20.12.12

Raubvogel-Attacke

Studenten erhalten Note 1,0 für Video-Fake

Ein Raubvogel greift ein Kind an und will mit der Beute davonfliegen. Millionen bestaunen das Video und verbreiten es im Internet. Dann stellt sich heraus: Es ist das 3D-Werk von Filmstudenten.

"Was ist das grausige Geheimnis der Vögel? Was führen sie Böses im Schilde?" So endet der Trailer zu einem der Klassiker des Horrorfilms, Alfred Hitchcocks "Die Vögel". Im Film stürzen Möwen auf die Menschen herab, Sperlinge dringen in Scharen in Häuser ein und Krähen attackieren Kinder.

So wie sich in den 1960er-Jahren die Kinobesucher gruselten, erschauderten am Mittwoch Millionen Menschen weltweit. Was sie in einem verwackelten Video auf der Plattform YouTube sahen, ähnelte erschreckend den 50 Jahre alten Hitchcock-Bildern.

Ein Steinadler kreist in dem kurzen Clip erst majestätisch über dem Park Mont Royal in Montréal, dann geht er zum Angriff über. Blitzschnell stürzt er vom blau-weißen Himmel und nimmt ein kleines Kind ins Visier. Die Videokamera folgt den Flügelschlägen, der Adler greift nach dem Baby und packt es mit seinen Krallen.

Eine Million Klicks nach wenigen Stunden

Offenbar scheint das Tier das Gewicht des Kindes unterschätzt zu haben, es schlägt verzweifelt mit den Schwingen und lässt seine vermeintlich sichere Beute dann aus einem Meter Höhe wieder fallen. "Oh, shit", ruft der Filmer aufgeregt und läuft mit der Kamera zu seinem jungen Sprössling. Das Kind weint zwar, es scheint ihm aber gut zu gehen. Im Video wird die Szene des Angriffs noch einmal in Zeitlupe wiederholt, untermalt mit dramatischer Musik.

Als der Film bei YouTube auftaucht, dauert es nicht lange, bis er ein sogenannter "viraler Hit" wird. Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreitet sich der exakt 60-sekündige Film rasend schnell, schon nach wenigen Stunden hat die spektakuläre Szene mehr als eine Million Zugriffe. Onlinemedien und TV-Sender weltweit werden auf das Video aufmerksam, auch Berliner Morgenpost berichtet online über den Steinadler.

Nutzer scherzen über einen "vorgezogenen Weltuntergang" und erinnern an Hitchcocks Klassiker. Schon nach kurzer Zeit beginnen andere, das Video genau zu analysieren. Sie zerteilen den Film in einzelne Schnipsel und erkennen, dass an bestimmten Stellen der Schatten des Tieres zu plötzlich erscheint, der des Kindes in der Luft aber fehlt. Ornithologen werden zu Rate gezogen; die wissen, dass kleine Kinder dieser Größe tatsächlich zum Beuteschema von Steinadlern gehören, es sich aber wohl um ein gezähmtes Tier handeln müsse.

Note 1,0 für 100.000 Youtube-Aufrufe

Der virale Hit – am Ende nur eine dreiste Fälschung? Das Ergebnis kommt wenige Stunden danach: Aus dem kanadischen Montreal, wo der Film laut Beschreibung auch aufgenommen sein soll, meldet sich das staatliche Zentrum für Animation und Design (NAD). In einem Blogeintrag vermeldet die Hochschule nicht ohne Stolz, der Film "Steinadler greift sich Kind" sei von vier ihrer Studenten kreiert worden.

Weder der Adler noch das kleine Kind sind echt, sondern per 3D-Animation erstellt und anschließend am Computer in Originalaufnahmen aus dem Park eingefügt worden. Auch dieser Punkt war von den Kritikern angezweifelt worden. Auf den Aufnahmen ist Montreal in herbstlicher Atmosphäre zu sehen – zurzeit liegt in der Stadt aber eine dichte Schneedecke. Wer jedoch sollte einen solch spektakulären Film im Herbst aufnehmen und dann erst Mitte Dezember ins Internet stellen?

Jemand, der lange genug daran arbeitet, um eine gute Note zu bekommen. Normand Archambault, Loïc Mireault, Antoine Seigle und Félix Marquis-Poulin studieren an der NAD im fünften Semester "3D-Animation und digitales Design". Ihr Professor gibt den Studenten im Oktober eine klare Aufgabe: Erschafft einen sogenannten "Internet-Hoax", eine Falschmeldung, die um die Welt geht. Sollte der Clip bei YouTube 100.000 Klicks erreichen, würden die Studenten mit der Note 1,0 belohnt.

Produktionsfirmen bieten den Studenten Jobs

Einer kanadischen Zeitung sagte Normand Archambault: "Wir haben uns andere Videos angesehen und uns dann dafür entschieden, etwas mit Tieren und Babys zu versuchen." Diese Mischung schien die meisten viralen Hits zu produzieren. Claude Arsenault, Pressesprecherin der NAD, sagte der Berliner Morgenpost, das Ziel des Kurses sei gewesen, die Grenzen von 3D-Animationen auszuloten.

"Die Studenten werden ausgebildet, um bei Film und Fernsehen zu arbeiten. Sie sollten einen perfekten, möglichst glaubhaften Hoax (zu deutsch auch: Scherz, Jux) produzieren. Je mehr Leute es glauben, desto besser haben sie gearbeitet." Bereits vor einem Jahr hatten Studenten im selben Kurs der Hochschule ein solches Video produziert. Damals war ein Pinguin scheinbar durch die Straßen von Montréal gewatschelt, über Kanada hinaus bekam der Clip aber kaum Aufmerksamkeit.

Der Raubvogel und das Baby hingegen trafen offenbar den Nerv der Internet-Nutzer. Am Donnerstagabend stand der Zähler des Originalvideos bereits bei 18.025.722. Die vier Studenten werden ihr Studium im Frühjahr abschließen. Mit dem Steinadler-Video als Arbeitsprobe sollten sie wenig Schwierigkeiten haben, einen gut bezahlten Job in der Filmbranche zu finden. Erste Produktionsfirmen haben sich laut Arsenault bereits bei der Uni gemeldet.

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