17.12.12

Zwangsprostitution

Die mutige Suche nach der verschleppten Tochter

Seit zehn Jahren sucht Susana Trimarco aus Argentinien ihre Tochter: Marita wurde entführt und muss wohl als Prostituierte arbeiten. Doch die verantwortlichen Menschenhändler wurden freigesprochen.

Foto: dapd

Susana Trimarco will die Suche nach ihrer Tochter nicht aufgeben
Susana Trimarco will die Suche nach ihrer Tochter nicht aufgeben

Es gibt viele schwarze Tage im Leben der 58 Jahre alten Argentinierin Susana Trimarco. Der schwärzeste war dabei sicherlich der 3. April 2002. Damals verschwand ihre hübsche Tochter Maria de los Angeles Verón, die nur "Marita" genannt wurde, spurlos. Der zweitschwärzeste Tag war – bisher – der erst wenige Tage zurückliegende 12. Dezember dieses Jahres.

Da sprach ein argentinisches Gericht in Tucumán nach einem viele Monate dauernden und in der Öffentlichkeit mit größtem Interesse verfolgten Verfahren 13 mutmaßliche Menschenhändler frei, die auch in die Entführung ihrer Tochter verwickelt gewesen sein sollen.

Ein Aufschrei ging durch das Land, denn das Schicksal der Marita Verón ist längst zu einem der wichtigsten Fälle im grausamen Umfeld von Mädchenraub und Zwangsprostitution in Argentinien geworden.

Bei Arztbesuch verschwunden

Aber Susana Trimarco will ihren Kampf nicht aufgeben. Nun wird auch Cristina Fernández de Kirchner sie empfangen. Die argentinische Staatspräsidentin will sich persönlich mit ihr unterhalten, nachdem sie ihr schon in der Vergangenheit mehrfach ihre Wertschätzung versicherte.

Und da ist sie nicht allein: In den zurückliegenden Jahren ist Susana Trimarco von vielen Seiten ausgezeichnet worden – national wie international. Längst ist sie für viele Menschen weltweit die "Mutter Courage Argentiniens".

Ihre Geschichte beginnt in Tucumán, einer nordwestlich von Buenos Aires gelegenen Provinz. Diese ist noch kleiner als Belgien, aber vor allem bettelarm. Am 3. April 2002 kehrte die damals 23 Jahre alte Marita Verón von einem Besuch beim Arzt nicht nach Hause zurück. Sie hatte ihre Mutter gebeten, auf ihre damals zwei Jahre alte kleine Tochter aufzupassen. Seitdem warten beide vergeblich auf die Rückkehr Maritas.

Zeugen behaupten, sie sei von einigen Männern in ein rotes Auto gezerrt worden. Später sei sie dann zur Prostitution gezwungen worden.

Mutter tarnt sich als Prostituierte

Irgendwann beschlossen Susana Trimarco und ihr inzwischen verstorbener Gatte Daniel Verón, die Suche nach ihrer Tochter in die eigenen Hände zu nehmen. Denn beide merkten schnell, dass sie auf normalem Wege nicht weiterkommen würden: Die Polizei half ihnen wenig und sie stießen überall auf Ignoranz, Unvermögen, Lügen und bewusstes Verschleiern von Zusammenhängen.

Am Ende entschied sich Frau Trimarco zum Äußersten: Sie schlüpfte in die Rolle einer Prostituierten und Puffmutter und erkundete mutig und unerschrocken das argentinische Rotlichtmilieu. Dort traf sie Frauen, die ihre Tochter gesehen haben wollten – mal in Tucumán, mal in der Provinz La Rioja, mal an der brasilianischen Grenze. Aber nie gelang es ihr, über diese Spuren Marita dann auch tatsächlich wiederzufinden.

Was sie allerdings fand, waren skandalöse Zustände in argentinischen Bordellen – und zwar kreuz und quer in diesem achtgrößten Land der Welt. Und sie fand viele junge Mädchen, die gegen ihren Willen zur Zwangsprostitution gezwungen wurden, nachdem man sie erst entführt hatte und dann mit Drogen gefügig machte.

"Man hat schon oft versucht, mich umzubringen"

Mutig breitete Frau Trimarco schon früh in Gesprächen mit argentinischen Zeitungen Details über ihre Recherchen aus. "Seit ich in diese grausame Welt der Prostitution und des Mädchenhandels eingetaucht bin, habe ich erschütternde Geschichten erfahren, wie man sie entführt hat, um sie zu dieser entwürdigenden Arbeit zu zwingen und es ist mir zum Glück auch gelungen, eine ganze Reihe zu retten", sagte sie der Zeitung "Clarin".

Trimarco weiß, dass ihr Leben in Gefahr ist: "Man hat schon mehrfach versucht, mich aus dem Weg zu räumen, etwa durch Anschläge auf mein Haus. Aber bisher ist es ihnen nicht gelungen, mich mundtot zu machen. Und es ist auch klar: Ich kämpfe bis an mein Lebensende weiter."

2007 hat Susana Trimarco eine Stiftung gegründet, die den Namen ihrer Tochter trägt, "Fundación Maria de los Angeles". Durch sie ist es ihr gelungen, Dutzende zur Prostitution gezwungene Mädchen und Frauen zu befreien und ihnen eine neue Lebensperspektive zu geben.

Polizei findet keine Kassetten für veraltete Abhörgeräte

Dafür bekam Trimarco 2007 den "International Women of Courage Award". Die Laudatio hielt die damalige amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice. 2008 hat die "katholische Aktion Argentiniens" Frau Trimarco für ihren Einsatz mit dem Preis "Cristo Rey" ausgezeichnet. Andere Auszeichnungen in Argentinien und dem Ausland folgten. Große Verbreitung fand der Fall von Marita Verón auch durch eine auf ihrem Schicksal basierende Telenovela "Vidas Robadas", gestohlene Leben.

Was Susana Trimarco besonders erschüttert, ist die schleppende Bearbeitung von Prostitution und Mädchenhandel unterbindenden Gesetzen im argentinischen Kongress. Von den Abgeordneten beider Kammern fordert sie nun eine schnellere Umsetzung wichtiger Vorhaben.

So spielte etwa bei dem Verfahren um die möglichen Entführer ihrer Tochter in Tucumán den Angeklagten in die Hände, dass es kaum vernünftige Möglichkeiten für die Polizei gibt, Menschenhändlerringe auch nur abzuhören: Das Equipment der Behörden ist mehr als zehn Jahre alt, teilweise gibt es nicht einmal Ersatzteile, geschweige denn neue Bänder und Kassetten dafür zu kaufen.

Angeklagte aus Mangel an Beweisen freigesprochen

Und so bekräftigten die Richter zwar, dass es möglich sei, dass einige der Angeklagten an der Entführung hätten beteiligt sein können, dass man es ihnen aber juristisch korrekt einfach nicht nachweisen konnte und sie deshalb habe freisprechen müssen.

Susana Trimarco wird auf jeden Fall in Berufung gehen. Der Fall ihrer entführten Tochter ist für sie mit dem Urteil von letzter Woche noch lange nicht abgeschlossen. Mit ihrer Stiftung "Fundación Maria de los Angeles" hat Trimarco in Tucumán allerdings erreicht, dass viele als "Night Club" getarnte Puffs schließen mussten.

Zudem hat die Presse mittlerweile ein waches Auge auf die Zustände in argentinischen Bordellen, deckt kontinuierlich Missstände auf und fordert Verbesserungen ein. Auf diese größere Sensibilisierung und wachsende Unterstützung durch die argentinische Bevölkerung kann Susana Trimarco stolz sein.

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