16.12.12

Tatort Newtown

"Ich fühle mich wie in einem bösen Traum"

Newtown trauert und Newtown stellt Fragen. Die Bilderbuchstadt im US-Bundesstaat Connecticut ist zum Ort eines Amoklaufs geworden. Ihre Bürger sind konsterniert: Wie konnte das passieren?

Von Kathrin Werner
Quelle: dapd
15.12.2012 1:47 min.
28 Tote, darunter zahlreiche Schulkinder, das ist die entsetzliche Bilanz des Amoklaufs eines 20-Jährigen in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut. Lähmende Trauer lässt die USA erstarren.

Tränen fließen hinter ihrer Sonnenbrille hervor, ihre Lippen zittern. Nicole Medina zündet drei Kerzen an, rot, blau und gelb, verziert mit Marienbildchen. Langsam bückt sich die junge Frau, stellt die Kerzen vor dem Schulgebäude ab und bekreuzigt sich. Sie drückt ihren dreijährigen Sohn Carlos an sich, so fest, dass der Junge mit den schwarzen Locken strampelt und kreischt. "Es ist so furchtbar, ich habe keine Worte", sagt sie leise. "Ich bin auch Mutter, ich kann mir den Schmerz vorstellen."

Medina und ihr Sohn sind Teil einer Prozession. Seit Freitagmorgen pilgern die Menschen aus Newtown im US-Bundesstaat Connecticut zu diesem Ort des Schreckens. Hier in der Sandy-Hook-Grundschule hat am Freitagmorgen um 9.30 Uhr ein 20-Jähriger 20 Kinder erschossen, sie waren sechs und sieben Jahre alt. Auch sechs Erwachsene starben. Am Ende erschoss der Täter sich selbst. Als die Polizei kam, war schon alles vorbei. Es ist eine der schlimmsten Schießereien der USA – des Landes mit so vielen Amokläufen in Schulen und Universitäten.

Bunte Luftballons, Teddybären, ein Stofftier-Rentier, Blumensträuße, Kerzen und Plakate stapeln sich vor dem Schild vor dem Eingang des weißen Flachbaus, der Grundschule. Immer neue Menschen kommen, legen Blumen nieder, halten sich an den Händen, Tränen fließen, Umarmungen, Seufzer.

"Das Böse ist überall"

Trotz Hunderter Menschen, trotz Feuerwehrleuten und Polizisten, trotz Fernsehkameras, Fotografen und Reportern ist es ganz still. Newtown trauert. Und Newtown stellt Fragen. "Wie konnte das passieren?", fragt Alice Mulero. Sie ist Mutter und Schulbusfahrerin.

Am Montag muss sie wieder zur Arbeit, andere kleine Kinder in eine andere Schule fahren. Sie kann sich noch nicht vorstellen, wie sie das schaffen soll, sagt sie: "Die Welt ist nicht sicher, nirgends ist man sicher. Das Böse ist überall. Aber hätte man das nicht ahnen können? Hätte man den Täter nicht genauer beobachten müssen? Brauchen Schulen bessere Sicherheitsvorkehrungen?"

Immer neue Polizeiautos fahren an den Straßensperren vorbei auf das Schulgelände. Die Feuerwehr, das FBI, die Staatspolizei, Psychologen und die Spurensicherung arbeiten daran, die spärlichen Informationen zu einem Puzzle zusammenzusetzen, das Sinn ergibt. Warum hat der Täter das getan?

Neuengland aus dem Bilderbuch

Newtown ist eine Stadt, in die man zieht, wenn man Geld hat und Familie und die Kinder wohlbehütet aufwachsen sollen. Das 27.000-Seelen-Örtchen rund 100 Kilometer nördlich von New York ist Neuengland aus dem Bilderbuch. Weiße Holzhäuser strahlen in der Sonne, sie scharen sich um ein kleines Rathaus mit Türmchen. Die Kirchen haben frisch gemähte Vorgärten, die Häuser lange Einfahrten. Ein Flüsschen schlängelt sich vorbei. Es riecht nach Laub und Tannennadeln. Es ist ein Idyll. Die metergroße Fahne im Stadtzentrum weht heute auf halbmast.

"Newtown ist ein großartiger Ort, um groß zu werden", sagt Jim Craig. "Hier kann man die Kinder allein draußen spielen lassen, es ist ein sicherer Ort." Er legt seiner 13-jährigen Tochter Veronica die Hand auf die Schulter. "Wir wären bei einem Banküberfall sehr, sehr, sehr überrascht hier, solche Dinge passieren hier eigentlich nicht. Und nun so etwas." Craigs Familie kennt eines der Opfer – so wie alle hier. Man kennt sich in Newtown. "Ich fühle mich wie in einem bösen Traum", sagt Veronica.

Auch der Täter ist privilegiert aufgewachsen. Adam Lanza ist nur wenige Kilometer von der Schule groß geworden, in der er zum Täter wurde. In der 36 Yogananda Street steht ein weißes Haus im Grünen, um die Siedlung herum ein kleiner Wald, die Häuser haben Pools und Briefkästen auf der Straße. In der Einfahrt parken große, saubere Autos.

Hat man Warnzeichen übersehen?

Hier hat der 20-Jährige seinen ersten Mord begangen, hier hat er am Freitag seine Mutter erschossen. Lanza soll ein guter Schüler gewesen sein, aber einsam. Ein stiller, unauffälliger Junge. "Vielleicht hat man die Warnzeichen übersehen, weil er so still war", sagt Craig.

"Wir suchen nach Erklärungen, aber das alles ist nicht erklärbar", sagt Peter Keeler. Er hat es zu Hause nicht mehr ausgehalten, er wollte etwas tun. Jetzt steht er mit grellgelber Feuerwehr-Warnweste vor der Schule und sorgt für Ordnung an einem Ort, der jede Ordnung verloren hat. "Augen auf, ein Auto kommt", ruft er durch die Stille der Trauernden. "Aufpassen, aufpassen!"

Er hat zu Hause auf dem Sofa gesessen und sich ganz leer gefühlt und ratlos, erzählt er. Also hat er sich freiwillig als Ordner gemeldet. "Es soll ja jetzt nicht noch jemand überfahren werden, weil er gerade kein Auge für Autos hat", sagt er.

Eine Kerze für jedes Opfer

Es wird dauern, bis hier Normalität einkehrt. "Vielleicht wird das nie passieren", sagt Keeler. "Das Böse ist heute in unsere Gemeinde gekommen", sagt Dan Malloy, der Gouverneur von Connecticut. Auf dem Altar der katholischen Kirche St. Rose of Lima brennen 26 Kerzen, eine für jedes Opfer.

Am Straßenrand steht eine Frau mit einem Schild: "I am Love. I am Newtown." Wenige Kilometer weiter hängt ein Betttuch mit großen Buchstaben: "Wir lieben dich, Sandy-Hook-Grundschule. Drück auf die Hupe, wenn du sie auch liebst!" Kaum einer fährt hier vorbei, ohne zu hupen.

Foto: REUTERS

Drama in den USA: An einer Schule wurden Dutzende Menschen getötet. Unter ihnen zahlreiche Kinder.

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