15.12.12

"Wetten, dass..?"

Auch bei Gottschalks Start wurde kräftig gejammert

Drei Sendungen, drei Kritiken über "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz. Wie war das eigentlich 1987, als Gottschalk die Show übernahm? Ein Rückblick auf Schelte, Übersetzungspech und Straps-Cher.

Von Kerstin Rottmann
Foto: dpa
Die Moderatoren Thomas Gottschalk (r.) und Markus Lanz sind beide in das Kreuzfeuer der Kritiker geraten. Beide haben es überlebt
Die Moderatoren Thomas Gottschalk (r.) und Markus Lanz sind beide in das Kreuzfeuer der Kritiker geraten. Beide haben es überlebt

Die ersten Kritiken, sie waren schlecht. Sei es das Outfit des neuen Moderators ("nur schwer zu ertragen"), die Präsentation der TV-Show ("Kein Flop, aber auch kein Glanz"), ja selbst die ganze Daseinsberechtigung der Sendung "Wetten, das..?" wurde infrage gestellt. "Die große Samstagabend-Familienshow ist doch längst gegessen, sagen sie alle, die beim Fernsehen für Unterhaltung zuständig sind. Ein urdeutsches Fossil ist das, woanders gibt es so was längst nicht mehr", schrieb die "Süddeutsche Zeitung".

Ein Altstar tritt ab, ein Jüngerer soll die bewährte, aber auch schon ein wenig in die Jahre gekommene Sendung retten. Moment mal, wann war das noch mal? Am 26. September 1987. Damals übernahm Thomas Gottschalk die ZDF-Show von Frank Elstner, und es wurde mächtig gejammert, wenn auch auf hohem Niveau. Denn immerhin holte Gottschalk mit jenem "Fossil" der TV-Unterhaltung bei seiner Premiere mehr als 20 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.

Wetten gab es natürlich auch. 50 Hunderassen sollten an den Ohren identifiziert werden, ein VW-Bus wurde umgepustet und eine rüstige Holländerin legte die Judokas um, auf der Showbühne schmachteten die Bee Gees aus Großbritannien. Die "Bild"-Zeitung kommentierte knapp: "Gottschalk prima, Sendung flau", während die "B.Z." erbarmungslos folgerte: "Alles kann jetzt nur noch besser werden". Spitz protokollierte das Berliner Blatt dann noch, dass nur eine Frau alles "super" fand – Gottschalks Mutter Rutila: "Mein Junge war wie immer, fantastisch!" Gottschalk selbst blieb wortkarg: "Ich wollte nichts verkehrt machen."

Markus Lanz hat es nicht leicht gehabt

Nichts verkehrt machen, das wollte wohl auch Markus Lanz bei seiner Premiere als "Wetten, dass..?"-Moderator im Oktober 2012. Genau diese etwas verbissene Lockerheit war ihm anzumerken. Dann gab es Aufregung um einen missgelaunten Hollywoodstar mit Katzenmütze. Und zuletzt schalteten mit 8,9 Millionen angeblich zu wenige Zuschauer ein. Nein, leicht hat es Markus Lanz seit seinem Start bei Deutschlands noch immer wichtigster Samstagabend-Show bisher nicht gehabt.

Vielleicht ist es ja ein kleiner Trost, dass auch Gottschalk in seiner zweiten Sendung (November 1987) mit den Macken ausländischer Prominenz zu kämpfen hatte. Später kritisierte Thea Gottschalk ihren Mann so: "Du hattest zu viele Stars auf dem Sofa. Das wirkte hektisch. Dann quatschtest Du unentwegt mit der (Brigitte, Anm. d. Red.) Nielsen, die kein Wort versteht, weil die Dolmetscheranlage versagte."

LanDas dänische Model, einst verheiratet mit dem amerikanischen Schauspieler Sylvester Stallone, war als Sängerin eingeladen, beeindruckte aber weniger stimmlich, sondern eher optisch in einem tief ausgeschnittenen Lederminikleid. "Als die Pop-Show zur Peep-Show wurde", barmte die Zeitschrift "Bunte" in ihrer Nachbetrachtung zu der ZDF-Sendung, die diesmal von immer noch 19,39 Millionen Zuschauern verfolgt wurde. Denn nicht nur die Nielsen, auch eine US-Sängerin zeigte verflixt viel Haut. Cher erschien im bis heute legendären Strapsenlook. "Ich dachte, das wär' hier 'ne Rocksendung!", erklärte die damals 41-Jährige der "Bild am Sonntag" später.

Sie wurde von ZDF-Unterhaltungschef Wolfgang Penk zwar noch zum Tragen eines eigens geschneiderten Minirockes verdonnert, sittlich änderte dies jedoch kaum etwas. "Erstens wurde die Sendung nur in Englisch gemacht, zweitens waren die Sängerinnen fast nackt. Wir wollen Frank Elstner wiederhaben!", schrieb anschließend Leser Walter S. aus Hamburg an die "Bild"-Zeitung.

Mäkeln gehört dazu

Immer wieder dieses verflixte Englisch! Diesmal fiel die Simultanübersetzung aus, Couchgast Peter O'Toole drohte zu verstummen. Gottschalk schaute betreten, bis der Hollywoodstar vorschlug, einfach auf Englisch weiterzureden. "Darauf hätte eigentlich der Gastgeber kommen können", meckerte das "Hamburger Abendblatt". Auch bei dem Umgang mit den Wettkandidaten – unter anderem wurde eine Telefonzelle auf vier Makkaroni gestellt (geschafft) und ein Lehrer wollte seine Kinder an der Stimme erkennen (gescheitert) – müsse Gottschalk noch lernen, mäkelte etwa die "Hörzu": "Gottschalk behandelte die Wettkandidaten wie bessere Versatzstücke (...) Der Zuschauer will mehr wissen als nur die Namen der verrückten Jungs." Da könne Gottschalk doch noch so einiges von Frank Elstner lernen. Und was sagte der Moderator selbst? "Ich bin nie nach Sendungen zufrieden", sagte er und verließ laut Beobachtern nach nur 30 Minuten angesäuert die ZDF-Party (mit Bier und belegten Brötchen, aber ohne Cher und die Nielsen).

Auf ein Drittes hieß es dann im Dezember 1987. Diesmal gelang der ersehnte Durchbruch. "Jetzt haben wir es endlich geschafft", so ZDF-Unterhaltungschef Penk: "Die Leute haben wie zu Elstners Zeiten angerufen. 379 waren begeistert, 45 haben sich bei uns entschuldigt, weil sie dich falsch eingeschätzt haben und es gab nur 20 Unzufriedene", sagte er zu Gottschalk.

Der hatte schon rein optisch auf Seriosität gesetzt: Er trat im grauen Anzug vor sein Publikum, einziger Hingucker: eine glitzernde Brosche mit Onyxsteinen, geborgt von Ehefrau Thea. Weiter weg als von "Strapsen-Cher" ging es auch beim Musikprogramm kaum: Rolf Zuckowski und Freunde sangen "In der Weihnachtsbäckerei", zudem luden Volker Lechtenbrink und Chris de Burgh das Publikum inklusive Gottschalks Mutter Rutila (die drückte wieder die Daumen) zum Schunkeln ein.

Auf Nummer sicher war die Redaktion auch bei den Wetten gegangen. Ein 12 Jahre altes Mädchen versuchte Ex-Fußball-Nationalspieler Klaus Fischer beim Fallrückzieher-Schießen zu übertreffen, zwei Männer aus Sulzbach suchten fünf neu ausgelegte Tennisbälle aus hundert zuvor abgelegten Kugeln heraus und ein ausländischer Wett-Kandidat (wieder dieses Englisch!), ein Kanadier, stapelte hundertfünfundzwanzig 25-Cent-Stücke übereinander.

Es folgte die Lobpreisung im Feuilleton

Ach so, und die Quote stimmte auch: Fast 21 Millionen Zuschauer schauten zu. Zeit für ein Fazit, und zwar in der "Zeit". Was war nicht alles bemängelt worden – zu viel Pop, zu viel Englisch, zu viele Frechheiten: "'Gottschalk, wir warnen Dich!' Und alles starrte auf die dritte Show. Wer würde durchmarschieren? Opas Bettvergnügen oder die Amerikanisierung des Bildschirms? Der Lebensstil des Herren Biedermann oder des Yuppies?", schrieb Autorin Barbara Sichtermann und gab selbst die Antwort: "Einstweilen: Beide – wie es sich für eine Show gehört, die 'Spiel' und 'Spaß' im Untertitel führt." Die von Gottschalk stets so ersehnte Preisung im Feuilleton, da war sie endlich. Lob, Ermutigung, Zuspruch – alles, was der nun 62 Jahre alte Moderator nach seinem Abschied vom ZDF und in seiner neuen Funktion als Juror einer Castingshow beim Privatsender RTL wohl schmerzlich vermisst hat.

Blicken wir noch einmal auf den Auftritt von Markus Lanz, seinen mittlerweile dritten. Lobpreisungen wie damals bei Thomas Gottschalk blieben auch da aus. Vielleicht sind auch die Zeiten anders. Heutzutage liest sich ein Lob, ein "Weiter so" eher so: "Alles nicht weiter spektakulär, alles auf Nummer sicher, nach diesem schweren Unfall eines Wettkandidaten, der zum Rücktritt von Thomas Gottschalk geführt hat", schreibt der "Tagesspiegel" und erklärt, warum die Show auch 25 Jahre nach Thomas Gottschalks Premiere noch immer so erfolgreich ist. "Weil sie da ist wie ein Berg. Weil sich knapp neun Millionen Zuschauer nicht irren können, auch wenn es seit Jahren insgesamt weniger werden. Weil "Wetten, dass..?" "Wetten, dass..?" ist, ein sich selbst erhaltendes System, das weder Lanz noch Gottschalk noch Cindy aus Marzahn zerstören können."

Das "Supertalent" mit Thomas Gottschalk ist seit diesem Samstag Geschichte. "Wetten, dass..?" geht weiter. Markus Lanz wiederum wünscht sich wohl nichts sehnlicher als seinen persönlichen "Durchmarsch" hin zu Spiel, Spaß und einer richtig guten Samstagabend-Show. Vielleicht sind ja diesmal aller guten Dinge nicht drei, sondern vier. Am 19. Januar 2013 wird es sich zeigen.

Foto: dpa

Der angekündigte Höhepunkt der jüngsten Ausgabe von „Wetten, dass?“ dauerte nur zwei Sekunden: Markus Lanz gewährte am Ende der dritten Ausgabe mit ihm als Moderator einen kurzen Blick auf seinen nackten Oberkörper. Falls der echt war, war er zumindest reichlich geschminkt.

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