17.12.2012, 18:19

Suchtkranken-Hilfe Medikament soll schweren Alkoholikern helfen


Alkoholsüchtig möchte niemand sein. Für viele Alkoholabhängige ist das drängende Verlangen allerdings kaum beherrschbar

Foto: Rudolf / picture alliance / Arco Images G

Alkoholsüchtig möchte niemand sein. Für viele Alkoholabhängige ist das drängende Verlangen allerdings kaum beherrschbar Foto: Rudolf / picture alliance / Arco Images G

Von Shari Langemak

Besonders schwerkranke Alkoholiker schaffen es oft nicht, vollkommen abstinent zu bleiben. Ihnen könnte der Wirkstoff Nalmefen dabei helfen, ihren Alkoholkonsum zumindest einzuschränken.

Die Vorweihnachtszeit ist voller Versuchungen. Nicht nur Weihnachtsteller mit Butterspekulatius und Schoko-Lebkuchen stellen die Willenskraft auf die Probe, sondern auch Hochprozentiges wird einem jetzt überall aufgedrängt.

Auf Weihnachtsmärkten lockt der Geruch von Glühwein, auf Weihnachts- und Familienfeiern werden Feuerzangenbowle und Eierlikör-Punsch großzügig ausgeschenkt.

Oft wird die Zeit des Genusses folgenlos überwunden – mit dem neuen Jahr samt guten Vorsätzen wird das Schlemmen und die Trinkerei einfach wieder aufgegeben. Was aber, wenn das nicht mehr gelingt?

Nur ein Schluck genügt

Wer einmal der Alkoholsucht verfallen ist, hat die Kontrolle über das Trinken komplett verloren. Selbst wer den beschwerlichen Weg bis zur Abstinenz bereits überwunden und dem Alkohol für Jahre entsagt hat, kann durch einen einzigen Schluck Glühwein wieder rückfällig werden. Dann bestimmt wieder der maßlose Genuss allein über den gesamten Tagesablauf.

Bisher konnten sich die Alkoholsüchtigen meist nur selber helfen. Eiserne Disziplin und ständiges Verdrängen des Verlangens – sogenanntes Craving – können die Alkoholabhängigkeit besiegen.

Aber nicht jeder Abhängige schafft diesen Weg. Besonders Patienten, die es gewohnt sind, sehr große Mengen an Alkohol zu trinken, können ihre Sucht nur schwer von heute auf morgen aufgeben.

Hilfe beim Kampf gegen die Sucht

Doch nun sollen gerade diese Patienten Unterstützung beim Kampf gegen die Sucht erhalten. Ein neuer Wirkstoff, Nalmefen genannt, hat kürzlich eine positive Bewertung von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) erhalten. Damit hat das Anti-Craving-Mittel, das unter dem Handelsnamen Selincro vertrieben werden soll, einen entscheidenden Schritt zur Zulassung auf dem deutschen Arzneimittelmarkt bewältigt.

In klinischen Studien hat Nalmefen bereits seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt: Alkoholsüchtige konnten durch Einnahme des Wirkstoffs ihren Alkoholkonsum deutlich reduzieren.

Etwa 2000 Patienten mit hohem Alkoholkonsum haben an den Untersuchungen teilgenommen. Schon nach vier Wochen tranken sie dank Nalmefen mehr als 40 Prozent weniger als zuvor. Nach sechs bis 12 Monaten Therapie war es sogar 60 Prozent.

Block am Opioidrezeptor

Der Wirkmechanismus von Nalmefen ähnelt dem eines Wirkstoffes, der bereits auf dem deutschen Markt zugelassen ist: Naltrexon. Beide sind sogenannte Opioidantagonisten – Medikamente, die im Vergleich zu Opioiden gegenteilige Effekte erzielen.

Körpereigene Opioide sorgen normalerweise mit dafür, dass sich nach dem Konsum von Alkohol ein Glücksgefühl einstellt und das Verlangen danach weiter zunimmt. Genau diesen Effekt blockieren Opioidantagonisten.

"Naltrexon und Nalmefen mindern das Wohlgefühl, das sich infolge des Alkoholkonsums normalerweise einstellt. Auf diese Weise sinkt gleichzeitig das Verlangen nach dem Suchtmittel", sagt Karl Mann, Lehrstuhl für Suchtforschung am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Reduktion des hohen Alkoholkonsums

Obwohl sich das Wirkprinzip der beiden Medikamente ähnelt, sollen sie nach den derzeitigen Bestimmungen ganz unterschiedlich eingesetzt werden. "Der Einsatz von Naltrexon ist für bereits abstinente Alkoholabhängige zugelassen – hier mindert der Wirkstoff das Rückfallrisiko. Nalmefen könnte dagegen auch denjenigen helfen, die es nicht bis zur vollkommenen Abstinenz schaffen, dennoch aber ihren Alkoholkonsum nachhaltig reduzieren wollen", sagt Mann.

Genau das stellt einen ziemlich neuen Ansatz in der Behandlung der Alkoholsucht dar. Denn lange Zeit war die komplette Abstinenz das einzige Therapieziel für jeden Alkoholabhängigen.

Auch andere Einsatzgebiete sind denkbar

Gerade Patienten mit hohem Alkoholkonsum schaffen es allerdings oft nicht, über einen längeren Zeitraum hinweg abstinent zu bleiben. Für sie wäre die Reduktion des Konsums deshalb die nächstbessere Alternative.

Mit jedem Glas Alkohol, auf das diese Patienten verzichten, mindern sie ihr Risiko für tödliche Begleiterkrankungen wie Leberversagen und Blutungen aus Magen und Speiseröhre.

Zunächst wird Nalmefen wohl nur für Patienten mit starkem Alkoholmissbrauch zugelassen werden. Doch es sind auch andere Einsatzgebiete denkbar, fernab der Alkoholsucht. "Rein pharmakologisch betrachtet könnte Nalmefen auch bei anderen Suchterkrankungen wirksam sein. Bisher gibt es allerdings nur eine kleinere Studie zur Spielsucht, eine zweite läuft noch", sagt Mann.

Eine Sucht einfach weg zu blockieren – das kann leider noch eine ganze Weile dauern. Aber zumindest etwas Unterstützung beim Kampf gegen das ständige Verlangen dürfen schwerkranke Alkoholabhängige wohl bald erwarten.

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