17.12.12

ARD-Dokumentation

Das schmutzige Geschäft mit der Schokolade

Die Kinderarbeit auf Afrikas Kakaofarmen machte 2010 Schlagzeilen, Schokoladenhersteller versprachen Hilfe. Ein Dokumentarfilmer hat die Projekte besucht – und dabei Baustellen und Blut entdeckt.

Von Kerstin Rottmann
Foto: NDR/U. Roberto Romano

Mit seinem Film „Schmutzige Schokolade“ machte der dänische Filmemacher Miki Mistrati schon 2010 darauf aufmerksam, dass in vielen afrikanischen Ländern die Kinderarbeit boomt. Hier etwa werden Kakaobohnen sortiert.

7 Bilder

Die Lehmwände bröckeln, der Fußboden ist mit Schlamm bedeckt, vor der Klassenzimmertür liegen Macheten. Schulalltag in der Elfenbeinküste, Afrika.

Die Kamera wandert weiter, fängt Bilder ein von einem Rohbau ohne Dach und mit leeren Fensterhöhlen. Das Gras in dem solide aussehenden Steinbau steht meterhoch. Hier wurde schon lange nichts mehr getan.

Wie lange? Seit drei Jahren, seit 2009. Damals war in dem kleinen Dorf Baubeginn für eine neue Schule, finanziert von der "International Cocoa Initiative" (ICI), einer Vereinigung, die im Auftrag der Internationalen Schokoladenindustrie gegen Kinderarbeit in den Schokolade produzierenden Ländern Afrikas vorgeht.

Kampf dem Menschenhandel

Es waren die Bilder aus der preisgekrönten TV-Dokumentation "Schmutzige Schokolade" (2010 in der ARD zu sehen) des dänischen Journalisten Miki Mistrati, die Unternehmen wie Verbraucher damals gleichermaßen schockiert hatten: Zu sehen waren skrupellose Menschenhändler, die Kinder aus anderen afrikanischen Ländern in die Elfenbeinküste verschleppten, um sie dort auf Kakaoplantagen schuften zu lassen.

Die Firmen – große Namen wie etwa Mars, Nestlé oder die US-Firma Cargill –, die ihren Kakao von den betroffenen Plantagen bezogen, gelobten Besserung. Und sie versprachen viel: den Bau von Schulen, Krankenhäusern und eine faire Bezahlung der Kakaobauern etwa. Was aber ist aus den Versprechungen geworden?

Drei Jahre nach seiner Recherche ist Mistrati noch einmal nach Afrika gereist, um die Aussagen der Industrie an Ort und Stelle auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Er kommt als ungebetener Besucher, als Störenfried gar, das wird gleich zu Beginn der Dokumentation klar (17. Dezember, 22.45 Uhr, ARD).

Recherche in Ghana und der Elfenbeinküste

Die Botschaft der Elfenbeinküste verweigert ihm ein Visum. Einreisen, so heißt es, dürfe er nur auf Einladung der Schokoladenindustrie. Doch alle Verbände und Firmen bescheiden die Anfragen des investigativen Filmemachers negativ.

Mistrati sucht sich einen Mittelsmann vor Ort, den Journalisten Ange Aboa. Dessen Prognose ist schon jetzt vernichtend. Schulen? Wasserversorgung? Bessere Bezahlung für die Produzenten? Fehlanzeige. "Miki, es passiert nichts", sagt Aboa.

Beide Männer treffen sich daraufhin im Nachbarland Ghana. Ihre Mission wird zweigeteilt sein. Aboa wird in der Elfenbeinküste recherchieren, Mistrati in Ghana. Beide, soviel sei verraten, finden wenig Hoffnungsvolles.

Es sind nicht nur die Bilder, auch die präsentierten Zahlen, die ein düsteres Bild von der Lage der Kakaobauern und ihrer Kinder zeichnen. Beispiel Umsatz: 134 Milliarden Euro, sagt Mistrati, habe die Schokoladenindustrie weltweit im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Nach deren eigenen Angaben ausgegebenes Geld für Kinderschutzprojekte in der Elfenbeinküste: 388.000 Euro.

Und selbst die scheinen zu versickern. Mistrati und Aboa entdecken verfallene Schulgebäude, nicht fertiggestellte Neubauten – für die sogar die Dorfbewohner selbst noch Geld gesammelt und gespendet hatten – und Kinder, die auf dem Schulgelände noch ihr Arbeitsgerät, scharfe Macheten mit sich herumtragen.

"Ich muss arbeiten"

Dann fließt Blut. Die Kamera dokumentiert eine tiefe Fleischwunde, die sich ein Junge auf dem Schulgelände selbst geschlagen hat, mit einer Machete. Einem Arbeitsgerät, dass laut internationalen Bestimmungen eigentlich nur in die Hände von über 18-Jährigen gehört.

Auch hier gibt es eine Zahl, die betroffen macht: Laut dem US-Arbeitsministerium verletzten sich allein im Jahr 2011 in der Elfenbeinküste 141.000 Kinder schwer mit den langen Messern.

Der Junge hat Glück: Die Filmemacher fahren ihn ins Krankenhaus, sie bezahlen auch die Rechnung, die seine Eltern nicht hätten bezahlen können.

Macheten auch vor anderen Schulgebäuden, Macheten in den Händen von Kinder auf der Straße, und, etwa im Nachbarland Ghana, auch in den Händen von Kindern, die auf Plantagen arbeiten.

Selbst in den Musterschulen, die in den offiziellen Werbefilmen – etwa für Schokolade der auf dem angloamerikanischen Markt erhältlichen Marke Galaxy – erwähnt werden, treffen die Filmemacher Kinder an, die entgegen aller Beteuerungen auf den Feldern arbeiten.

Beispiel Meagui, Elfenbeinküste: Ange besucht eine Farmerschule, die vom US-Schokoladenhersteller Cargill finanziert wird. Er trifft halbwüchsige Jungen auf dem Gelände, sie kommen aus dem 1500 Kilometer entfernten Burkina Faso.

Warum bist Du hier? Das Kind stottert, "Ich muss arbeiten". Nachfrage auch an Isaka, 13 Jahre alt, ebenfalls aus Burkina Faso. Warum gehst Du nicht in die Schule? "Ich ernte Kakao."

Weiter zu Aboudran, der mal 14, mal 15 Jahre alt ist, genau weiß das niemand. Warum ist er nicht in der Schule? Ein Arbeiter übersetzt: "Er weiß nicht" und ergänzt: "Ich war ja auch nicht da". Die Veränderungen, sie sind, wenn überhaupt, zäh und langsam.

Spurensuche mit Sack

Rechercheur Mistrati etwa ist auf den Spuren eines Musterprojekts in Ghana, das per Strichcode auf den Säcken mit den Kakaobohnen eine Rückverfolgung zum Hersteller erlaubt und so auch Arbeitsbedingungen transparenter macht.

Mistrati verfolgt "seinen" Sack quer durch das Land, es braucht mehrere Versuche, bis er überhaupt einen Sack findet, bei dem die Technik nicht versagt. Am Ende einer Odyssee steht auch hier eine Zahl: Gerade mal zwei Prozent der Kakaoernte von ganz Ghana wird so kontrolliert. Zeit für ein Fazit, Zeit auch für eine Konfrontation mit den Verantwortlichen.

Gegen Ende des Films von Miki Mistrati geschieht nämlich Erstaunliches: All jene Firmen und Vereinigungen, die der Dokumentarfilmer schon zu Beginn für Interviews angefragt hatte, die ihm jedoch absagten, sie wollen nun mit ihm sprechen.

Ihr Motiv ist ebenso schlicht wie selbstsüchtig: Sie wollen sehen, was er herausgefunden hat. Und sie nutzen die Gelegenheit, sich vor den Kameras zu rechtfertigen, ja, sogar noch Positives aus den teils bestürzenden Bildern herauszulesen.

Auftritt Jorgé Lopez, Vizepräsident von Nestlé: "Es ist gut, dass die Verbraucher wissen, wie viel Arbeit in der Schokoladenproduktion steckt", sagt der Manager ohne jede Spur von Ironie. "Garantien", so auch der Mann von der ICI, die doch eigentlich gegen Kinderarbeit vorgehen wollte, die könne man für die eigenen Projekte nicht geben.

Auch andere seien schließlich für die Zustände vor Ort verantwortlich. Und überhaupt: Wenn wir das alles doch nur eher gewusst hätten, lautet der allgemeine Tenor der Entscheider.

"Danke Miki!"

Jorgé Lopez: "Wir haben nichts getan, weil wir nichts wussten." Mistratis Filmbeitrag sei ein Schritt in die richtige Richtung, sagt Lopez weiter, und schiebt hinterher: "Danke Miki!". Der so angesprochene und gleichsam vereinnahmte Filmemacher bleibt sprachlos zurück.

Die letzte Einstellung des Films zeigt Mistratis, wie er vor einem Regal in einem Supermarkt steht. Es ist prallvoll gefüllt mit den Hunderten von Schokoprodukten, die täglich um den europäischen Verbraucher buhlen.

Mistratis sucht in den Regalen. Es dauert ein wenig, dann findet er eine der wenigen Schokoladentafeln, auf denen überhaupt darauf hingewiesen wird, dass der Käufer sich mit seinem Kauf auch für eine Produktion aus nachhaltiger Produktion und ohne Kinderarbeit entscheiden kann.

Es ist ein ernüchterndes Fazit, mit dem "Schmutzige Schokolade II" den TV-Zuschauer in die Nacht entlässt: Auch diese Vereinigung ist beim Vorort-Test der beiden Journalisten durchgefallen.

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