15.12.12

Massaker an Schule

Amokläufer von Newtown mordete schweigend

Als erstes erschoss Adam L. seine Mutter, dann 20 kleine Kinder und sechs Mitarbeiter einer Schule. Der Täter galt als Einzelgänger.

Von Ansgar Graw
Quelle: dapd
15.12.12 1:47 min.
28 Tote, darunter zahlreiche Schulkinder, das ist die entsetzliche Bilanz des Amoklaufs eines 20-Jährigen in Newtown im US-Bundesstaat Connecticut. Lähmende Trauer lässt die USA erstarren.

Das Grauen von Newtown, dem Ort des Grundschulmassakers, ließ sich nicht allein an den Gesichtern der geretteten Kinder ablesen, die von ihren Eltern vor einer nahen Feuerwache in Empfang genommen wurden. Das Grauen erwuchs vielmehr aus dem Fehlen einer ganzen Klasse. Einer speziellen Klasse, deren Schüler nicht das Gebäude verlassen hatten.

Die Luft roch nach Schießpulver, die Häuser ringsum waren weihnachtlich dekoriert, und die herumirrenden Eltern suchten das eigene Kind, die Klassenlehrerin, Klassenkameraden. Angst steigerte sich zu Verzweiflung und schierer Panik. "Oh, mein Gott, warum nahmen sie mein Baby?", schrie eine Mutter, bevor sie in den Armen einer anderen zusammenbrach.

Das war der Tag, an dem die Hornhaut auf der Seele riss. Die Hornhaut, die man sich im Amerika der regelmäßigen Amokläufe und Todesschüsse zugelegt hatte. Eine Hornhaut, die entstanden war, weil man das Recht auf individuellen Waffenbesitz angesichts der Weiten der USA und der oft abgelegenen Farmen und Häuser als sinnvoll verstanden hatte. Eine Hornhaut, die gegen den Schock immunisierte.

USA unter Schock

Zum Beispiel am 21. November, als in einem Schulbus in Florida ein 15-jähriger Bube mit einer Pistole spielt, aus der sich ein Schuss löst und eine 13-Jährige tödlich trifft. Deren sieben Jahre alte Schwester sitzt daneben, sie ist wohl traumatisiert bis zu ihrem Lebensende, und man denkt: Schlimm. Aber wenigstens nur ein Opfer. Und nur ein Unfall, kein gezielter Mord.

Eine Hornhaut, die zum erleichterten Seufzer verleitete, als erst am vorigen Mittwoch ein 22-Jähriger in einem Einkaufszentrum in Portland (Oregon) zwei Menschen tötete, bevor er sich selbst erschoss. Nur zwei Menschen, denkt es in einem, und man erschaudert lediglich kurz darüber, wie normal das Abnorme erscheint. Eine Hornhaut, die von Amokläufen, Massakern und Schießereien immer seltener gereizt wurde, weil man wusste, dass die nächste Tragödie nur eine kurze Zeitspanne entfernt lauert.

Der Freitag hat diese Hornhaut zerfetzt. Die unvorstellbare Tat an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown (Connecticut), wo ein junger Mann 20 Kinder erschoss, sechs Erwachsene und sich selbst, bricht die vermeintliche Routine der Schusswaffengewalt in den USA.

Sie lässt einen Präsidenten vor den Kameras der Weltöffentlichkeit Tränen vergießen und eine in dieser Frage leidensfähig gewordene Nation zweifeln, ob es diesmal bei bloßer Rhetorik bleiben darf oder ob das großzügige Waffenrecht doch eingeschränkt werden muss.

Die Hornhaut lässt jäh wieder Schmerzen spüren. Die sich überschlagenden Nachrichten über die 20 toten Grundschüler treffen zum Zeitpunkt ein, als die eigene Tochter, eine Erstklässlerin, ihre Grundschule in Maryland besucht. Wann, wo wird der Wahnsinn das nächste Mal zuschlagen?

Schütze kannte Schule

Adam L., der 20-jährige Attentäter, hatte seine Mordtaten zu Hause begonnen, im vier Kilometer entfernten Sandy Hook, wo er seine Mutter Nancy erschoss. Sie war Lehrerin an der Grundschule, zu der er jetzt mit dem Auto der getöteten Mutter fuhr. Darum war Adam L. mit den Örtlichkeiten vertraut.

Die zwei Pistolen vom Typ Glock und SIG Sauer dürfte der Täter zu diesem Zeitpunkt unter seiner Jacke getragen haben, ebenso wie eine Splitterschutzweste. Im Auto ließ er ein halb automatisches Bushmaster-Gewehr vom Kaliber .223 zurück. Alle Waffen waren von Nancy L. legal erworben worden.

Die Sandy Hook Elementary ist eine kleine Schule mit nur 700 Schülern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren. Die Kleinsten besuchen dort den "Kindergarten", wie die Vorschule in den USA genannt wird, und die etwas Größeren die Klassen eins bis vier. In Newtown, dem Ort des Geschehens, kennt man Gewaltverbrechen nicht.

Das Durchschnittseinkommen in der Stadt mit 27.000 Einwohnern und gediegenen Eigenheimen inmitten von Grünflächen und Waldgebieten liegt bei 111.506 Dollar (85.077 Euro). In den vergangenen zehn Jahren gab es in Newtown einen einzigen Mordfall. Jetzt aber hat "das Böse diese Gemeinschaft besucht", wie es Connecticuts Gouverneur Dannel P. Malloy sagte.

Die Angestellte, die Adam L. einließ, dürfte der Täter als erste erschossen haben. Eine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt eine Besprechung mit der Schuldirektorin, ihrer Stellvertreterin und der Psychologin hatte, erzählte, dass die Schüsse ihre drei Gesprächspartnerinnen sofort auf den Gang eilen ließ. Dann setzten ganze Salven ein, binnen weniger Minuten fielen wohl über 100 Schüsse.

Die stellvertretende Direktorin kam zurückgekrochen zur Besucherin, ein Schuss hatte ihren Fuß getroffen. Als die Besucherin später, nach dem Eintreffen der Polizei, aus der Schule gebracht wurde, sah sie die 47-jährige Direktorin Dawn Hochsprung und die 56-jährige Psychologin Mary Sherlach im Gang in Blutlachen liegen. Beide sind tot.

Lehrer versteckten Schulkinder

Der in schwarz gekleidete Täter setzte sein mörderisches Werk vor allem in zwei Klassenzimmern fort. Er muss mit erbarmungsloser Präzision vorgegangen sein, als er dort 16 Kinder erschoss. Nur drei blieben zunächst verwundet zurück. Zwei von ihnen starben später im Krankenhaus, das dritte überlebte. In den anderen Klassen regierte die Angst. Und die Lehrer hatten nach den ersten Schüssen sofort den Notruf alarmiert und suchten umsichtig ihre Schüler zu schützen. Sie ließen sie in Wandschränke klettern, hinter umgestürzten Bänken kauern und in Ecken schmiegen.

Draußen knallten die Schüsse, "das war wie ein ganz lauter Hammer", sagte später ein Viertklässler. Und die Kinder in den Klassen hörten Schreie, solche nach Hilfe, solche, die um Gnade flehten und solche, die von Schmerzen ausgelöst wurden. Nur von Adam L. hörte man nichts. Der Mörder sprach während seines Massakers nicht ein einziges Wort, sagen Überlebende.

Sarah Cox, die Krankenschwester der Schule, hörte die Schüsse in ihrem Büro und glitt in Panik unter ihren Schreibtisch. Dann riss Adam L. die Bürotür auf. "Sie sah die Füße des Attentäters", erzählte Rebecca Cox, ihre Tochter. "Er kam in ihr Büro. Sie sah seine Beine und seine Schuhsohlen und sie hielt den Atem an. Er wusste nicht, dass sie da war, und dann drehte er sich um und ging wieder hinaus."

Lehrerin Kaitlin Roig schloss sich mit ihren sechs- und siebenjährigen Schützlingen auf der Toilette ein und schob einen Rollschrank vor die Tür. "Ich dachte, wir würden sterben", erzählte die 27-Jährige später. Die Kinder weinten und sagten ihr: "Ich will nicht sterben. Ich will Weihnachten haben."

Spätestens um 9.50 Uhr, 25 Minuten nach den ersten Schüssen, war Adam L. tot. Er erschoss sich selbst in dem Klassenzimmer, in dem er zuvor gemordet hatte. Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt bereits am Tatort, aber die Beamten hatten Adam L. noch nicht gefunden.

Adam L. soll Autist gewesen sein

Der Mörder wird von ehemaligen Mitschülern als intelligent, aber extrem zurückhaltend beschrieben. Er sei nicht gehänselt und gemobbt worden, aber er hatte auch keine Freunde. Selbst sein in Hoboken (New Jersey) lebender 24-jähriger Bruder Ryan L., der in ersten Presseberichten fälschlich als Täter bezeichnet worden war, hatte nach eigenen Angaben seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu Adam. Eine Tante von Adam L. sagte, ihr Neffe habe eine leichte Form von Autismus. Doch das ist keine Geisteskrankheit und erklärt nicht den Gewaltausbruch.

Mit guten Noten absolvierte der Junge die Newtown High School, arbeitete danach aber nicht, sondern lebte bei seiner Mutter. Ein Mitschüler sagte, der meist "förmlicher" als seine Kameraden gekleidete Adam, der in der Brusttasche seines Hemdes ein Kugelschreiberetui zum Schutz vor Tintenflecken trug, sei von seiner Mutter zu guten Leistungen angespornt worden. Aber welches Kind wird das nicht?

Geboren wurde Adam L. in Kingston (New Hampshire). Die Familie zog später nach Newtown. 2009 ließen sich seine Eltern scheiden. Der Vater, Buchhalter bei einem großen Konzern, lebt nicht weit von Newtown.

Mutter besaß fünf Waffen

Warum Nancy L. insgesamt fünf Waffen besaß, darunter das halbautomatische Gewehr, ist unklar. Aber es ist legal in einer Gesellschaft von 310 Millionen Menschen, auf die 258 Millionen Schusswaffen kommen. In Connecticut muss man jeden Waffenkauf registrieren lassen, Fingerabdrücke geben und dokumentieren, dass man nicht vorbestraft oder geisteskrank ist. Gemessen am US-Standard sind das strenge Auflagen.

So emotional wie selten zuvor sprach der Präsident im Weißen Haus zur Nation. "Wir haben zu viele dieser Tragödien in den letzten Jahren erlitten", sagte Barack Obama. Er stockte und wischte mehrfach mit dem Finger Tränen weg, als er die Opfer als "wunderbare kleine Kinder" beschrieb, die ihr ganzes Leben vor sich gehabt hätten: "Geburtstage, Schulabschluss, Hochzeiten, eigene Kinder."

Der bewegte Präsident, der ankündigte, seine beiden Töchter heute Abend "wie alle Eltern im Land" besonders fest zu umarmen und ihnen zu sagen, dass er sie liebte, fügte hinzu: "Unser Land macht dies zu oft durch."

Das klang nach einem neuen Anlauf zur strengeren Waffenkontrolle. Aber der wurde auch unternommen 1999 nach dem Massaker an der Columbine High School mit seinen 12 Opfern oder 2007 nach dem Massaker an der Virginia Tech 2007, bei dem 32 Menschen starben. Die Hornhaut auf der Seele, das ist zu fürchten, wird nachwachsen.

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