Executive Producer und Chefautor jahrelang zum Erfolg von "Switch Reloaded" beigetragen.

Jetzt will er das Prinzip Parodie übertragen, vom TV-Format auf die Politik. Es ist hierzulande die einzige Lücke auf dem Satiremarkt, die noch nicht besetzt ist. Den Alltag im "Raumschiff Reichstag" seziert das ZDF schon leichthändig in seiner mehrfach preisgekrönten "Heute-Show". Und wer es tiefgründiger mag, den bedienen die Mainzelmänner mit "Neues aus der Anstalt".

An der Maske wird gespart

Die Idee, Politikerparodien ein Eigenleben führen zu lassen, hat durchaus Charme. Und mit Florian Schroeder (Steinbrück, Jauch, Gauck, Altmaier und Löw) oder Sara Kelly-Husain (Claudia Roth) hat das Erste auch Talente gefunden, die die Originale verblassen lassen könnten, wenn nicht an der Maske gespart werden müsste.

Eine ganze Sendung aber trägt diese Idee nicht. Das zeigte ausgerechnet die schon lange versprochene Homestory bei der Kanzlerin. Merkel (Antonia Romatowski) hat sich häuslich eingerichtet im Gelsenkirchener Barock. Sie pflegt ihre Bonsai-Sammlung und nennt ihren Mann "Igelchen". Und im Flur hängt ein Foto, das sie zusammen mit dem Dalai Lama zeigt – beim "TV-Total-Turmspringen."

Das ist Humor auf dem Niveau von Zuschauern, die die "Tagesschau" nur noch aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen. Ein Philipp Rösler (Marti Fischer), der mit Lego spielt. Ein SPD-Kanzlerkandidat, der sich von Harald Glööckler (Thomas Nicolai) für den Wahlkampf umstylen lässt – als Harald-Glööckler-Lookalike. Ein Peter Altmaier (Florian Schroeder), der Hartz-IV-Empfängern bei der Energiewende hilft, indem er ihren Kühlschrank entrümpelt.

Das sind Lachnummern, keine Parodien. Fortsetzung folgt? Nein, bitte nicht, liebe Humorbeauftragten der ARD. Geht ruhig wieder zur Tagesordnung über. Und bevor Ihr den nächsten Versuch einer Satire startet, nehmt ein paar mehr Euros in die Hand und die Pappnasen ab.

Und jetzt das Wetter.

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