19.12.12

Unter Sklavenhaltern

Tarantinos "Django" fast so gut wie "Pulp Fiction"

Quentin Tarantinos "Django" läuft in Deutschland ab Januar in den Kinos. Es ist die Geschichte eines Sklaven, der Rache an den Weißen nimmt. Auf der Tarantino-Rangliste steht der Film weit oben.

Quelle: Sony Pictures
08.01.13 4:10 min.
In den Hauptrollen Christoph Waltz, Jamie Foxx, Samuel L. Jackson und Leonardo DiCaprio. Im Interview verrät Waltz, warum Regisseur Quentin Tarantino ein Genie-Streich gelungen ist.

Zum Ende von "Inglourious Basterds" flog ein Kino mit Hitler, Goebbels & Co. in die Luft, und am Schluss von Quentin Tarantinos neuem Film "Django Unchained" explodiert hinter dem Helden Jamie Foxx ein prachtvolles Herrenhaus, wie man es aus den Tourismusprospekten der amerikanischen Südstaaten kennt. Man könnte nun eine gewisse Einfallslosigkeit bei Tarantino konstatieren und dass er diesmal einfach den Sklavenhaltern das antut, was das letzte Mal die Nazis abbekommen haben.

Doch das wäre eine höchst oberflächliche Sicht eines Films, der die Tarantino'schen Markenzeichen – äußerste Brutalität, aberwitzige Dialoge, lustvolle Filmgeschichtszitate – bewahrt, ihnen aber eine neue Dimension hinzufügt: Noch nie hat ein Film von ihm die Realität eines Milieus derart präzise beschrieben, in diesem Fall eines historischen.

Hollywood war blind für die Sklaverei

Die Sklaverei war seit hundert Jahren das blinde Auge von Hollywood. Dort dürften im Lauf der Zeit hundert Mal mehr Filme über die paar Quadratkilometer von Manhattan entstanden sein als über ein System, das ein Jahrhundert lang die Grundlagen für den Wohlstand einer Weltmacht legte. Wenn sich schon ein Film damit beschäftigte, diffamierte er die Schwarzen (wie D.W. Griffiths "Die Geburt einer Nation") oder nostalgisierte die Unterdrückung ("Vom Winde verweht") oder konzentrierte sich auf den einen Fall in Millionen, in dem Sklaven Gerechtigkeit widerfuhr (Spielbergs "Amistad").

Die Glacé-Handschuhe, mit denen Hollywood bisher diesen Schandfleck anpackte, hat Tarantino nun ausgezogen. Gewiss, von ihm waren von Ketten wundgescheuerte Fußgelenke, explizite Auspeitschungen und Gladiatorenkämpfe bis zum Tode zu erwarten, und es gibt sie auch reichlich in der Geschichte des Sklaven Django (Jamie Foxx), der von dem Kopfjäger Dr. Schultz (Christoph Waltz) aus eigensüchtigen Gründen befreit wird, sich aber an dessen Seite emanzipiert, mit dem Revolver und einer coolen, schwarz getönten Brille.

Eine Plantage inszeniert wie ein Großunternehmen

Doch irgendwann, nach einer guten Stunde dieses Dreistünders – nachdem Django und Schultz gegenseitig Respekt gewonnen haben, nachdem sie auf nie gesehene Weise aus einem von Waffenstarrenden umstellten Saloon entkamen, nachdem der Ku-Klux-Klan komplett lächerlich gemacht worden ist – wird "Django Unchained" unter der Oberfläche seiner Brutalitäten immer subtiler. Ein solches Porträt dieser Sklavenhaltergesellschaft hat es auf der Leinwand noch nicht gegeben. Wir bekommen ganze Hierarchien aufgeblättert, auf der weißen wie der schwarzen Seite, bei denen dicht unter der Oberfläche südstaatlicher Höflichkeit und Gastfreundschaft immer die Peitsche bereit liegt.

Tarantino inszeniert die Plantage von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) wie ein Großunternehmen der Gegenwart (abzüglich des Firnis von 150 Jahren weiterentwickelter Zivilisation). Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, sondern erklärte Absicht; "eine der Sachen, die mich an den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg interessiert, ist die Tatsache, dass Sklaverei dort das Äquivalent dessen war, was heute große Konzerne sind" hat der sonst unpolitische Tarantino schon erklärt.

Zählen, wie oft das Wort "Nigger" gesagt wird

Wenn "Django Unchained" am 17. Januar bei uns in die Kinos kommt (in den USA am 25. Dezember) wird noch über viele Aspekte zu reden sein: die Referenzen an den Original-"Django" (Franco Nero tritt in einer kleinen Rolle auf), den Einsatz von Italo-Western-Musik (und Tarantinos Hineinschmuggeln von Fremdkörpern, wie des Rap-Songs "100 Black Coffins" oder eines Marsches aus dem Nicaragua-Film "Under Fire"), die quasi Dreiteilung der Hauptrolle (die erste Stunde Waltz, die zweite DiCaprio, die dritte Foxx), das doppelte Ende (nach dem eigentlichen Höhepunkt geht es noch eine halbe Stunde weiter, für die Ballerei-Fraktion) oder die Darstellung der Schwarzen (die paternalistisch von Weißen befreit werden). Und es wird sicher einen geben, der den ganzen Film über nur zählt, wie viele Dutzende Male das verpönte Wort "Nigger" mit Genuss ausgestoßen wird. Auf jeden Fall ist es eine seltene Freude, einen Film zu treffen, über den man so viel reden kann. In der ewigen Tarantino-Rangliste steht "Django" gleich hinter "Pulp Fiction".

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