19.12.12

Late Night

Viel Schicksal, wenig Spannung bei Markus Lanz

Bei "Wetten, dass..?" sinkt die Quote. Und nicht nur Tom Hanks lästert über Markus Lanz. In seine Talkshow hat er jetzt die Comedy-Ikone Gaby Köster eingeladen. Kommt mit ihr der alte Schwung zurück?

Von Alexander Jürgs
Foto: pa/BREUEL-BILD
Markus Lanz ZDF Talkshow
Gast bei Markus Lanz: Gaby Köster hätte viel zu erzählen gehabt, allein es fehlten die richtigen Fragen

In seiner Haut möchte man nicht stecken. Für den neuen "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz läuft es gerade alles andere als gut. Tom Hanks' Lästereien über den sackhüpfenden Moderator wird so schnell niemand vergessen, die Kritiker zerreißen unisono seine Show und die Quoten sind, naja, ausbaufähig.

Keine neun Millionen Zuschauer waren es bei seinem letzten "Wetten, dass..?"-Auftritt. Das Debüt als Gottschalk-Nachfolger verfolgten noch 13,6 Millionen Zuschauer. Lanz könnte einen Befreiungsschlag also gut gebrauchen.

Die Voraussetzungen dafür waren bei der jüngsten Ausgabe seiner regulären Talkshow erstmal nicht schlecht: Zwei überwältigende Schicksalsschläge, zwei Comedians und ein Wissenschaftler, der die Psyche von Mördern ausleuchtet, sollten eigentlich genügen, um eine spannende Stunde Fernsehunterhaltung zu absolvieren.

Doch dieser Abend blieb weitestgehend dröge – und das lag nicht an den Gästen.

An Gaby Köster kommt Lanz nicht heran

Gaby Köster war da. Die Kölner Comedy-Ikone ("Ritas Welt") erlitt 2008 einen Schlaganfall und verschwand danach für drei Jahre aus der Öffentlichkeit. 2011 feierte sie mit ihrem Buch "Ein Schnupfen hätte auch gereicht: Meine zweite Chance" ein Comeback.

Ab Januar will sie damit auf Lesetour gehen, zurück auf die Bühnen – trotz immer noch großer gesundheitlicher Probleme. Dass sie die linke Hälfte ihres Körpers kaum bewegen kann, ist nicht zu übersehen.

Lanz kommt an Köster nicht heran, will es vielleicht auch gar nicht. Er spricht mit ihr über Probleme im Alltag, beim Kochen, beim Auto fahren, beim Einkaufen. Ein paar flapsige Fragen über ihren Sohn, ein paar Nachfragen zur Mutter, die für Köster (wieder) zur starken Stütze geworden ist, das war es dann schon.

Wer gehofft hat, etwas über das Schicksal der Kabarettistin zu erfahren, über ihre Gefühle, ihre Ängste, wird enttäuscht.

Und auch die eigentlich so offensichtliche Frage stellt Lanz nicht: Warum Köster, die sich nach ihrem Schlaganfall – auch mit juristischen Mitteln – so sehr darum bemühte, dass die Öffentlichkeit nichts über ihre Krankheit erfährt, genau diese Öffentlichkeit nun wieder so dringend sucht?

Raucht sie oder raucht sie nicht?

Den größten Raum im Gespräch mit Köster nimmt im Endeffekt die Frage ein, ob sie denn nun wieder raucht oder nicht. Da steigt auch der Psychiater Hans-Ludwig Kröber, Buchautor und Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité, ins Gespräch ein und berichtet stolz, dass er seit über zehn Jahren der Nikotinsucht widersteht. Dem legendären "Endlich Nichtraucher"-Buch sei dank. Spätestens jetzt siegt die Langeweile.

Zwischen den Gästen kommt kein echtes Gespräch zustande. Was Markus Lanz fragt, bleibt immer harmlos. Interessant wird es da, wo jemand etwas zu erzählen hat – trotz Lanz.

Wenn Professor Kröber, der sich in seiner Arbeit mit den Motiven von Mördern beschäftigt, ungefragt anfängt, von seiner Vergangenheit als Politaktivist, die ihn in Konflikte mit den Gesetzen brachte, zu berichten. Oder wenn der Ex-Fußballspieler Uli Borowka über seine Alkoholsucht spricht.

Offener Bericht über die eigene Sucht

Sehr offen, sehr sachlich beschreibt Borowka, wie er als junger Profispieler von Borussia Mönchengladbach zum Dauertrinker wurde. Er schildert die Saufrituale, das Weggucken, das Vertuschen der Abhängigkeit, ohne die Schuld für seine Sucht bei anderen zu suchen.

Uli Borowka rekapituliert seinen Niedergang. Er erzählt davon, wie er seine eigene Frau geschlagen hat, wie diese mit den Kindern vor ihm flieht, und wie er beinahe Selbstmord begeht – trotzdem weigert er sich weiter beharrlich, eine Therapie gegen die Alkoholsucht zu beginnen. Das ist schonungslos und ehrlich.

Borowkas Geschichte, die er auch in einem Buch mit dem Titel "Volle Pulle" verarbeitet hat, bleibt aber leider der einzige, kurze Lichtblick in einer zähen Sendung. Den Forensiker Kröber lässt Lanz minutenlang einen alten Fall nacherzählen, bei dem ein Mann den perfekten Mord an seiner ungeliebten Frau plant, aber an Details scheitert.

Man hätte sich spannendere Fragen an den Mann mit größter Nähe zu Mördern gewünscht: Was treibt Menschen zum Verbrechen? Wie gehen sie später damit um, jemanden getötet zu haben? Geben Mörder Gefühle preis?

"Fünfstundenwoche" für Studenten

Und auch zwischen dem Comedian David Werker (der gerade mit dem Comedypreis in der Kategorie "Bester Newcomer" ausgezeichnet wurde) und dem Moderator entsteht keine Reibung.

Werker macht ein paar lustige Sprüche über die Technikferne von Senioren ("Meine Oma hat jetzt HDTV entdeckt und mich gleich gewarnt: Schütz dich bloß, nimm immer ein Kondom"), lästert über Lehrer ("Was für ein Stress: Nach den Sommerferien geht es direkt in die Herbstferien – so schnell kannst du gar nicht buchen") und reitet eindringlich darauf herum, dass er als Student eine echt anstrengende "Fünfstundenwoche" hat. Das ist zwar ganz amüsant, mehr aber nicht.

Nein, das war kein Befreiungsschlag für Markus Lanz. Das war sogar weniger als Mittelmaß. Ein Trost bleibt: Diese Sendung wird man schnell vergessen.

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