16.12.12

Brief an Premier

Depardieu will kein Franzose mehr sein

Nachdem er für seinen Umzug nach Belgien heftig kritisiert worden war, beschimpft Gérard Depardieu den Regierungschef und will seinen Pass zurückgeben. Ein anderer Prominenter kehrt indes zurück.

Von Sascha Lehnartz
Foto: dpa
Gérard Depardieu
Er verlasse Frankreich, "weil Sie glauben, dass Erfolg, künstlerisches Schaffen, Talent und eigentlich Differenz bestraft werden müssen", wirft Gérard Depardieu in einem offenen Brief dem französischen Premier Jean-Marc Ayrault vor

Der französische Starschauspieler Gérard Depardieu will seinen Pass zurückgeben und künftig kein Franzose mehr sein. Das ist die neueste Wendung in der Debatte über die Pläne des 63-Jährigen, seinen Wohnsitz aus steuerlichen Gründen von Paris gleich hinter die belgische Grenze in das Örtchen Néchin zu verlagern.

Der französische Premierminister Jean-Marc Ayrault hatte die Entscheidung des Schauspielers, den deftigen Steuererhöhungen der sozialistischen Regierung auf hohe Einkommen durch die Flucht nach Belgien zu entgehen, vergangene Woche "erbärmlich" genannt.

Depardieu antwortete nun Ayrault in einem aufgebrachten "offenen Brief", den das "Journal du Dimanche" am Sonntag veröffentlichte: "Erbärmlich, Sie haben ,erbärmlich' gesagt? Wie erbärmlich ist das." Er habe im Alter von 14 Jahren angefangen, als Drucker zu arbeiten, dann als Lagerarbeiter und schließlich als darstellender Künstler. "Ich habe immer meine Steuern und Abgaben bezahlt, egal wie hoch die Steuersätze unter den jeweiligen Regierungen waren", behauptet Depardieu. Er habe seine Pflichten stets erfüllt, seine historischen Filme würden zudem seine Liebe zu Frankreich belegen. Doch nun verlasse er das Land, "weil Sie glauben, dass Erfolg, künstlerisches Schaffen, Talent und eigentlich Differenz bestraft werden müssen", wirft er dem Regierungschef vor.

"85 Prozent Steuern auf meine Einkünfte"

Dafür verlange er zwar keine Zustimmung, doch zumindest "respektiert" zu werden. Er müsse sich für seine Entscheidung nicht rechtfertigen, die Gründe seien vielfältig und privat. Er sei nicht der Einzige, der das Land verlasse, aber "niemand von den vielen, die Frankreich verlassen, ist so beschimpft worden wie ich".

Er gehe, "nachdem ich 2012 85 Prozent Steuern auf meine Einkünfte bezahlt habe. Aber ich bewahre den Esprit jenes Frankreichs, das schön war", schreibt der Mime beinah im romantisch-melancholischen Tonfall seines Helden Cyrano de Bergerac.

"Ich gebe Ihnen meinen Reisepass zurück und meine Sozialversicherungskarte, die ich nie in Anspruch genommen habe. Wir haben nicht mehr dasselbe Vaterland, ich bin ein echter Europäer, ein Weltbürger, so wie es mir mein Vater immer nahegelegt hat."

Depardieu beklagt sich über eine erbärmliche Justiz, die seinen mittlerweile verstorbenen Sohn Guillaume wegen des Besitzes von zwei Gramm Heroin zu drei Jahren Haft verurteilt habe, "während so viele andere mit viel schlimmerer Taten davonkommen", und er geht auch indirekt auf die Schlagzeilen ein, für die er selbst in der jüngsten Vergangenheit gesorgt hat:

"Ich weise das Wort ,erbärmlich' zurück"

Er werfe "keine Steine" auf all jene, die einen hohen Cholesterinspiegel hätten, verspannt seien, an Diabetes litten oder zu viel Alkohol konsumierten, oder auf jene, "die auf ihrem Motorroller einschlafen. Ich bin ja einer der Ihren, wie die Medien nicht müde werden zu wiederholen." Depardieu war Ende November mitten in Paris von seinem Yamaha-Roller gefallen. Danach maß man 1,8 Promille in seinem Blut.

Er habe "niemanden umgebracht" und in den letzten 45 Jahren 145 Millionen Euro an Steuern gezahlt. Er habe 80 Angestellte in Unternehmen beschäftigt, die "für diese geschaffen und von diesen geführt" würden. Er wolle sich nicht beklagen und nicht jammern, "aber ich weise das Wort ,erbärmlich' zurück." "Wer sind Sie, dass Sie mich so beurteilen, frage ich Sie, Monsieur Ayrault, Premierminister des Monsieur Hollande, ich frage Sie, wer sind Sie?", echauffiert sich Depardieu und schließt seinen Brief mit dem rührend selbstverliebten Satz: "Trotz meiner Exzesse, meines Appetits und meiner Liebe für das Leben bin ich ein freier Mensch, Monsieur, und ich werde höflich bleiben."

Neben Premierminister Ayrault hatten zahlreiche Politiker der regierenden Sozialisten Depardieus Entscheidung, sich im steuergünstigen Belgien niederzulassen, heftig kritisiert. Die Kulturminsterin Aurélie Filippetti zeigte sich "empört", Arbeitsminister Michel Sapin nannte Depardieus Entscheidung ein "persönliches Versagen".

"Er liebte an Frankreich die Steuergrenze"

Der für die Beziehungen mit dem Parlament zuständige Minister Alain Vidalies zeigte sich nach Lektüre des offenen Briefes entsetzt über Depardieus Formulierung "wir haben nicht mehr dasselbe Vaterland". "Ich glaube, wenn man Frankreich liebt, liebt man es unter Sarkozy genauso wie unter Hollande, denn man liebt Frankreich. Bei dieser Erklärung hat man den Eindruck, was er an Frankreich geliebt hat, war die Steuergrenze für hohe Einkommen", sagte Vidalies. Der Parteivorsitzende der Sozialisten, Harlem Désir, kommentierte, man sucht sich seinen Pass nicht nach dem Steuergesetz aus.

Unterdessen wurde bekannt, dass ein anderer französischer Künstler mit kontinuierlich hohen Einkünften einem Steuerparadies den Rücken zuwendet und in die Heimat zurückkehrt: Der Autor Michel Houellebecq will aus Irland zurück nach Frankreich ziehen.

"Wenn ich mich für Frankreich entschieden habe, statt für ein französischsprachiges Land wie Belgien oder die Schweiz, dann aus persönlichen Gründen, nicht mit politischen Zielen", sagte der Goncourt-Preisträger des Jahres 2010. "Das Geld ist zwar wichtig, aber es ist nicht das Wichtigste. Der Hauptgrund ist, dass ich wieder Lust habe, meine Sprache im Alltag zu sprechen. Nach einigen Jahren in Irland habe ich im Englischen ein ausreichendes Niveau erreicht", wird Houellebecq zitiert.

Foto: AFP
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"Ich habe wieder Lust, meine Sprache im Alltag zu sprechen": Der Schriftsteller Michel Houellebecq lebte einige Zeit in Irland
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